Philipp Fein & Amonjakk (Feines Tier): „Man macht zehn Jahre lang Musik und muss irgendwann feststellen, dass die Leute immer nur dasselbe hören wollen“


Feine Location und zwei ganz feine Interviewpartner. Es fühlt sich an wie Sommer auf der Dachterrasse der WG mitten in Bickendorf. Ich treffe die zwei Veranstalter von Feines Tier, Phillip und Amon, auf Bier und Wein zum entspannten Interview und bestaune zunächst den phänomenalen Ausblick und die räumlichen Wohnverhältnisse. Es hat schon Vorteile, wenn man Geburtstage und Silvester mit Freunden auf knapp 250 qm feiern kann. Nichts ahnend habe auch ich den legendären Jahreswechsel von 2010 dort verbracht.

Die beiden Zugezogenen kennen sich seit über zehn Jahren. Amon war oft auf den Partys, bei denen Philipp aufgelegt hat. Inzwischen haben sich die Feines Tier-Veranstaltungen zu einer festen Kölner Institution gemausert. Dabei geht es den beiden vor allem und die Leidenschaft und die Lust an Veranstaltungen und nicht darum, das große Geld zu verdienen. Und genau das spürt man bei allen ihren Events. Nach Berlin wollen die zwei Musikbegeisterten ein Glück nicht. Dafür sind sie in der Domstadt zu sehr angekommen.

Im Interview erzählen Philipp und Amon mir von ihren musikalischen Wurzeln, ihren Zukunftsplänen, wie Kunst und Techno bestens miteinander funktionieren und warum man Amon unbedingt unter der Dusche trommeln und singen hören sollte.

Feine Tiere in der Traenke

trndmusik: Für die Leute da draußen, denen Feines Tier so gar kein Begriff ist: Erklärt unseren Lesern doch mal kurz, wer ihr seid und was ihr macht. Und vor allem was sich hinter Feines Tier verbirgt.

Philipp Fein: Feines Tier ist eine Partyreihe, gestartet mit vier Leuten, die alle schon diverse Aktivitäten in der Musik- und Veranstaltungswelt hinter sich haben. Als wir das gegründet haben, hatten wir das Gefühl, dass für Leute wie uns, ganz subjektiv gesagt, nicht genug im Angebot ist. Also haben wir angefangen, das aufzuziehen und nicht vor dem Hintergrund eine monatliche Partyreihe daraus zu machen. Ab und zu mal was Feines sozusagen.

Amonjakk: Wir haben uns sehr viel Gedanken gemacht über den Namen, aber einen Untertitel wollten wir nie haben. Das soll frei bleiben. Wir spielen immer ganz gern mit dem Wort fein und auch den Tiergeschichten.

Woher der Name wirklich stammt, ist eine lange Geschichte, dazu gibt es ein paar lustige Youtube Videos, die man sich auch auf unserer Seite anschauen kann, ansonsten gebt mal den Suchbegriff „Fugbaum“ ein, dann wisst ihr Bescheid.

Zurück zu deiner Frage: Wir haben alle schon sehr lange Partys veranstaltet, illegal draußen, eher unregelmäßig und auch nie in einem Club. Wenn wir Zeit haben, eine Location finden, unsere Jungs und Mädels Bock und Zeit haben und wir noch jemanden dazu buchen, den wir schon länger gut finden oder der länger unter Beobachtung steht, dann ist alles gut.

Nach zwei Jahren muss man trotzdem dazu sagen: Das Rad kann man nicht neu erfinden. Vor allem nicht in Köln. Für den Winter könnten wir uns dann doch langsam mal ein Quartier, eine Höhle suchen.

trndmusik: Die Zwei-Jahre Jubiläums-Sause geht ja schon förmlich in die Geschichte ein. Ich denke gern noch daran zurück und verbinde einige spannende Momente damit. Existiert die Idee mit dem Konzept von Feines Tier zu expandieren?

Philipp Fein: Akut nicht. Den Anspruch haben wir auch nicht unbedingt.

Amonjakk: Und wir haben auch nicht wirklich die Kapazitäten. Wir sind ja jetzt auch etwas zusammengeschrumpft, von vier auf zwei. Der eine Kumpel von uns ist nach Berlin gegangen, der andere sucht in Thailand sein Glück. (Liebe Grüße an Chief Togusa von morgengrau.net) Die beiden sind weggegangen und wir haben das jetzt am Leben erhalten. Größer werden muss nicht sein und über die Stadtgrenzen hinaus auch nicht. Andenken könnten wir es durchaus …

trndmusik: Balloni, Bunker, Playa, Gleis 1 – wie findet ihr immer eure coolen Off Locations?

Philipp Fein: Das kommt zum einen durch genaues Hingucken, Suchen und Finden, zum Anderen aber auch durch ein gutes Netzwerk. Wir sind ja im Hochbunker in Ehrenfeld vor zwei Jahren gestartet mit Ausstellungen, Kunst, Street Art und verschiedenen Künstlern.

Amonjakk (fällt Philipp ins Wort): Das war ja eigentlich mal das Ur-Ding. Kunst und Techno war der Tenor des Ganzen, was wir dann aber nicht immer hundertprozentig durchgezogen haben. Auch wegen der Locations, die nicht immer passten. Im Bunker mit den zwölf Künstlern – das hat alles gepasst. Mehrtägige Ausstellung – und am Ende eine Party ist gut, aber das wird auch schwieriger, weil du als Veranstalter meist drauf zahlen musst, bei derartigen Unterfangen…wer will das bezahlen?

trndmusik: Philipp, musikalisch bist du mit Hip Hop gestartet. Wann und wie kam dann der Wandel zur elektronischen Musik?

Philipp Fein: Ich hatte eigentlich immer schon die Ohren auf nach guter Musik. Was ich zugeben muss, ist, dass ich früher mit geraden Beats nichts anfangen konnte. Außer ein paar Ausnahmen. Ansonsten war es eher immer funky, also Funk Mukke! Daraus ist Hip Hop ja in den frühen 80ern auch entstanden.

Dann macht man zehn Jahre lang Musik und muss irgendwann feststellen, dass die Leute immer nur dasselbe hören wollen. Ich gehe ja in den Club, um Neues zu hören, mich überraschen zu lassen und nicht immer auf dasselbe abzufeiern. Und in Köln liegt das dann auch Nahe, dass man irgendwann auch mal auf einer anderen Party landet. Ich hab zwischendurch noch Ausflüge gemacht in die UK-Breaks und hab da auch diverse Projekte bzw. Partyreihen auf die Beine gestellt, die mehr oder weniger gut gelaufen sind. In dem Spektrum, in dem wir da gespielt haben, sind die Kölner „geraden“ Leute nicht für Broken Beats zu haben. Und irgendwann war dann der Übergang fließend bei mir.
Aber ich habe damals noch unter dem Namen „Sprinta“ schon auf Hip Hop Partys nicht nur Rap gespielt, sondern auch gerne mal Funk mit reingebracht. Oder Disco.

Ich stand 1998 mit 18 das erste Mal im Club und finde es noch immer super, dass ich die Leidenschaft mit zum „Beruf“ machen konnte. Ich musste keinen Studentenjob annehmen, sondern konnte auflegen gehen. Klar, macht das Spaß.

Amonjakk: Bei mir ist das ganz ähnlich verlaufen. Hip Hop mit Graffiti war in der Jugend das Wichtigste überhaupt. Ich selber lege ja nicht auf und bin bei den Events eher der Orga-Mensch. Deswegen kann ich das nicht so sagen wie Philipp. Aber ich habe für mich irgendwann festgestellt, dass ich mir die HipHop-Parties nicht mehr geben konnte. Gerade als das alles mit diesem Berlin-Hype anfing, war für mich spätestens der Bruch. Ich will zum Feiern gute Laune haben und Spaß haben bis in die Morgenstunden und nicht nur Kopfnicken. Aber es wird wieder was kommen in der Richtung! Herzblut ist immer noch dabei!

Philipp Fein: Als Leute anfingen, es „Black Music“ zu nennen, spätestens da ging es nicht mehr. Ab da war es eine Szene, mit der man nichts mehr anfangen konnte. Ich stell mich nicht in den Club, Hände in die Taschen. So habe ich das nicht kennengelernt und gerade in Köln geht das fast gar nicht mehr.

trndmusik: Würde das Auflegen für dich auch irgendwann in Fragen kommen?

Amonjakk: Ach, ich weiß nicht. Also Rhythmus habe ich im Blut, gar keine Frage. Ich würde es mir aber zutrauen eine gute Kombi an Musik auszusuchen und ineinander zu mixen. Wenn ich mir einige DJs anhöre, denke ich auch, dass die es noch mal zuhause üben müssten. Eigentlich hab ich ja hier den besten Lehrer an der Seite. Bisher einfach noch nicht gemacht, weil es auch zeitintensiv ist. Wenn ich was anfange, dann richtig.

trndmusik: Kunst und Techno. Wie passt das oder warum passt es so gut zusammen?

Amonjakk: Hm, wie oder ob es passt, kann ich so in einem Satz nicht beantworten. Es war eher so, dass wir mit beiden Genres etwas zu tun haben. Da gab es bei Freunden und Bekannten schon immer Überschneidungen. Wir hatten da einfach Bock drauf und kennen ja auch eine Menge Leute aus dem Bereich Kunst, mit denen wir da was zusammen starten. Wir wollten das immer zusammen durchziehen, aber das kann man nicht immer. Eine Ausstellung mehrere Tage mit Party am Ende kann funktionieren, aber nicht jedes Mal. Aufgrund von Finanzierung und Machbarkeit können wir das nicht mehr so oft durchziehen. Aber da wird wieder was kommen.

trndmusik: Als festen Resident habt ihr Franca mit an Bord. Ich finde es gut, dass der support weiblich ist. Wie kam das zustande?

Amonjakk: Naja, Frauen haben ja häufig dieses typische Feeling für Musik. Und das ist mir bei Franca sehr stark so vor drei oder vier Jahren aufgefallen. Ich hab sie zwei- dreimal gesehen und fand sie echt unglaublich. Sie hat Groove und Feeling und die „4. Dimension“. Und dann habe ich sie irgendwann angesprochen. Wir mochten uns dann auch eigentlich direkt menschlich gesehen. Das erste Mal hat sie dann auf dem Herkulesberg gespielt und jetzt ist sie sogar noch räumlich unsere Nachbarin, Feines Tier-Mitglied und Resident.

trndmusik: Hättet ihr noch vor zwei Jahren gedacht, dass das Ganze mal so groß wird mit Feines Tier und dass die Leute da wegen euch kommen? Das muss doch ein tolles Gefühl sein, oder nicht?

Philipp Fein: Ist das so? Das freut uns natürlich immer sehr, solche Stimmen zu hören. Wie gesagt, wir hatten nie vor das Feine Tier zu einer regelmäßigen Sache werden zu lassen.

Amonjakk: Ja, ist schon toll, aber auch kein Selbstläufer. Wir haben auch viel dafür getan und bei einigen Parties wirklich Pech gehabt… Regelmäßig muss es dennoch nicht werden, wir haben jetzt allerdings drei Locations in Petto, in denen wir regelmäßig was machen könnten. Wir überlegen uns jetzt aber in erster Linie, in welche Richtung das gehen soll.

trndmusik: Wie findet ihr eure Acts für einen Abend? Wie viel Vorlaufzeit nehmt ihr euch?

Philipp Fein: Bei Oliver Schories war es jetzt so, dass ein Kumpel von uns ihn schon mal angefragt hatte. Wir fanden die Idee gut und er sollte dann mal erfragen, wie viel das Booking kostet. Im Anschluss kam das Album raus und alles hat dann gepasst.

Amonjakk: Cooler Sound, netter Typ, feiner Kerl. Das ist uns dann auch immer wichtig. Die Artists pennen alle hier und man muss sich auch privat gut verstehen.

Oliver $ aus Berlin – den hatten wir jetzt zum zweiten Mal hier bei uns, was wir eigentlich nicht machen wollten aber der war ganz am Anfang dabei, alles hat gepasst und dann haben wir ihn jetzt zum 2-jährigen Geburtstag noch mal eingeladen.
Wir haben auch keine Lust auf die ganz „großen“ Namen, die dann im 5 Sterne-Hotel nächtigen wollen. Das muss einfach nicht sein. Familiär und nett muss es sein. Das Menschliche ist für mich mit das Wichtigste. Bla Bla brauchen wir nicht.

trndmusik: Kann man die Musik auf den Feines Tier Events stilistisch festlegen oder seid ihr da ganz frei von jeglichem Schubladen-Denken?

Philipp Fein: Grundsätzlich schon. Es ist einfach elektronische Musik. Und wir suchen uns die Leute schon relativ gezielt aus, dass die da nicht mit nem Rechtsrock-Set um die Ecke kommen. Ich würde sagen: House und Techno.

Amonjakk: Musik, auf die wir zumindest feiermäßig und privat selber flashen und abgehen!

trndmusik: Leidiges Thema GEMA, aber trotzdem in aller Munde. Das würde euch ja dann auch betreffen. Wie steht ihr dazu?

Philipp Fein: Ja, also die GEMA war schon immer ein Stichwort. Auch schon vor der Tarifreform, weil dieses System für normale Künstler, die GEMA-Mitglieder sind, einfach ein ungerechtes System ist. Das hat die GEMA schon damals bestritten, aber letztendlich ist es einfach so, dass ein geringer Anteil von Mitgliedern darüber bestimmt, was an wen ausgezahlt wird.

Amonjakk: Um es auf den Punkt zu bringen, es ist scheiße und ungerecht für kleine Künstler.

Philipp Fein: Geh mal auf die Homepage der GEMA, guck dir die Fotos an wer da arbeitet und dann weißt du eigentlich schon alles. Es ist einfach ein riesiger Beamtenapparat vor dem Herren, wie aus dem deutschen Lehrbuch. Die verwalten die Kohle und haben einen unglaublichen Verwaltungsaufwand. Letztendlich bekommen zwei Prozent der Künstler 98 Prozent der Kohle, die da in diesem riesen Topf drin ist. Echt traurig.

Amonjakk: Wir haben letztens auch das Statement von Sven Väth gelesen. Und selbst er, der ja ein ganz großer der Szene ist, sagt, dass viele der Künstler, deren Musik er in seinen Sets spielt, gar nicht Mitglied der GEMA sind oder wenn, dann eben wenig ausgezahlt bekommen. Mit der „Tarifreform“, so wie sie die GEMA gerne umgesetzt sähe, macht die öffentlichkeitswirksame Front der Clubbetreiber und Veranstalter natürlich ein bisschen mehr Welle, als unbekannte Künstler wegen des ungerechten Verteilungsschlüssels.

Philipp Fein: Was man auch dazu sagen muss, ist, dass die GEMA an sich keine schlechte Institution ist. Wenn du Künstler bist, der regelmäßig veröffentlicht und auf Compilations erscheint, dann ist das letztendlich dein vierteljährliches Einkommen, was da von der GEMA kommt. Plus GVL und Bookings. Ich kenne auch eine Menge Leute, die sich darauf freuen, weil sie eher produzieren als auf der Bühne zu stehen. Wenn der Verteilungsschlüssel gerechter wäre, wäre das Ganze insgesamt auch akzeptierter.

trndmusik: Philipp, du verbuchst dich selber. Könntest du dir denn vorstellen zu einer großen Booking Agentur zu wechseln, wenn du gefragt wirst?

Philipp Fein: Da gebe ich einfach mal die klassische Anwaltsantwort: Das kommt darauf an. Also klar, Bookings immer gerne. Viel geht auch über Bekannte oder Freunde wie zum Beispiel Amon, aber bisher habe ich das immer im Alleingang gemacht.

trndmusik: Abschließende Frage für euch, Jungs. Zukunftspläne- und Projekte, abgesehen von der großen Silvester-Sause?

Amonjakk: Also, wir werden den ganz roten Faden von Feines Tier ein wenig verlassen, und etwas Stetiges machen. Das ist jetzt nicht der eigentliche Plan, aber wird sich aus der Sache heraus einfach ergeben. Und ein oder zwei größere Sachen werden dieses Jahr auch noch stattfinden. Wir wollen natürlich einfach dabei bleiben, dass es nett, klein und fein bleibt. Dass man Freunde dabei hat und Leute, die einen schätzen, mögen und kennen. Es gibt genug Neider da draußen; die brauchen wir nicht. Die Hater können ihr Ding machen und daheim bleiben.

Philipp Fein: Und musikalisch bin ich persönlich schon lange dran, Musik zu machen. Und da wird auch was kommen, aber da sind die Ansprüche an mich so hoch, dass ich das noch nicht in der Öffentlichkeit sehe. Ich könnte mir auch grundsätzlich vorstellen eine Platte rauszubringen unter Feines Tier als Label.

Amonjakk: Das ist ja auch alles nicht hauptberuflich, sondern soll Spaß bringen und ist ein Hobby. Wenn man gerade ein bisschen kreativen Input hat, dann machen wir eben was. Ich werde auf jeden Fall mal wieder die Drums bearbeiten und vielleicht Live was machen. Ich hab früher lange Schlagzeug gespielt. Franca wird mich noch mehr dazu drängeln, denke ich!

Philipp Fein: Der Mann ist bekannt für seine Rhythmus-Tiraden unter der Dusche!

Das Interview führte Sarah Schlifter.

Am Freitag, den 9. September 2012, steigt ab 24:00 Uhr die nächste Sommerfell von Feines Tier & Last Beat Standing & Mokka Suka.

Weitere Infos unter http://www.feinestier.de/wp/