Fritz Kalkbrenner: „Wäre hinter „Berlin Calling“ nichts Künstlerisches gewesen, hätten die Leute das gemerkt“


In einem Interview mit Jonas Hermann von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sprachen die Brüder Paul und Fritz Kalkbrenner über Auftritte vor Soldaten, Geschäfte mit Verbrechern und lose Kabel beim Konzert. Dabei verraten die beiden Produzenten, was sie gemeinsam haben, wie viele Leute während ihren Auftritten betrunken und high sind und was sie selbst von Drogen halten.

Das komplette Interview:

F.A.Z.: Paul, angeblich haben sich Fans deine Initialen tätowieren lassen.

Paul: Nicht die, aber den Text unseres bekanntesten Songs „Sky and Sand“.

Fritz: Das passiert regelmäßig, manchmal sogar mit Rechtschreibfehlern.

F.A.Z.: Eure Musik klingt ähnlich -, was habt ihr sonst gemeinsam?

Fritz: Uns wird nachgesagt, wir hätten dieselbe Stimmlage; am Telefon verwechseln uns die Leute. Paul kann allerdings nicht singen. Außerdem gucken wir sehr gerne Fußball und können beide launisch sein.

Paul: Ich finde, dass wir uns ziemlich stark unterscheiden. Außer in den paar regulären Dingen, die man mit dem Geschwister gemein haben muss. Andernfalls müsste man ja den DNA-Test rausholen.

F.A.Z.: Ist es normal, dass sich der ältere Bruder lange für den jüngeren verantwortlich fühlt?

Paul: Deshalb ist man ja der Ältere. Aber falls so ein übergroßes Verantwortungsgefühl gemeint ist: Das hatte ich nie.

Fritz: Was auch nicht geschadet hat.

F.A.Z.: Was macht das mit einem, wenn man jede Woche von Menschenmengen gefeiert wird?

Paul: Das Feedback der Menge als klare Aussage über einen selbst – nein, so darf man das eben nicht sehen.

F.A.Z.: Wie viele der Leute, die euch zujubeln, sind betrunken oder high?

Fritz: Im Club an die neunzig Prozent. Bei eigens veranstalteten Auftritten wesentlich weniger, weil die kürzer als eine Feiernacht sind.

F.A.Z.: Wie haltet ihr es mit Drogen?

Paul: Man wird zu alt dafür. Ich trinke nicht so gerne, aber ich rauch gerne.

F.A.Z.: Was zig Minderjährige in deinem neuen Videoclip sehen können.

Paul: Ja, aber Alkohol ist zerstörerischer. Wodka ist ’ne schlimme Sache. Außerdem kann man es mit dem Vorbildgedanken auch übertreiben.

Fritz: Helmut Schmidt setzt sich auch bei Sandra Maischberger rein und raucht da in der Sendung neun Zigaretten. Kann ihm keiner verbieten, und das finde ich gut.

F.A.Z.: Bleiben wir beim Thema Fernsehen: Würdet ihr einen „Wetten, dass . . ?“-Auftritt imagemäßig überleben?

Paul: Ich würde keinen TV-Auftritt imagemäßig überleben. Deshalb ist meine Prämisse Nummer eins: Gehe, wenn möglich, nicht ins Fernsehen.

F.A.Z.: Paul, warum hören sogar Menschen deine Musik, die sonst nichts mit Techno am Hut haben?

Paul: Vielleicht wollten die solche Musik schon immer hören, aber hatten noch nicht die richtige Projektionsfläche dafür.

Fritz: Warum sollten die das erklären müssen? Als die Jugendlichen damals mit den Stones um die Ecke kamen, war dafür auch kein Verständnis bei den Eltern da.

Paul: Generell wollen Eltern ihre Kinder meistens irgendwo hindrücken, und wahrscheinlich machen die Kinder immer das Gegenteil.

F.A.Z.: Wann ging es bei euch los mit der Musik, und habt ihr auch etwas anderes gelernt?

Paul: Ich habe vor zwanzig Jahren angefangen, Schallplatten aufzulegen. Gearbeitet habe ich mal im Schneideraum, aber nur, um an Geld für Musik-Equipment zu kommen. Fritz hat vor etwa vierzehn Jahren mit dem Musikmachen begonnen und lange als Musikredakteur für die öffentlich-rechtlichen Sender gearbeitet.

F.A.Z.: „Des Stabes Reuse“, „Gebrünn Gebrünn“ oder „Schnurbi“ – solche Songtitel fallen einem doch nicht nüchtern ein . . .

Fritz: Da muss ich für Paul ’ne Lanze brechen. Das sind Slangbegriffe aus Berlin-Lichtenberg, die nur fünf, sechs Leute verstehen.

F.A.Z.: Welches ist der größte Popsong aller Zeiten?

Paul: Ich höre nichts von anderen Interpreten, sondern nur meine eigene Musik.

Fritz: Paul kennt nichts! Der kann die fünfziger Jahre musikalisch nicht von den siebziger Jahren unterscheiden. Wenn ich ihm meine neue Single mitgebe, bringt das nichts, weil er kein Abspielgerät hat, um sie zu hören.

Paul: Ich kann bloß Musik machen, weil ich keine andere Musik konsumiere. Wenn ich es doch tue, kommt so eine Art Staubschicht auf meine eigene Musik. Während der Albumproduktion lass ich sogar den Fernseher aus.

F.A.Z.: Erklärt doch mal, was ein DJ eigentlich macht.

Fritz: Wir sind keine DJs, weil wir nichts auflegen. Wir spielen nur eigene Sachen. Spielen bedeutet, dass wir die einzelnen Spuren der Stücke spontan kombinieren und die Effekte reindrehen. Gesteuert wird alles per Mischpult und Laptop.

F.A.Z.: Im Gegensatz zu normalen Musikern manipuliert ihr also Tonspuren, die bereits aufgenommen sind.

Paul: Natürlich ist das etwas anderes, als wenn jemand ein Violinensolo spielt.

Fritz: Wir machen aber mehr als ein DJ, der meist bloß die Übergänge zwischen den Stücken herstellt.

F.A.Z.: Fritz, du singst auch. Wieso denn nicht live?

Fritz: Das kommt jetzt. Auf meiner Welttour im nächsten Jahr werde ich gleichzeitig meine Gerätschaften bedienen und singen.

F.A.Z.: Technomusik hat aber oft gar keinen Text. Wie stellt man trotzdem Kontakt zum Publikum her?

Paul: Es ist die Vorarbeit, weil viele die Stücke schon kennen und lieben. Und die Leute verstehen, dass unser Ding cooler ist, als sich hinzustellen und zu schreien: „Ey Berlin, seid ihr gut drauf?“ Ich möchte die Musik sprechen lassen.

F.A.Z.: Und das hat vor den 20.000 Menschen funktioniert, die zu einem Auftritt von dir auf den Münchner Königsplatz kamen?

Paul: Offensichtlich, aber es war an der Grenze. Bei noch mehr Publikum würde selbst der letzte Kontakt wegfliegen.

F.A.Z.: Paul, du warst gerade in den Vereinigten Staaten auf Tour. Wie haben die Leute dort auf dich reagiert?

Paul: Immer wenn ich gespielt habe, war Mega-Stimmung und alle jubilierten. Deshalb fliegen wir da auch rüber, damit das dort vielleicht mal so groß wird wie hier.

F.A.Z.: Was war die schlimmste Panne, die euch bei einem Auftritt passiert ist?

Fritz: Bei mir ist schon mehrfach die Kabelverbindung zur Soundkarte rausgesprungen. Das hat mit den Vibrationen des Tischs zu tun. Deshalb kommen da jetzt immer Handtücher oder Granitplatten drunter.

Paul: Ich hatte mal Ärger mit einem kaputten Interface und musste sechsmal unterbrechen.

F.A.Z.: Ihr seid ständig unterwegs, habt bis zu hundertvierzig Auftritte pro Jahr.

Paul: Ich habe das runtergefahren. Mittlerweile sind es etwa fünfzig.

Fritz: Letztes Jahr hatte ich hundertdreißig Gigs und habe dann ausgesehen wie . . .

Paul: . . . der Tod auf Latschen.

Fritz: Zu den Gigs kommt ja ordentlich Reisezeit hinzu. Wir spielen viel international – in Europa, aber auch in Singapur oder Australien.

F.A.Z.: Da gibt es doch sicher Anekdoten.

Fritz: Ich bin mal für einen Abend eine Geschäftsbeziehung mit römischen Verbrechern eingegangen. Die saßen in einem Keller mit Sonnenbrillen vor ihren Geldzählmaschinen und haben mich für den Auftritt ausbezahlt. Das war schon merkwürdig.

F.A.Z.: Wie viel Gage bekommt ihr denn?

Fritz: Also bitte, das ist doch jetzt . . . nee, sagen wir nicht.

F.A.Z.: Jedenfalls verdient ihr pro Abend mehr, als ein Fliesenleger, der einen Monat lang schuftet.

Fritz: Was wir machen, könnte der Fliesenleger aber nicht.

Paul: Aber darum geht’s nicht. Meine Konzerte kosten 40 Euro Eintritt, doch es gibt DJs, die deutlich mehr verlangen. Solange niemand mit vorgehaltenem Maschinengewehr zum Ticketkauf gezwungen wird, ist jeder Preis gerechtfertigt. Wenn er es nicht wäre, würde man in einer leeren Halle stehen. Für Ticketpreise gibt es keine moralische Obergrenze.

F.A.Z.: Was ist so toll daran, während der Morgendämmerung in einem überfüllten Club zu tanzen, der nach Körperausdünstungen und Nikotin stinkt?

Paul: Keine Ahnung. Ich fand Massen immer gut, wollte aber nie ein Teil davon sein.

F.A.Z.: Was bleibt von einem durchfeierten Wochenende?

Fritz: Jedenfalls nicht viele Erinnerungen, und vielleicht geht es eben genau darum: drei Tage schwarzes Loch.

Paul: Macht man das zu häufig, kommt man aus dem Loch aber nicht mehr raus.

Fritz: Also manche geben da ja die Vernunft an der Tür ab. Zum Lebensstil darf das nicht werden.

F.A.Z.: Einen Rat für Zeitgenossen, die nicht so locker sind wie ihr?

Paul: Die Kirche im Dorf lassen und nicht bei der Reply-Kultur mitmachen.

F.A.Z.: Reply-Kultur?

Paul: Per E-Mail oder SMS kann man sofort antworten. Früher war das umständlicher: Wenn da beispielsweise ein Autor von einem anderen Literaten beleidigt wurde, musste er erstmal das Briefpapier herauskramen. Bis er sein Antwortschreiben eingetütet hatte, war der Ärger meist schon verflogen und die Welt um ’ne Doofheit ärmer. Heute wird sich hingegen zu oft unbedacht geäußert.

F.A.Z.: Wo würdet ihr ohne den Spielfilm „Berlin Calling“ stehen, in dem Paul die Hauptrolle spielte?

Fritz: Viele sagen, wenn es den Film nicht gegeben hätte, wäre es heute gar nichts mit uns, aber das glaube ich nicht. Wäre hinter „Berlin Calling“ nichts Künstlerisches gewesen, hätten die Leute das gemerkt.

F.A.Z.: Es gibt da noch ein anderes Thema aus der Vergangenheit . . .

Paul: (schaut auf die Liste mit den Fragen und ruft) Afghanistan, da sehe ich’s ja schon!

F.A.Z.: Du bist dort letztes Jahr vor Bundeswehrsoldaten aufgetreten.

Paul: Obwohl ich den Einsatz ablehne. Viele haben das nicht verstanden, aber ich stehe dazu. Das war nur für die Soldaten dort, die übrigens wesentlich reflektierter sind als andere junge Menschen.

F.A.Z.: Hat die Tanzfläche etwas Religiöses?

Paul: Ja, im Gegensatz zu früher. Damals liefen ständig Stroboskope und Nebelmaschinen – man hat den DJ kaum gesehen. Heute orientiert sich alles nach vorn zum DJ.

F.A.Z.: Und der ist dann Pfarrer oder Gott?

Fritz: Wahrscheinlich nur Messdiener. Das mit dem Religiösen ist wirklich hochgestochen. Tanzen im Club ist einfach etwas zutiefst Erbauliches. Wir sind übrigens nicht religiös.

Paul: Weil wir aus Ostdeutschland stammen, wo man uns alle zu Atheisten trimmen konnte.

F.A.Z.: Das „Berghain“ in Berlin gilt als bester Technoclub der Welt. Stimmt das?

Paul: Ich war da seit vier Jahren nicht mehr. Das ist alles, was man dazu sagen kann.

F.A.Z.: Technopartys sind eher friedlich, aber was macht euch im Alltag aggressiv?

Paul: Wir sind beide sehr an Politik und Weltgeschehen interessiert. Deshalb rege ich mich auf, dass Berlin in dieser Bettelstellung verharrt. Die Stadt kann viel mehr. Falls man sie aber weiterhin so stark alimentiert, wird keiner einen Finger rühren, damit sich die Situation mal ändert.

F.A.Z.: Wie entspannt ihr? Doch nicht beim Musikhören, oder?

Fritz: Richtig, das wird immer schwerer, weil man alles, was man hört, im Kopf auseinandernimmt. Wie viele Spuren hat dieser Song? Man kann sich dem nicht entziehen. Deshalb: Ruhe, Liegen, Lesen.

F.A.Z.: Stellen wir uns vor: Madonna ruft an, und fragt, ob ihr ein paar Songs für sie produzieren möchtet.

Paul: Ich bin für keine Kollaboration zu haben.

F.A.Z.: Du warst für Moby und Rammstein tätig.

Paul: Indirekt – das waren Remixe. Ich muss alleine arbeiten. Sobald jemand anders im Raum ist, geht es nicht mehr. Bei Diskussionen, wie jetzt der oder der Percussion-Sound klingen soll, würde ich brüllen: Raus hier! Da bin ich kompromissunfähig.

Quelle: www.faz.net