Sidney Charles (Avotre): „Man sollte immer Wünsche haben“


„He is not a musician, nor a percussionist. He is a collector. A collector of culture and experiences. The energy and feeling around the music is what makes the difference and letting Sidney Charles not be one of manys.“

Sidney Charles zählt zu den erfolgreichsten Senkrechtstartern im vergangenen Jahr. Er hat bereits auf Labels wie Avotre, OFF Rec, Area Remote, Suara, Jeudi, Kling Klong, Monique Speciale, Variante Music, Session Deluxe und Opossum Recordings veröffentlicht und ist nun am 29. Mai 2013 zu Gast bei Re:Fresh in Frankfurt. Wir sprachen mit dem in Berlin lebenden Künstler über seine ersten Kontakte zur elektronischen Musik, wieso Berlin mehr als Hamburg zu bieten hat und wieso er und sein Surfbrett eine glückliche Beziehung führen würden.

trndmusik: Sidney, erzähl uns doch zu Beginn, wie Du zum Produzieren und Auflegen gekommen bist? Und wie und wo wurde deine Leidenschaft für die elektronische Musik geweckt?

Sidney Charles: Angefangen hat alles mit „VIVA raw deluxe“, eine TV-Sendung, die speziell subkulturelle Themen in Verbindung mit Musik gezeigt hat. Die Sendung gab es, glaub ich, von 2000 bis 2005. Als ich zum ersten Mal DJs bei Turntablism-Contests zugeschaut habe, hat es mich einfach umgehauen, wie aus einem Beat (auf 2 Platten), 5 neue Rhytmen zustande gekommen sind. Als ich mir dann nach und nach meine 1210er zusammengespart hatte und mir genug Platten zum Auflegen kaufen konnte, hat mich persönlich seit dem keine andere Leidenschaft wie das Auflegen so fasziniert.

Meinen ersten ernsthaften Kontakt mit elektronischer Musik hatte ich 2008 in Madrid, wo ich ein Jahr meines Lebens verbracht habe. Es gab dort einen Club namens „Low Club“. Wie der Name schon anmuten lässt, war es ein undergroundiger Kellerschuppen, jedoch mit ziemlich fetten Line Ups. Der damalige Deep-House-Sound von Jimpster, Terry Lee Brown Junior, The Timewriter, Steve Bug und Roberto Rodriguez hat mich zu Beginn am meisten beeindruckt.

trndmusik: Geboren als Sidney Charles Hurricane Vieljans in der Hansestadt Hamburg zog es Dich irgendwann nach Berlin. Wieso dieser Schritt?

Sidney Charles: Ich finde, 20 Jahre in einer Stadt zu leben mehr als genug und dieser Schritt war meiner Meinung nach für meine Entwicklung als Mensch sehr wichtig. Die Musik hatte erst später eine wichtige Rolle bei dieser Entscheidung gespielt.

trndmusik: Was unterscheidet die beiden Großstädte mit Blick auf die Szene und die Musik?

Sidney Charles: Berlin hat meiner Meinung nach subkulturell viel mehr Möglichkeiten, die Szene ständig interessant zuhalten, als es in Hamburg je möglich sein wird. Es liegt schlicht und einfach daran, dass in Berlin mehr Lokalitäten zur Verfügung stehen, die ein gemeinsames „Feiern“ ermöglichen. Und diese sind noch lange nicht ausgeschöpft.

Hamburg besticht meistens durch kleinere Läden, die noch keiner so richtig kennt und genau aus diesem Grund so angesagt sind. Im Hinblick auf die Musik ist Berlin nun einfach das Mekka in Bezug auf Techno & House und ich kann das zu 100 % nachvollziehen. Als Künstler in dem Bereich hier zu leben, bringt Unmengen an neuen Möglichkeiten mit sich, da in Berlin einfach ein sehr grosser Austausch durch alle Beteiligten der Szene stattfinden kann. Ganz egal ob man Promoter, Booker, DJ und/oder Produzent ist.

trndmusik: Du hast bisher auf Labels wie OFF, Suara, Jeudi und Avotre releast. Was steht in naher Zukunft an?

Sidney Charles: Es kommen in diesem Jahr noch Releases auf Avotre, Sci+Tec, Inmotion, Material Series und ein paar andere, über die ich noch nicht sprechen darf. Über eine Collabo mit meinem Avotre-Buddy Santé bin ich besonders stolz! Zudem kommen noch eine Menge Remix-Releases unter anderem für Hector Couto, Dragon Suplex, Darius Syrossian, und SKAI.

trndmusik: Wird es auch irgendwann ein Album von Dir geben?

Sidney Charles: Definitiv.

trndmusik: Open-Air-Saison: Das Wetter macht uns allen zurzeit ein Strich durch die Rechnung. Wann magst Du lieber: Open Air oder doch der dunkle Club?

Sidney Charles: Das eine sowie das andere haben ihren eigenen speziellen Charakter und Reiz für mich. Momentan wünsch ich mir aber schon, dass man sich draussen wieder zusammenfinden kann, um im Sonnenuntergang seinem Tanzrausch nachzugehen.

trndmusik: Was möchtest Du im Bezug auf dein DJ- und Produzenten-Dasein noch erreichen? Oder bist bereits wunschlos glücklich?

Sidney Charles: Ich zähle mich definitiv noch zu einem der Künstler in der Szene, die beweisen müssen, dass sie über längere Zeit qualitativ Musik rausbringen können. Daher ist mein momentanes Ziel, dass mein Name als fester Bestandteil der Szene anerkannt wird. „Wunschlos glücklich“ ist glaub ich eh ein Paradoxon. Man sollte immer Wünsche haben und hungrig sein, egal ob man meint glücklich zu sein.

trndmusik: Abschließend würden wir gerne von Dir wissen, was aus Dir geworden wäre, wenn Du nicht die elektronische Musik für Dich entdeckt hättest?

Sidney Charles: Schwer zu sagen. Vermutlich hätte es mich wohl in eine Stadt am Meer verschlagen, wo ich und mein Surfbrett eine glückliche Beziehung miteinander führen würden.

PS: Re:Fresh holt Sidney Charles am 29. Mai 2013 in das Silbergold nach Frankfurt. Wir verlosen noch 2*2 Tickets.

Das Interview führte Benjamin Reibert.