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Paul Brtschitsch (Rootknox): “Kapitalistische Aspekte im Vorzug zu den künstlerischen kotzen mich an”


Musikalisch stark geprägt durch die Frankfurter Clubs, wie das Omen und die ehemalige Box und deren DJ’s, zog es den geborenen Berliner Paul Brtschitsch vor sechs Jahren zurück in seine Heimatstadt. Mit André Galluzzi betrieb er über ein Jahrzent das Label “Taksi” in Frankfurt. Vor fünf Jahren gründete er sein eigenes Label “Rootknox”, steht vor der Eröffnung einer Musikschule und möchte, dass momentan alles genau so bleibt, wie es ist.

Paul Brtschitsch spricht im trndmusik-Interview über Sehnsucht nach der Heimat, Angepasstheit, die Ambivalenz der Musikszene, wie er seinen zweiten Frühling als DJ genießt und was “Rootnox” mit organischen, bunten, holzigen Soundwelten zu tun hat.

trndmusik: 2006 bist du zurück in deine Heimatstadt Berlin gezogen und hast zusammen mit Anja Schneider das Album „Beyond the valley“ produziert. Wie unterscheidet sich Berlin musikalisch von anderen deutschen Großstädten? Ist dir Hessen irgendwann zu klein geworden?

Paul Brtschitsch: Nein, nicht zu klein. Ich bin sehr sehr dankbar über die Einflüsse, die ich in den 90ern dort erfahren durfte: XS, Nachtleben, Omen und die ganzen Parties, wie zum Beispiel die von Ricardo unter der A5. Das alles war, und ist prägend auf alle Zeit! Mit der Schließung des Omens kam eine Zeit, in der mir auf einmal die Interpretationsfläche, also da wo man seine Produktionen hineindenkt, wegbrach. Auf einmal war dieser Club am Rossmarkt da, samt seinen eigenwillig uniformiert wirkenden “Schranz” Publikums.

Apropos – was ist aus dem Trend der Vogelnestfrisuren und diese schrecklichen Nylonhosen heute eigentlich geworden?

Wie dem auch sei. In der Zeit habe ich keinen Sinn mehr gesehen ausschließlich für Techno zu gehen. Ich erinnere mich an Liveacts, bei denen ich nach den ersten zwei Takten schon ein aufgebrachtes, unter “Strom” stehende Visage vor mir stehen hatte, die mir “härter und schneller” entgegenrief. Man war das trist! Und das alles nach den euphorischen 90ern! Da war für mich auch erst mal Schluss und ich habe mich vornehmlich Trip Hop und Downbeat-Projekten gewidmet.

2006 wollte ich wirklich zurück in meine Geburtsstadt, denn das war immer in mir drin: die Verbundenheit und das Heimatgefühl, als ich André dort besuchte. Wobei ich das mit Hessen mittlerweile auch wieder so empfinde! Berlin war mit dem damaligen Ostgut und all dem, was sich so an neuen Locations aufgetan hat in meinen Augen wesentlich spannender zu der Zeit.

trndmusik: Mit André Galluzzi zusammen hast du 1995 das Label „Taksi“ gegründet. Kennengelernt habt ihr euch bei „Neuton“. Wie entstand eure musikalische Kooperation und gibt es derzeit noch gemeinsame Projekte?

Paul Brtschitsch: Wir waren damals alle bei Neuton eine Zeit lang die “Lagerhoschis”: Ricardo, André und später auch Anthony Rother. Da hat sich schnell herauskristallisiert, wer welchen musikalischen Geschmack hat. Mit André stimmte dieser sehr überein, sodass wir uns irgendwann in meinem ersten provisorischen Heimstudio wieder fanden. Mit einem Ziel: Musik zu machen, die auch im Omen von Sven gespielt wird. Und so kam es ja dann schließlich auch. Das ging fast zehn Jahre mit dem Label. André ist dann zu Cocoon gegangen und irgendwie war es die Zeit, wo ich die Szene einfach satt hatte. Dadurch ging es unter anderem irgendwann auseinander. Heute gibt es keine Projekte mehr. André macht mittlerweile ein neues Label mit Dana Ruh und ich habe eben meine neuen Projekte.

trndmusik: Ende der 90er zähltest du zu den ersten deutschen erfolgreichen Produzenten. Würdest du sagen, dass du dich musikalisch gewandelt hast? Wenn ja, wie?

Paul Brtschitsch: Das ist mir neu?! Die damals einschlägigen Szenesprachrohre im Printbereich haben das jedenfalls nicht so gesehen.

Ich denke Ende der 90er gab es wahrscheinlich einfach ein Tausendstel an Produzenten im Gegensatz zu heute – wodurch man wahrscheinlich die Möglichkeit hatte, wesentlich mehr herauszustechen. Es war in meinen Augen auch legitimer einen eigenen Stil zu fahren und dafür Anerkennung zu bekommen. Zumindest konnte man das damals, ohne zu verhungern. Ich denke manchmal, dass heute viele vom Konsens zum Einheitsbrei gedrängt werden.

Es war eben genau dieser allgemeine Drang zur Uniformierung, der mich hat ein wenig müde werden lassen für die Sache weiterhin so intensiv zu gehen. Kapitalistische Aspekte im Vorzug zu den künstlerischen kotzen mich sowieso vordergründig an – da wollte ich nicht meinen Teil zu beisteuern! Atmo/Brtschitsch “change your life” war ein Resultat diese Antihaltung; dennoch war dies keine Punk-Platte!

trndmusik: Bisher warst du eher als Produzent tätig oder bist als Liveact aufgetreten. Jetzt kann man dich aber auch wieder als DJ hören. Woran lag das? Erschien dir das Auflegen von Platten zu simpel?

Paul Brtschitsch: Auf keinen Fall! Auch das war etwas, was ein bisschen der alten Zeit geschuldet ist. In dem Taksi Projekt war klar, dass André DJ ist und ich der Liveact bin. Wenn man zu viel live spielt, nutzt man sich in seiner eigenen Soundwelt irgendwann ab. So ging es mir zumindest. Auflegen ist eine super Inspirationsquelle und ich erlebe darin gerade so etwas wie meinen zweiten Frühling, auch weil es Freude bringt, seine eigenen Produktionen im Umfeld anderer anzutesten. Ich selektiere die Livegigs heutzutage mehr und behalte mir das vornehmlich für Locations vor, die mir auch sinnvoll für “Live” erscheinen.

trndmusik: Was passiert momentan auf deinem eigenen Label „Rootknox“ und woher kam dieser „back to nature“ Gedanke?

Paul Brtschitsch: Ich weiß selbst nicht, was passieren wird. Folge ich dem wirtschaftlichen Aspekt – muss ich es sein lassen. Auf der anderen Seite lebe ich in meiner eigenen Soundwelt und die hat ein eigenes Label verdient. Insofern werde ich meinen frisch fertiggestellten sechsten Solo-Longplayer jetzt ziemlich sicher auch dort veröffentlichen. Das mit “back to nature” ist ja in dem Ausdruck schon fast erklärt. “back”- ich bin einfach von früher nach wie vor schwer inspiriert und “to nature” – ich steh auf organische, bunte, holzige Soundwelten.

trndmusik: Als Künstler hast du viel erlebt, gesehen und auf allen Erdkontinenten der Welt gespielt. Gibt es noch persönliche Wünsche oder Träume, die du dir erfüllen möchtest?

Paul Brtschitsch: An erster Stelle steht die Eröffnung einer elektronischen Musikschule, an der wir schon seit einem Jahr arbeiten. Allerdings sind wir leider durch die aktuellen Produktionen für Tresor (Puresque “Leitmotiv”) und meinem neuen Album immer noch nicht zu deren Eröffnung gekommen sind. Die CEM soll dennoch dieses Jahr endlich ihre ersten Kurse anbieten. (www.cem-berlin.de)

Ich war auch schon viel durch die Musik unterwegs, aber Deutschland ist schon ein verdammt schönes Land in vielerlei Hinsicht. Gerade der Norden und der Osten tut es mir sehr an. Ich hätte vielleicht gerne irgendwann einen alten Bauernhof in Mecklenburg oder Brandenburg, aber eigentlich ist auch alles gerade gut, wie es ist. Es soll einfach so bleiben!

Das Interview führte Sarah Schlifter.

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