Irwin Leschet (Silberschwein): „Die Silberschwein und auch meine Sets stehen dafür, dass es bei uns keinen Genrefaschismus gibt“


Irwin Leschets Leben ist Musik: Er ist DJ, Produzent, an vier Labels beteiligt und Mastermind, Booker, Künstler sowie Organisator der Partyreihe „Silberschwein“ – ein musikalisch explizit undogmatisches Event, das als Trendmeter aus dem Kölner Nachtleben nicht mehr wegzudenken ist.

Nun steht für den umtriebigen Irwin Leschet sein zwanzigjähriges DJ-Jubiläum auf dem Spielplan.
Im Interview mit trndmusik erzählt er bei einem Kaffee und lauschiger Jazzmusik über seine Zukunftspläne, das Projekt Leschet & Wilde und was er sich für die Party- und Musikszene in der Domstadt noch wünschen würde.

trndmusik: Du feierst jetzt dein zwanzigjähriges DJ-Dasein. Das ist ganz schön beachtlich. Erzähl uns doch mal, wie das bei dir mit der Leidenschaft zur Musik anfing.

Irwin Leschet: Abgesehen davon, dass ich auf Klassenpartys immer der war, der mit Kassetten hinter dem Verstärker und Kassettendecks in den Blockhütten stand, habe ich 1992 angefangen richtig aufzulegen. Das war damals in Trier im Exhaus, das es heute immer noch gibt. Dort habe ich die ersten Partys veranstaltet. Die Musikrichtungen waren aber eher noch Crossover, Indie und Darkwave, was ich auch selbst gehört habe. Techno kam circa 1993 dazu. Damals habe ich mir dann meine beiden Technics 1210 gekauft, die ich bis heute auch noch nutze. Die letzten CD’s habe ich mir Ende der 90er Jahre angeschafft.

Als Jugendlicher habe ich Popmusik gehört. Da habe ich mir Peter Schilling oder „Send me an Angel“ von Real Life auf eine BASF 90 auf beiden Seiten bespielt und fand das toll. In den 80er Jahren war noch nicht viel mit Techno bei mir, die Acid House-Welle Ende der 80er hat mich nicht tangiert. Bis zur HR3 Clubnight Anfang der 90er. Da habe ich Techno für mich entdeckt.

trndmusik: Wird es zu deinem runden DJ-Geburtstag etwas Besonderes geben? Machst du eine kleine Party für Dich und deine engsten Freunde?

Irwin Leschet: Ich überlege noch. Zum 18., also zur „DJ-Volljährigkeit“, habe ich einen Abend im Scheuhen Reh veranstaltet, der total nett und sauvoll war. Da habe ich ein 9-Stunden-Set gespielt und musikalisch richtig weit ausgeholt. So etwas in der Art schwebt mir vor. Kürzlich hat mit dem Reinecke Fuchs ein neuer Club aufgemacht, der eine gute Funktion-One Anlage und eine angenehme Größe hat. Ich denke, dort werde ich mein Jubiläum feiern.

trndmusik: Du hast ja nicht nur ein Label. Nein, du hältst insgesamt vier. Erzähle und doch etwas zu deiner ganzen Labelarbeit. Was passiert da gerade?

Irwin Leschet: Nach einem längeren Projekt 2008 habe ich eine Pause eingelegt. Da sprach mich der Verleger von unserem Musikprojekt Leschet&Wilde, Stefan Benn, an, ob wir nicht zusammen ein Label machen wollen. Er ist unter anderem auch Medienrechtsanwalt und kennt sich bestens mit den Themen GEMA, GVL, VUT usw. aus. Also mit all dem, was ich im Musikbusiness eher „unsexy“ finde.

Wir haben daraufhin vier Monate konzipiert und es stellte sich heraus, dass wir eigentlich zwei Labels brauchen: ein etwas clubbiger und eines für eher handgemachte Musik, weil die mögen wir eben auch. Mit Panmondial und Silberschwein sind wir an den Start gegangen und haben sie 2009 angemeldet.

Anfangs haben wir viel elektronische Musik zugeschickt bekommen, die nicht für den Dancefloor geeignet, aber sonst einfach total schön war. So wurde das dritte Label geboren: Beats Beyond. Im Sommer 2011 fusionierten wir dann noch mit dem Label Soulplex Records von Jörg Kühnel aka Souleil, der als Resident auch den Soul- und Funk-Floor auf der Silberschwein betreut. Da wir alle drei auch noch „normale“ Jobs haben, passt das ganz gut, dass wir Promo und Marketing zusammengelegt haben. Und plötzlich hatten wir vier Labels.

trndmusik: Du hast eigene Eventreihen, bist Mitbesitzer von vier Labels, legst auf und produzierst fleißig. Irgendwann musst Du auch mal deine Batterien wieder auftanken. Wie machst Du das am besten?

Irwin Leschet: Ja, es ist schon manchmal viel. Vor allem weil ich ja auch noch einen „normalen“ Job in der IT-Branche habe, mit dem ich viele der genannten Bereiche mitfinanziere. Aber wenn das Ganze keinen Spaß machen würde, würde es nicht gehen. Einerseits ist es die Liebe zur Musik, anderseits aber der Spaß etwas mit Menschen zusammen zu machen. Mir sagt man nach, dass ich eine Intention habe, Synergien zu entdecken und Menschen zusammenzuführen. Ich binde gerne Freunde und Bekannte in Projekte ein.

Meine Idealvorstellung ist, dass alle ihre jeweiligen Stärken mit einbringen und man mit einer Art familiären Struktur zusammen arbeitet und diverse Projekte sowie Ideen verbindet. Das „Auftanken“ der Energien entsteht so zum Beispiel, wenn ich mit Freunden eine Radiosendung produziere. Davon abgesehen esse und reise ich sehr gerne. Wie ich diese beiden Passionen in das ganze Musik-Ding einbinde, muss ich noch schauen.

trndmusik: Hattest Du denn bisher Momente in deiner Laufbahn, in denen Du das Gefühl hattest, dass Dir alles zu viel wird und Du hinschmeißen möchtest?

Irwin Leschet: Ne, also hinschmeißen noch nie. Ich merke nur manchmal, dass ich keine 100 Prozent geben kann. Wenn ich beispielsweise in meinem IT-Job viel zu tun habe und ein Event zu planen ist. In der Regel gibt es jedoch in allen Bereichen Backups, also Menschen, die das temporär auffangen können. Beim Label setzen wir uns realistische Release-Termine und sprechen diese frühzeitig mit den Künstlern ab. Da wir noch andere Jobs haben, bringen wir eine Platte eventuell nicht in drei Wochen, sondern eher in zwei Monaten heraus. Dann aber smooth und mit ausreichend Vorlauf, um den Stress für alle Beteiligten zu reduzieren.

trndmusik: Was macht eine Silberschwein Party aus?

Irwin Leschet: Die Gäste, das entspannte Miteinander und natürlich die Musik. Wir haben es geschafft, dass die Gäste wegen der Party und der Stimmung an sich kommen und nicht wegen gebuchten Star-DJs. Für mich war die Silberschwein auch immer ein wenig das Trüffelschwein unter den Partys. Ich konnte DJs, die ich beispielsweise auf SoundCloud gefunden habe, die aber bisher kaum auf Partys oder in Clubs gespielt hatten, buchen. Die Musik war super, der Name des DJs unbekannt. Das funktioniert auch heute noch sehr gut. Wobei wir mittlerweile zwar durchaus auch bekanntere DJs buchen, aber nur, weil es davon auch welche gibt, die toll auflegen.

Ursprünglich lief 2004, als wir anfingen, sehr viel Bastard-Pop bei uns. Anderthalb Jahre später war es ein Trend und es gab auch andere Bastard-Pop Floors in Köln. Eine Zeit lang hatten wir auf dem Elektro-Floor auch so Ed-Banger mässige Sounds, mittlerweile läuft bei uns eher deeper House, gerne auch mal mit Vocals. Teilweise auch langsamer als 120 Bpm. Mir gefällt das ja ganz gut, was so aus der Ecke Kater Holzig, Bar25 oder Bachstelzen kommt. Ich mag aber auch nach wie vor Bootlegs oder Remixe von guten Sachen, also wenn auch mal bekannte Elemente mit reinkommen.

Die Silberschwein und auch meine Sets stehen dafür, dass es bei uns keinen Genrefaschismus gibt. Wir sind offen für viele Musikstile und Richtungen. Das ist auch etwas, was ich an anderen DJs total schätze: Wenn sie es schaffen, in einer Stunde in einem Set die verschiedensten Genres zu spielen. Wenn er sozusagen eine Geschichte mit seinem Set erzählt. Damit meine ich nicht, dass ein Minimal-DJ auch mal einen Progressive-House, einen Vocal-House und einen Balearic-House Track mit einbaut, sondern dass sie ruhig auch zwischendurch mal ein Drum’n Bass Stück spielen können oder Hip Hop, wenn es passt. Ein guter DJ sollte das drauf haben. Und das Silberschwein Publikum weiß es zu schätzen.
Kein Schubladen-Denken – Das ist das, was ich gut finde.

trndmusik: Silberschwein ist dein Baby. Hättest Du Dir 2004 schon träumen können, dass es mal ein fester Bestandteil der Kölner Partyszene wird?

Irwin Leschet: Da habe ich mir natürlich keine Gedanken gemacht. Man macht etwas, weil man es gut findet und nicht, weil man sich fragt, wie es irgendwann sein wird. Es ist auch nicht so, dass ich mir täglich bewusst mache, dass das Silberschwein mittlerweile diesen „festen Platz“ gefunden hat. Wir haben jetzt bald Achtjähriges und ich muss sagen, dass es dadurch nicht unbedingt leichter wird. Klar, es wird etwas einfacher, wenn man nach einer Location sucht, aber man muss sich doch immer wieder neu erfinden, ohne die Grundidee zu verraten. Neben der Musik probieren wir ja gerne auch weitere Dinge aus -sei es mit Artisten, die auf der Party „in den Seilen hängen“ oder neuen Licht-Konzepten. Auch hier freue ich mich immer, wenn jemand mit einer Idee kommt und diese auf der Silberschweinparty umsetzen will.

Ich denke, wenn wir das nicht ständig hinbekommen, dieses „etwas neu machen“, sind wir die längste Zeit ein fester Bestandteil gewesen. Also auf Lorbeeren ausruhen klappt nicht. Trotzdem freue ich mich, dass wir mit dem Schwein aktuell sehr gut da stehen und es beispielsweise in diesem Jahr an der Fusion-Turmbühne platzieren konnten.

trndmusik: Wie viel Vorlaufszeit nimmst Du Dir für ein Event?

Irwin Leschet: Das Jahr ist, was die Termine angeht, komplett durchgeplant. Ich mache die Termine für die Locations, wie Bahnhof Ehrenfeld und Stadtgarten recht früh. Das Booking mache ich so drei oder vier Monate vorher. Oft lasse ich einen DJ-Slot aber auch bis kurz vor Plakat-Druckunterlangen Schluss frei, um noch etwas aktueller reagieren zu können.

Ich buche auch nicht mehr als drei oder vier DJs pro Floor, weil ich schon finde, dass jeder mindestens zwei Stunden Spielzeit haben sollte. Die „ausser der Reihe“-Events, die eher in Offlocations stattfinden, lassen sich meist nur kurzfristiger planen. Das kann schon stressig sein, aber mittlerweile habe ich auch einen sehr guten Kontakt zu Technik-Verleihern und Getränke-Lieferanten, um auch hier notfalls, beispielsweise Wetter bedingt, noch zwei Tage vor einem Event ein „go“ zu geben oder es zu verlegen. Letzteres ist gerade schon zweimal mit unserem kleinen Silberschwein Open Air-Picknick geschehen, dass wir für einen eher kleinen Kreis von 200 bis 300 Leuten veranstalten.

trndmusik: Wie lange wird es noch weitergehen mit Silberschwein? Ist nach zehn Jahren Schluss?

Irwin Leschet: Geplant ist in der Richtung nichts, nein. Aber Ich werde aufhören, bevor es schlecht wird. Da bin ich sicher. Ich kann mir derzeit schwer vorstellen, dass ich mir mit 50 noch viele Nächte als Club-DJ um die Ohren schlagen möchte. Vielleicht tut es dann ein Job als Radio-DJ. Oder ich verkaufe die Silberschwein für eine Unsumme und mache finally einen Goldesel daraus. Ganz im Ernst: Ich weiß nicht, wann Schluss sein wird. Hoffentlich noch nicht in zwei Jahren.

trndmusik: Ich bin lediglich Clubbesucherin, aber finde es selbst da schon schwierig, einen Überblick über die lebhafte Szene zu behalten. Ständig schießen neue Labels, Künstler und Clubs aus dem Boden. Wie hältst Du Dich up to date?

Irwin Leschet: Viele neuen Sachen kommen eigentlich in Facebook über YouTube-Links zu mir. Außerdem höre ich mir DJ-Sets auf Soundclound oder Mixcloud an und finde dort immer wieder interessante Stücke und Artists.
Ich recherchiere gerne über Hypemachine. Lese aber auch alle Ausgaben vom Faze Magazin, der De:Bug oder der Groove. Wenn dann noch der komplette Freundes- und Bekanntenkreis irgendwie musikaffin ist, kann man sich über Informationsmangel nicht beklagen.

trndmusik: Im Januar dieses Jahres ist eure CD mit dem Titel „Switch your phaser to kill“ (Leschet & Wilde) erschienen. Erzähl mir noch ein bisschen was zu diesem Projekt.

Irwin Leschet: Seit Anfang der 90er sammelte ich Synthesizer und habe viel damit herumgespielt. Aber „Musik machen“ konnte man das noch nicht nennen. Ich bin 1996 nach Köln gezogen und war das erste Mal im Liquid Sky, wo viele Konzerte stattfanden. 80 Prozent der Geräte, die da auf der Bühne standen, hatte ich im Wohnzimmer stehen. Mich hat das total beeindruckt, wie beispielsweise Air Liquide, Holger Czukay oder Mike Inkk damit live Musik machten. An meinem ersten Abend im Oktober 1996 habe ich Ingmar Koch, den Inhaber vom Liquid Sky kennengelernt und drei Wochen später habe ich das erste Mal dort aufgelegt. Dann war ich drei Jahre wirklich fast jeden Tag dort und wurde Resident und ich war nicht mehr alleine, was das Musik machen mit Synthies anging.

1997 erschien dann mein erster Track auf Vinyl, der zweite war mit dann schon mit Coldcut und Air Liquide auf einem Sampler. Mit Micha aka Sirius Lee Wilde bin ich schon ziemlich lange befreundet. Er macht seit Ende der 90er Musik und wir haben uns oft auf Partys getroffen und immer gesagt, dass wir mal was zusammen machen sollten.

Im Januar 2006 haben wir uns dann zusammengesetzt und es hat von Anfang an sofort super harmoniert. Im Gegensatz zu mir ist er „richtiger“ Musiker: Er kann Klavier, Gitarre und Schlagzeug spielen. Ich habe nur Knöpfchen drehen gelernt. Wenn man es herunter bricht, ist Sirius der Mann für die richtigen Notenfolgen und Harmonien. Außerdem kann er das Studio blind und sackschnell bedienen. Ich bin eher der Soundfrickler und kann als DJ vielleicht eher Vorschläge für die Trackstruktur machen.

Wir hatten ein paar kleine Veröffentlichung, haben ein paar Remixe gemacht und wollten dann endlich das Album rausbringen. Den Namen dafür hatte ich 1988 auf der Toilettenwand meines damaligen Lieblings-Ladens gelesen. Wir haben 10 der circa 30 Track, die wir in sechs Jahren gemacht hatten, ausgewählt, die Älteren teilweise noch mal neu gemixt und mit Feldaufnahmen, die wir mit einem Kunstkopf-Mikrofon gemacht haben, verbunden.

Das Album soll ganz klar eine Geschichte erzählen. Wir haben U-Bahn Atmos mit modifizierten Ansagetexten oder Aufnahmen von Hindu- und christlichen Priestern im Südindischen Kerala, wo wir waren, gemixt. Zum guten Schluss hat xxxhibition, ein befreundeter Street Art-Künstler hier aus Köln dann die Covergrafik gestaltet, und auch 100 Blechdosen individuell besprüht. Die geben wir als limited Edition Alben raus. Sie sehen klasse aus. Es war ein schönes Gefühl, als das Album fertig war – und wir bekommen von vielen Seiten Lob dafür.

Aktuell sind wir wieder im Studio. Das kommende Album braucht sicher keine sechs Jahre mehr. Wir werden auch wieder mit diversen Sängern und Sängerinnen arbeiten. Außerdem mit Sebastian Gross, der uns auch bei vielen Live-Auftritten mit seinen Percussion-Künsten unterstützt.

trndmusik: Thema Köln. Ich habe das Gefühl hier passiert im elektronischen Musikbereich gerade eine Menge. Viele neue Veranstalter rufen Eventreihen ins Leben. Was würdest du dir für die Stadt Köln wünschen?

Irwin Leschet: Was ich mir für Köln wünsche, wäre, dass die Stadtverwaltung wie das Ordungsamt oder Bauamt etwas mehr Einsicht mit dem Nachtleben haben. Vielen coolen Locations, wie der Sensor Club, die Papierfabrik oder aktuell das Odonien werden dicht gemacht oder Steine in den Weg gelegt. Es gibt kaum Off-Locations. Bei allem, was „cool“ ist, schiebt die Stadt einen Riegel davor. Die ganzen Auflagen in der Gastronomie machen es schwer. Es wäre schön, wenn Köln diesbezüglich etwas „berlinisiert“ würde aber ich denke, das bleibt ein frommer Wunsch. Dennoch liebe ich es, in Köln zu leben und freue mich, dass trotz diverser Widrigkeiten immens viel passiert.

Das Interview führte Sarah Schlifter.