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Sven Väth im Interview mit der Bild am Sonntag


“Für meine Tochter hörte ich auf zu Koksen” – In der heutigen Ausgabe der Bild am Sonntag ist ein größeres Interview mit dem Frankfurter DJ Sven Väth zu finden. Dort spricht der 46-Jährige, dem neben einem eigenem Club auch drei Restaurants, Ticket-, Künstler- und Eventagenturen sowie ein eigenes Plattenlabel gehören, über sein derzeitiges Leben, seine Vergangenheit und über seinen 11-monatigen alten Sohn Liam Tiga. Zudem erklärt Väth, wieso die Geburt seines ersten Kindes Paulina, die inzwischen 22 Jahre alt ist, ein einschlägiges Ereignis in seinem Leben war.

Teil 1 des Interviews:

Deutschlands dienstältester Techno-DJ Sven Väth, 46, über Vinylwahn, Windeln wechseln, Feierei als Business und wie er nach der Geburt seiner Tochter mit Koksen aufhörte.

Und das soll der Mann sein, der nachts nicht schläft? Sven Väth, 46, wippt auf einem Drehstuhl zwischen unverputzten Wänden seines Büros in Frankfurt. Sein Teint ist gebräunt, sein Blick fixiert den BILD-am-SONNTAG-Reporter. Vor vier Stunden ist Väth von Ibiza zurückgekommen. Er hat dort im größten Club der Insel aufgelegt, auf den Shirts der Väth-Fans stand das Motto des DJs: „It’s all about Feierei“.

Die Feierei geht nun ins dreißigste Jahr, Väth ist Deutschlands dienstältester Techno-DJ. Hier, im fünften Stock des „Ufos“, wie der Büro-Betonklotz im Gewerbegebiet heißt, wacht er über sein Techno-Imperium mit eigenem Club, drei Restaurants, Ticket-, Künstler- und Eventagenturen, einem Plattenlabel. Sein Büroleiter serviert eine Dose Red Bull.

BILD am SONNTAG: Herr Väth, Sie kommen auf 125 Auftritte im Jahr, haben in den vergangenen drei Monaten unter anderem in São Paulo, New York, Adelaide, Tel Aviv und Detroit aufgelegt. Wo sind Sie zu Hause?

SVEN VÄTH: Frankfurt ist mein ­gefühltes Zuhause. Aber heimisch und glücklich bin ich dort, wo ich die Massen zum Ausrasten bringen kann.

All die Flüge, nachts arbeiten. Klingt nach irrem Stress.

Damit es nicht zu anstrengend wird, gönne ich mir einige Privilegien. Wenn ich auf einen anderen Kontinent reise, fliege ich erste Klasse. Während meiner Europatour im Sommer miete ich mir einen Privatjet. Dann lebe ich mit meiner Familie in unserer Finca auf Ibiza.

Und im Herbst?

Bin ich in Frankfurt, im Winter in Thailand in einer gemieteten Villa. Die Zeit dort brauche ich, um im asiatischen Einklang zu schwingen.

Sie sind bekannt dafür, 16 Stunden lange Sets zu spielen, wie es im DJ-Slang heißt.

So viele Stunden am Stück spiele ich nur noch fünf, sechsmal im Jahr. Die wohl größte Aufgabe im Leben ist es, seine Balance zu finden. Wer ein lautes Leben lebt, braucht auch eine stille Oase. Entweder Vollgas oder absolute Ruhe, das ist meins. Alles dazwischen langweilt mich.

Wie starten Sie in einen stillen Tag?

Ich schlafe sechs bis acht Stunden, zum Frühstück gibt es Naturjoghurt mit Papaya und Mango und frisch gepressten Orange-Karotte-Apfel-Ingwer-Saft.

Was tun Sie sonst noch für Ihre Fitness?

In Frankfurt habe ich meinen Personal-Coach und meinen Masseur. Ich fahre Rad, schwimme, stretche, manchmal meditiere ich. Jedes Jahr im Oktober entschlacke ich in Traben-Trarbach mit Ayurveda.

Eifel statt Indien – warum?

In Indien habe ich Ayurveda vor 20Jahren lieben gelernt. Aber jedes Jahr dorthin fliegen? Zu aufwendig. Ich will meine Ruhe und ich mag deutsches Herbstwetter. Allein die Anfahrt durch den Wald mit all seinen Farben und den Wildsäuen am Straßenrand. Ich gehe spazieren, denke nach, lese Bücher japanischer Schriftsteller. Danach trinke ich drei, vier Monate keinen Alkohol, esse kein Fleisch. Ich höre sogar sechs Wochen keine Dance-Musik.

Ihr Lieblingsgeräusch?

Plätscherndes Wasser.

Klingt fast zu normal für einen Mann, der seit 30 Jahren DJ ist.

Ich schultere die Verantwortung für meine 100 Mitarbeiter und für meine Familie. Ich darf mein Pulver nicht verschießen und gehe sorgfältig mit meiner Zeit um: Ich verpasse kein Flugzeug, bin noch nie zu spät zu einem Auftritt gekommen.

Bei bis zu 50 000 Euro Gage am Abend darf man Pünktlichkeit erwarten.

Die Höhe der Gage hängt vom Anlass und der Location ab. Es gibt Festivals, da werden schon mal solche Summen gezahlt.

Schwer vorstellbar, dass Sie Ihre Extrem-Auftritte ganz ohne Drogen durchhalten.

Meine Lieblingsdroge war immer die Musik. Sie hat die stärkste Kraft. Ecstasy hat in den 90ern unheimlich gekickt, man konnte länger tanzen, erlebte Techno intensiver. Früher habe ich auch gern gekifft. Heute probiere ich nichts mehr aus. Ich habe sogar aufgehört zu rauchen.

Mit welcher Droge legt man am besten auf?

Mit Champagner.

Und mit welcher geht gar nichts?

In Holland habe ich mal Super-skunk-Gras geraucht. Das ging total in die Hose. Ich stand völlig verunsichert in der DJ-Kanzel, wusste nicht, ob die Musik zu laut oder zu leise ist, was ich als Nächstes spielen sollte.

1989 waren Sie kokainsüchtig.

Ein Riesenfehler. Bei der Geburt meiner Tochter Paulina war ich so verstrahlt, dass ich dachte, so geht es nicht weiter. Ich hatte die Erkenntnis, dass ich nur ein guter Vater sein kann, wenn ich mit dem Zeug aufhöre. Seitdem habe ich nie wieder gekokst. Sonst würde ich heute nicht hier sitzen. Dafür danke ich meiner Tochter.

Wie sind Sie von der Sucht losgekommen?

Ich bin nach Indien geflogen und habe meine erste Ayurveda-Kur gemacht, mich völlig entschlackt.

Paulina ist heute 22 Jahre alt. Was raten Sie ihr, wenn Sie mit ihr über Drogen reden?

Ich kann nicht den Moralapostel spielen. Paulina soll vorsichtig sein und sich informieren, bevor sie etwas nimmt. Das rate ich jedem. Jeder muss sich bewusst machen, dass es da draußen viel Schrott gibt, es wird viel gepanscht. Der THC-Gehalt in Marihuana ist heute hundertmal so stark wie in den 80er-Jahren. Man muss verdammt aufpassen, wenn man etwas nimmt. Und darf vor allem kein Auto fahren.

Ihr Sohn Liam Tiga ist elf Monate alt. Kann ein DJ überhaupt ein guter Vater sein?

Natürlich. Ich arbeite zwar abends und nachts, aber das geht ja auch anderen Eltern so.

Die sind allerdings nicht das halbe Jahr irgendwo in der Weltgeschichte unterwegs.

Ich verbringe so viel Zeit mit Tiga, wie ich kann. Ich wechsele seine Windeln, wir planschen im Wasser. Er liebt es, wenn ich ihn kitzele. Er spielt auch schon an meinen Plattenspielern herum und groovt mit, wenn ich meine Musik höre. Er hat einen ziemlich guten Hüftschwung.

Warum haben Sie und Ihre Frau Nina nach buddhistischen Ritualen geheiratet?

Ich glaube nicht, dass es einen Gott gibt, aber Buddhismus gefällt mir. Und ist mehr eine Philosophie.

Teil 2 des Interviews:

Wenn Sie nicht gläubig sind, warum haben Sie Ihren Sohn dann auf Ibiza katholisch taufen lassen?

Ich bin nach der Konfirmation aus der Kirche ausgetreten, aus Überzeugung. Aber die christlichen Werte haben mir gut getan. Und diese Erfahrung soll auch mein Sohn machen. Wenn er groß ist, kann er selbst entscheiden, was er möchte. Außerdem werden in der Kirche so schöne Lieder gesungen.

Wie wurden Sie erzogen?

Sehr frei. Meine Mutter hat mir vertraut, darum war ich früh selbstständig. Ich habe mit 16 Jahren angefangen Geld zu verdienen, hatte mit 17 meine erste eigene Wohnung. Ich habe jeden Abend aufgelegt, 50Mark habe ich dafür bekommen.

Wie wurden Sie Discjockey?

Im Sommer 1981 nach meinem Hauptschulabschluss in Obertshausen trat ich eine Lehrstelle als Schlosser an, schmiss sie aber wieder. Irgendwann brachte mir der Postbote mein Arbeitslosengeld, 800 Mark. Ich rief einen Kumpel an, sagte: „Geil, lass uns abhauen.“ Wir sind nach Ibiza getrampt, waren drei Monate unterwegs. Wir hausten auf geklauten Liegestühlen im Pinienwald, haben wochenlang in Open-Air-Clubs gefeiert. Ich habe Joints geraucht, viel geflirtet und leidenschaftlich getanzt. Das war meine musikalische Erweckung. Als ich zurückkehrte, fühlte ich mich erleuchtet.

Wie reagierten Ihre Eltern?

Mein Vater war nicht begeistert. Muddi (Sven Väth, gebürtiger Hesse, spricht ,Mutti‘ mit Akzent aus) dagegen fragte mich: „Was ist passiert? Du siehst so happy aus.“ Ich erzählte ihr von den Partys, von der Musik. Muddi sagte: „Dann solltest du DJ werden.“

Ihre Eltern führten damals einen englischen Pub.

Ein paar Wochen nach meiner Rückkehr fiel unser DJ aus. Ich besuchte gerade Freunde in Düsseldorf, als mich Muddi anrief: „Sven, komm nach Hause, du musst auflegen.“ Ich dachte nur: Geil! Und fuhr sofort zurück. Das war das größte Geschenk, das meine Mutter mir machen konnte.

Was haben Sie gespielt?

Michael Jackson, Diana Ross, Tina Turner. Viel Foxtrott. Techno gab es noch nicht. Meine Mutter war völlig aus dem Häuschen.

Hatten Sie keine Angst, als DJ nicht überleben zu können?

Es ging ja immer weiter. Und als Techno größer wurde, spürte ich, dass diese Musik es schaffen wird. Dass sie weltweit die beherrschende Tanzmusik werden würde. Und so kam es auch. Es ist wichtig, an Träume zu glauben. Alles andere kann man sich selbst beibringen.

Welchen Beruf geben Sie an, wenn Sie sich in einem Hotel einschreiben?

Künstler.

Haben Sie Verständnis dafür, wenn Techno als seelenlos beschrieben wird, weil nicht handgemacht?

Tut mir leid, dem ist nicht so. Da stehen Menschen, die diese Musik machen. Heutzutage wird alles elektronisch produziert, von Soul bis Rock.

Mit 21 waren Sie Popstar. Als Sänger der Band OFF.

Stimmt, „Electrica Salsa“ war ein Megahit in den Charts. Es gab „Bravo“-Starschnitte von mir. Aber damals hatte ich keine Ahnung, wie das Geschäft funktioniert. Meine Mitproduzenten zogen mich über den Tisch. Sie gaben mich nicht als Autor des Songs an, haben selbst kassiert.

Drei Jahre später hatten Sie Ihren ersten Club, das „Omen“, seitdem sind Sie Musiker und Unternehmer. Was erfüllt Sie mehr?

Die Basis für alles war meine ­Leidenschaft fürs Tanzen. Ob als Clubbetreiber oder Beat-Dirigent an den Plattenspielern, die Mission ist immer die gleiche, nämlich die Leute nicht mehr von der Tanz fläche gehen zu lassen.

Trotzdem waren Sie 1996 fast pleite.

Bei den ersten „Cocoon“-Partys war ich zu idealistisch. Ich habe auf Sponsoren verzichtet und damals eine halbe Million Mark verloren. Ich war total down. Und habe trotzdem weitergemacht.

Stimmt die Legende, dass Sie früher während Ihrer Sets Sex mit Groupies hatten?

Kann nicht sein. Ich hatte vielleicht Sex mit der Musik. Groupies haben in der DJ-Kanzel nichts zu suchen. Die trifft man eher auf den After-Hours. In den 80er-Jahren war ich wild. Da hatte ich meinen Spaß.

Wo auf der Welt kann man am besten feiern?

In Deutschland! Wir haben die größten Freiheiten. Vor allem in Berlin. Dort können die Clubs öffnen und schließen, wann sie wollen. Das ist einmalig auf der Welt.

Sie leben seit zehn Jahren mit Tinnitus, dem Pfeifen im Ohr . . .

. . . ich habe den Tinnitus mal rechts, mal links, mal kommt, mal geht er. Sport und Sauna helfen dagegen.

Und andere Zipperlein?

Nichts. Mein Arzt fragt sich, wie das bei meinem Leben möglich ist. Sind vermutlich die guten Gene von Muddi.

Quelle: www.bild.de/unterhaltung/musik/sven-vaeth/interview-teil1-19141972.bild.html

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