Patlac (liebe*detail): „Ich war schon immer mehr DJ als Produzent“


Patrick Müller aka Patlac ist in Berlin geboren, dort aber mit seinen Eltern als Zehnjähriger weggezogen. Dann ging es für ihn in den Norden. In Lüneburg gestrandet und bis heute fest verankert. Musikalisch zu Beginn noch vom harten Techno-Sound beeinflusst, stimmt er heute eine melodiösere und ruhigere Richtung an. Weiter prägt den leidenschaftlichen, aber immer bodenständigen DJ und Produzenten eine langjährige Freundschaft mit seinem Wegbegleiter und Soundtüftler Matthias Meyer. Gemeinsam bespielen sie kleine Clubabende und auch schon die große Hauptbühne beim Fusion Festival.

Für mein erstes Interview in der Hansestadt treffe ich mich mit dem gelernten Schreiner in St. Pauli zu hausgemachter Zitronenbrause und Erbseneintopf. Im ehrlichen und entspannten Interview geht es um den steinigen Weg zur „Karriere“, die ersten Gehversuche als Dj, seine aktuelle Platte mit Frankfurtern, iwie sich die Clubszene Hamburg zu der in Berlin abgrenzt und seine Zukunftspläne in 2013.

trndmusik: Patrick, du hast ja schon so mit 15 angefangen dich für die elektronische Musik zu interessieren. Erzähl doch mal – wie fing das alles so bei dir an? Gab’s irgendwelche starken Einflüsse?

Patlac: Zu dem Zeitpunkt, als ich Musik bewusster wahrgenommen habe, hab ich mit meinen Eltern schon in Niedersachsen in einem kleinen Dorf mit rund 7000 Einwohnern gewohnt. Ich bin in Berlin geboren und hab dort zehn Jahre meines Lebens verbracht. Mein Vater hat schon immer viele Schallplatten gekauft und gehört. Irgendwie lief immer Musik zu Hause. Nicht dass jemand musiziert hat, aber immer im Radio, in der Küche oder im Bad. Kurzeitig habe ich einen kleinen Abstecher in die Hip Hop und Rockmusik gemacht, bin dann aber doch bei der elektronischen Musik hängengeblieben. Der vielseitige Vibe dieser Musik hat mich von Anfang an sehr fasziniert. Ich bin Einzelkind und wurde musikalisch nicht von Geschwistern beeinflusst. Zudem gab es auch keine Clubs in der Region. Es gab in unserem Ort ein Jugendzentrum, was freitags ab und zu eine Jugenddisco veranstaltete mit Bravohits und Co, da war ich ungefähr 14 Jahre. Also hat man alles aufgesaugt, was man irgendwie irgendwo vorgespielt bekommen hat. Ich denke, dass man sich in dieser Zeit unter anderem mit der Musik abgrenzen will. Dann kamen natürlich auch die Ravezeiten, die am Anfang einfach mit dazu gehörten, wie Mark Oh, Marusha,Westbam und auch Scooter. Auch VIVA Musikfernsehen ist bei mir hängengebleiben.. Da lief dann nachts in Sondersendungen wie Mayday, Berlin House-TV oder die Love Parade in Liveübertragungen, die ich auf Video aufgenommen habe um sie mir dann am nächsten Tag anzuschauen, da einige Sendungen für mich zu spät liefen. Ich erinnere mich z.B. an Auftritte von Green Velvet mit grüner Perücke, Aux88 oder Josh Wink auf der Mayday 96, glaube ich. Diese Liveauftritte waren beeindruckend und neu für mich. Vielleicht war das alles zusammen eine kleine Initialzündung und dann bin ich da einfach so reingerutscht. Ich war unheimlich fasziniert von dem ganzen Blinken und Blitzen und den Leuten, die da Musik machten. Dann habe ich mir irgendwann zu Weihnachten den ersten, dann den zweiten Plattenspieler gewünscht und durch Videos und Bücher versucht zu verstehen, was die Künstler dort machten. Es gab ja da bei uns niemanden, der dir gesagt hat, was du machen musst oder so funktioniert das. Vielen meiner Freunde ging es da ähnlich und da gehörte auch schon Matthias zu, mit dem ich jeher befreundet bin. Ich wollte das ganze irgendwie lernen, aber ich weiß ganz genau, dass es jahrelang nichts mit irgendeiner Art von DJing zu tun hatte.
An diesem zentralen Punkt habe ich meinen guten Freund Steve kennengelernt. Wir kamen ins Gespräch und stellten fest, dass es die gleichen Interessen gab. Er wusste schonviel früher, wie das Auflegen funktioniert und dann haben wir versucht unsere fünf Platten, die man damals besaß, irgendwie ineinander zu mischen. Das hat mich in einen Bann gezogen, ich wollte es einfach lernen – und das war manchmal echt ein Krampf! Ich habe alles aufgesaugt: „TwoStep“ auf Viva2, habe Radio Sendungen bei „Fritz“ aufgenommen usw.. Anfangs lagen meine Interessen vielmehr im harten Techno, darunter fielen Kanzleramt, Müller, Gigolo Records und Tresor Rec. und und und. Ich glaube ich habe meine ersten Lehrlingsgehälter fast ausschließlich für Platten ausgeben.
Mit einem Tape von Dj Clé änderte sich dann mein Geschmack mehr und mehr zum House, wo ich bis heute glücklicherweise hängen geblieben bin.

trndmusik: Und wann war dann der erste Moment vor öffentlichem Publikum?

Patlac: Mit 18 dann irgendwann, glaube ich. Das ging mit ein paar WG-Partys los, alles sehr intim und im kleinen Kreis und irgendwann kamen wir zu Viert auf die Idee, einfach mal eine öffentliche Party in einer Bar in Uelzen zu machen. Mit Flyern und allem drum und dran! Wir fühlten uns da schon recht neu mit unserem Sound und eigentlich fand das auch nur der Freundeskreis gut, der uns natürlich begleitet hat. Dementsprechend war da auch nicht viel los. Natürlich haben wir vorher wochenlang geübt und dann die Übergänge total verrissen. Es war eher „es geht so“.
Nichtsdestotrotz haben wir weitergemacht, ein kleines Dj-Kollektiv gegründet und regelmäßiger in einer kleinen Bar was gemacht. Das war immer recht skurril, da das Stammpublikum dort nicht viel damit anfangen konnte. Später bin ich dann nach Lüneburg gezogen, Matthias hinterher und wir sind dann dort in eine Szene reingerutscht, die dort schon viel mehr Bestand hatte. Man hat sich connected und sich gegenseitig eingeladen. Und dann nahm das so seinen Lauf. Zu der Zeit haben wir dann auch langsam angefangen selbst zu produzieren.

trndmusik: Jetzt bist du schon eine ganze Weile dabei und Musik begleitet dich schon fast dein ganzes Leben. Wenn du zurück blickst, gibt es dann einen Moment, an dem du sagst, dass du lieber einen anderen Weg eingeschlagen hättest?

Patlac: Nein, überhaupt nicht! Zu keiner Zeit! Im Gegenteil! Ich kann zwar teilweise selber gar nicht greifen, wie sich das so entwickelt hat, aber ich freue mich sehr darüber. Natürlich war das ein oder andere Mal auch etwas Glück dabei.Wir hatten uns z.B. schon eine ganze Zeit am Musik machen versucht, aber es ist nichts Größeres passiert.
Matthias hatte sein erstes Release dann 2006 bei liebe*detail unterbekommen, mein erster Track kam 2007 auf Platte, der über myspace gesignt wurde. Wenn ich den jetzt z.B. höre, muss ich schon schmunzeln. Zu der Zeit war gerade Minimal sehr angesagt und das hört man auch!
2008 haben wir uns dann beim Fusion Festival beworben, ein Set aufgenommen, es auf CD gebrannt, Anschreiben dazu gelegt und es dem Typen per Post geschickt. Er rief an, fand es klasse und wir standen auf einmal Samstag Mittag auf der großen Bühne. Uff! Das war krass.
Danach ging das dann alles erst so richtig los. Die ersten Gigs im Ausland und über den weiteren Kontakt zu liebe*detail dann plötzlich in der Panorama Bar zu stehen, war wirklich verrückt!

trndmusik: Eigentlich hast du doch alles richtig gemacht. Du hast nie versucht dir irgendeinen Druck zu machen und es ist alles so gekommen, wie es kommen sollte.

Patlac: Druck war da nie, aber wenn man da erstmal reinschnuppert, dann will man einfach mehr! Es war großes Interesse daran es immer wieder zu machen. Das hat angespornt!

trndmusik: Du machst aber generell viel alleine. Du hast keine drei Agenturen um dich herum, sondern promotest deine Gigs selbst, oder?

Patlac: Nein, gar nicht. Ich habe nur die Booking-Agentur Sensational-Bookings mit meinem Booker Kai und das war’s. Wir stehen super in Kontakt, sind befreundet und ich vertraue ihm total. Er kennt mich schon lange und kann ziemlich gut einschätzen, was möglich ist und was nicht. Ich empfinde es als selbstverständlich den Leuten, die mich gerne hören, das auch selber mitzuteilen. Und über die neuen Medien heute kann man das ja bestens.

trndmusik: Du hast ja schon erwähnt, dass du und Matthias euch schon eine ganze Zeit lang kennt. Ihr produziert und releast zusammen, spielt relativ oft zusammen, habt zwei Jahre zusammen gewohnt und seid jetzt wieder fast Nachbarn. Wie schafft man es so lange gut befreundet zu sein und zusammen zu arbeiten?
Gab’s nie Streit?

Patlac: Nein, Matthias ist so ein ruhiger und angenehmer Zeitgenosse und wir sind schon immer nebenbei auch getrennte Wege gegangen und hatten immer auch eigene Projekte. Matthias releast ja noch mehr und bespielt ganz andere Bereiche und Kanäle, als ich. So oft es geht, begleiten wir uns gegenseitig und lernen bestimmt auch noch heute voneinander. Aber wir sind in unserer Musik schon ganz schön aneinander gewachsen.
Wenn ich alleine spiele, dann mach ich da auch mein eigenes Ding. Durch die jahrelange Freundschaft und den gleichen Geschmack, ähneln wir uns natürlich auf eine Art und Weise musikalisch, aber es gibt immer wieder Sachen, die unterschiedlich sind und deswegen entspannt das die Sache! Er hat Fähigkeiten, die ich nicht habe und ich vielleicht, die er nicht hat. Dadurch ergänzt man sich dann gut.

trndmusik: Hat Hamburg deiner Meinung nach eine große musikalische Szene oder gibt es da Nachholbedarf? Wo muss was gemacht werden?

Patlac: Hamburg hat seine ganz eigene Szene. Im Vergleich zum Berliner Nachtleben ist Hamburg ja schon klein und gemütlich. Natürlich auch mit einer enormen Anzahl an Clubs und Bars, aber es ist schon alles überschaubarer. Die Leute, die hier was machen, machen das schon gut. Ich habe nicht das Gefühl, dass es da Nachholbedarf gibt, weil die Stadt schon so ihre eigene Note hat. Die ansässigen Labels haben alle ihren eigenen Stil. Es gibt viele verschiedene spezielle Orte in Hamburg. Mein Empfinden ist eher, dass die Leute hier etwas gesetzter sind, etwas ruhiger. Bis die Leute auf dem Floor richtig ausrasten, muss schon einiges passieren :) Aber das liegt vielleicht auch an der Mentalität des Nordens. Was aber auch nichts Schlechtes sein muss.

Ich finde auch dieses Konkurrenzdenken zwischen Berlin und Hamburg total absurd. Man kann das meiner Meinung nach überhaupt nicht vergleichen. Berlin ist Berlin, punkt. Da herrscht einfach ein spezieller Vibe, den es nirgendwo  anders gibt. Hamburg sollte nicht, versuchen wie Berlin zu sein sondern sich auf sich konzentrieren und sein Ding weiter so machen.

trndmusik: Wenn man sich so deine Discografie betrachtet, kann man nicht sagen, dass du ein Hit-Produzent bist. Du nimmst dir immer viel Zeit für deine Tracks, stimmt das?

Patlac: Schon. Ob das so gewollt ist, ist eine andere Frage. Ich brauch einfach immer relativ lange. Ich denke das liegt an meiner Arbeitsweise. Ich stecke einfach lange in dem Prozess und gucke dann, wo es hingeht. Es ist nie so, dass ich morgens aufwache, etwas im Kopf habe und das umsetze, sondern es entwickelt sich erst. Ich fange zum Beispiel mit einer Melodie an, dann baut sich das auf und nach zwei Wochen ist überhaupt nichts mehr von der Melodie da. Die schwerste Entscheidung ist es sich zu sagen, wann Stopp ist, wann finde ich es selber gut. Manchmal höre ich es dann so lange, bis ich es eigentlich schon nicht mehr hören kann. Dann wird alles wieder rausgeschmissen und neu gemacht. Hin und wieder dauert das wirklich ganz schön lange.

Ich habe mir aber angewöhnt, nie irgendwas ganz zu löschen. Man hat ja auch Phasen, in denen man nicht gut drauf ist und dann ganz komische Sachen produziert. Und vielleicht kann man dann diese Stücke irgendwann wieder gebrauchen oder noch mal umbauen. Und das mit den Hits ist ja auch immer so eine eigene Sache. Ich war auch schon immer mehr Dj als Produzent.

trndmusik: Deine EP „Soulshine“ erschien Anfang Oktober 2012 auf dem Label 60Hertz. Zufrieden mit allem?

Patlac: Ja, total. Für mich zum Beispiel ein Hit! Ich bin sehr zufrieden, wie das gelaufen ist. Die Stücke sind auch fast ein Jahr alt, lagen lange rum und sind eigentlich relativ schnell entstanden. Es war auch nie so, dass ich sie nicht mochte. Für die erste Adresse war es nichts, für die zweite auch nicht so richtig und dann habe ich es etwas liegen gelassen.Dann ergab sich die Möglichkeit es bei 60Hertz zu releasen. Ich bin mit den Leuten befreundet, die es betreiben und wusste auch gleich das es dort in guten Händen ist! Die waren total begeistert und dann hieß es „let’s do it“. Das Label ist relativ neu und hat nicht die riesen Maschine hinter sich, aber dafür behandeln sie jedes einzelne Release ganz eigen für sich und mit viel Liebe und  Zeit. Von daher bin ich sehr zufrieden, dass die EP dort erschienen ist.

trndmusik: Die nächste Nummer erschien jetzt Anfang Dezember mit den Jungs von MotorcitySoul. Wie bist du mit den Frankfurter Jungs zusammen gekommen?

Patlac: Über einen Feedback-Kontakt mit Matthias Voigt. Der Kontakt hielt sich immer mal E-Mails hin und her geschickt oder über Facebook. Dazu kommt das wir Andre von Night Drive Music auch schon länger kannten und gegenseitig die Musik verfolgten. Andre machte den Jungs von MotorcitySoul Vorschläge für Remixer und da waren Matthias und ich dann auch dabei. Wir fanden den Track „Sirens“ klasse und haben zusammen den Remix gemacht. Ich mochte die Musik von den Jungs eh schon immer. Dazu kommt das es die letzte „Motorcitysoul“ Platte ist und da war der Anreiz natürlich noch größer etwas Schönes zu schaffen von solch tollen Künstlern!

trndmusik: Ich persönlich finde deine Musik ja sehr warm, gefühlvoll und eher housig. Wie aber würdest du deinen Stil beschreiben?

Patlac: Das kommt immer drauf an. Ich würde von mir selber behaupten, dass ich total gerne schöne Dinge mag. Sei es Mode, Kunst, Fotografien. Da hab ich irgendwie Freude dran. Und so versuche ich „schöne“ Musik zu machen, die etwas transportiert. Der Spielraum ist da offen. Ich mag die tieferen Sounds genauso wie die hohen. Ichversuche immer einem roten Faden zu folgen mit einem schönen Groove. In letzter Zeit mag ich noch mehr mit Melodien und tragenden Flächen spielen. Genaue Worte für einen Stil zu finden ist wirklich schwer. Ich denke oder hoffe, dass jeder dort seine eigene Stimmung reinassoziieren kann. Ich nenne es gerne House.

trndmusik: Hast du eine Lieblingsspielzeit in der Nacht?

Patlac: Also ich mach gern den Anfang, aber bestreite auch eine ganze Nacht. Ich denke am wohlsten fühle ich mich in der Mitte der Nacht und dann nach hinten raus. Draußen auf einer Wiese auch gerne eine After-Hour. Vom Herzen her bin ich nicht der klassische After Hour-Dj, aber kann mich auch jeder Zeit gut anpassen.

trndmusik: Wie sind derzeit deine persönlichen Ziele?

Patlac: Sich persönliche Ziele zu stecken ist schon wichtig, aber im Moment freue ich mich hier zu sitzen und ein Interview zu führen. Ich frage mich, ob es Menschen gibt, die es interessiert, was ich zu sagen habe. Davon hat man dann mal geträumt, als man 14 oder so war. Es ist ein absoluter Traum, dass ich seit zwei Jahren von dem leben kann, was ich liebe. Ich muss nicht zwingend reich werden, ich würde mich sehr freuen, es weiter machen zu können und so oft es geht vor Leuten meine Musik zu spielen. Der Drang nach mehr ist immer noch da und treibt mich an. Es ist meine große Leidenschaft. Für 2013 habe ich mir vorgenommen etwas ausgewählter zu arbeiten. Ich habe  viele Remixe gemacht in 2012 und möchte mich gerne in der nächsten Zeit mehr auf eigene Sachen konzentrieren. So ein paar Projekte stehen da auch noch an. Bei meinen Remixen würde ich gerne nochmal ein anders Genre entdecken und mit meiner Musik verarbeiten und nicht immer einen House Remix vom House Track anfertigen – das würde ich für die Zukunft echt spannend finden.

Das Interview führte Sarah Schlifter.