Konstantin Sibold (Innervisions): „Ich kann mir nicht vorstellen, in Berlin zu wohnen“


Konstantin Sibold hat es seinem lokalen Plattendealer zu verdanken, dass er heute als DJ und Produzent rumkommt und sich inzwischen mit seiner Veranstaltungsreihe einen Namen in der baden-württembergischen Landeshauptstadt gemacht hat.

Neben dem Auflegen, Produzieren und seinem Studium zum Luft- und Raumfahrttechniker betreibt er seit 2011 mit seinem Kumpel Leif Müller die Eventreihe Common Sense People. Mit uns spricht der 25-jährige Stuttgarter über seine ehrgeizigen Projekte, die regelmäßige Eventreihe, Heimatatgefühle, musikalische Inspirationsquellen und die Zusammenarbeit mit dem Sänger Aristoteles.

trndmusik: Du legst seit rund zehn Jahren auf. Was genau ist passiert, dass dich die elektronische Musik nicht mehr losgelassen hat?

Konstantin Sibold: Ich komme eigentlich aus dem Hip Hop, war aber schon immer sehr offen eingestellt, da mein Freundeskreis aus der Schule viele Richtungen durchlaufen ist. Ich bin dann zusammen mit meinem Kumpel Leif Müller, mit dem ich auch die Common Sense People-Reihe mache, durch ältere Freunde vor circa zehn Jahren mit Techno und House in Berührung gekommen. Die Freunde hatten uns Mitschnitte von alten HR Clubnights gegeben, die unser Interesse weckten.

Das Beats-Machen hatte ich schon ein paar Jahre zuvor in der 5. oder 6. Klasse begonnen, damals hatte ich noch keinen CD-Brenner und habe dann die Tracks auf Kassette überspielt um sie aufm Schullandheim anhören zu können.
Mit 15-16 bin ich dann zum ersten Mal zufällig in den Techno-Schallplattenladen Humpty reingelaufen, wurde zu einem Stammkunde und habe extrem viel von den Ladenbetreibern Daniel Benavente und Oliver Hauf über Techno und House gelernt. Sie haben dann auch 2010 meine erste Schallplatte auf „Salon Rosi“ rausgebracht und mich zuvor schon ins Rocker 33 reingeholt, wo ich 2009 Resident wurde. Ihnen und natürlich Leif und Kai, dem Chef vom Rocker 33, habe ich erfreulicherweise zu verdanken, dass mich diese Musik nun nicht mehr loslässt. Obwohl ich mehr Platten von den Musikgenres abseits von House und Techno besitze, welche ich privat höre.

trndmusik: Stuttgart ist ja jetzt nun nicht das Mekka der elektronischen Musikszene. Kannst du erklären, was gerade in der Szene passiert und warum man unbedingt zum Feiern nach Stuttgart kommen sollte?

Konstantin Sibold: Meine Homebase wurde 2011 auf Platz 4 & 7 in der TopTen-Liste der besten Clubs in der Groove & DeBug Magazin gewählt, was sich doch eigentlich sehen lassen kann!

Stuttgart ist zwar kein Mekka, kann aber auch gleichzeitig stolz auf seine wichtige Hip Hop-Geschichte zurückblicken. Zudem darf man auch nicht vergessen, wen die Stuttgarter Szene hervorgebracht hat: Michel (Soulphiction / Jackmate), Danilo (Motor City Drum Ensemble), der auch damals im Rocker 33 spielte oder Ali und Basti Tiefschwarz. Da ist natürlich auch das Lehmann, das Romy S oder das Climax.

Alles Clubs, die ziemlich professionelles Programm fahren. Ein Problem, was ich leider immer wieder hier sehe ist, dass kurzlebige Erscheinungen oft zu sehr gehypt werden und die Musik dann nicht im Vordergrund steht, d.h. viele gehen halt da hin, wo die anderen hingehen, z.B. zur zehnten Bar 25-Revival Nacht oder zu Rave-Veranstaltungen mit YouTube-LineUp und Zuckerwatte und Hüpfburg. Letztes Jahr beispielsweise hatten wir Levon Vincent für unsere „Common Sense People“-Reihe gebucht und es waren 100 Leute da… dann holen wir wiederum einen anderen sehr hochkarätigen Künstler wie DJ Koze und haben 900 Leute da oder 600 Leute bei Shed… da fragt man sich schon, was mit den Leuten los ist. Aber ich möcht nicht so negativ klingen!

Stuttgart isch aba scho a super schees Stätdle! Ehrlich gesagt liebe ich die Tatsache, dass es eigentlich ein großes Dorf ist. Ich kann mir nicht vorstellen in Berlin oder so zu wohnen… mir ist das schnell zu viel. Deshalb wohne ich auch nicht direkt in der Stadt, sondern bei meinen Eltern im Dorf, zwei Minuten zu Fuß vom Naturschutzgebiet entfernt.

trndmusik: Angenommen du bist absolut unkreativ und dir fällt seit einer Woche nichts ein und du kommst an einem aktuellen Track einfach nicht weiter. Was machst du?

Konstantin Sibold: Ich habe öfters mehrere Projekte auf dem Tisch, eigene Lieder, Remixe oder Skizzen, an denen ich arbeite. Wenn es mal bei einer Sache stockt, mache ich halt was anderes, zum Beispiel essen oder mich in die Sonne legen. Aber ich versuche dennoch immer Lieder zügig zu einem Ende zu bringen. Manchmal kann es auch sein, dass ich eine alte Idee, zum Beispiel ein Melodielauf oder ein bestimmtes Sample, was ich mal gefunden hatte, nach zwei Jahren wieder rauskrame und es dann Verwendung findet.

Ideen kann man nicht erzwingen, aber ich kann mich hinhocken und einfach mal machen und oft kommen diese dann von selber. Ohne Fleiß kein Preis!

trndmusik: Erzähl uns noch mehr über die Common Sense People-Reihe.

Konstantin Sibold: Leif Müller und ich machen die „Common Sense People“-Reihe seit 2010, seit 2011 monatlich im Rocker 33 mit größerem Booking. Wir haben einfach die Acts gebucht, und machen es immer noch, die wir gut finden: Soundstream, Shed, Move D, DJ Koze, Roman Flügel, Smallpeople, Efdemin, Gerd Janson, Redshape, Todd Terje, John Roberts, Sven Weisemann, Oracy usw.

Wir gehören hier in Stuttgart zu den Wenigen, die diesen speziellen Sound mit unserer Veranstaltung gezielt verfolgen, was aber nicht bedeutet, dass es einfach war, und ist, sich ein größeres Publikum aufzubauen, welches offen ist für jene Musik. Nach einer Weile hat sich für uns ein Motto herausgebildet, wobei es eigentlich der rote musikalische Faden ist, den wir kontinuierlich bis heute verfolgt haben: noncommercial, deep & timeless electronic music. Wobei wir unter dem Attribut „deep“ nicht das verstehen, was bei beatport heutzutage als „deep“house betitelt wird.

trndmusik: Was steht aktuell bei dir an? Wann kommt ein Album bzw. ein nächster Release?

Konstantin Sibold: Ich habe vermehrt Remixe in letzter Zeit gemacht, die bald erscheinen werden. Unter anderem von Jazzanova feat. Ben Westbeech – „I Can See“, der auf Dennis Ferrer’s Label Objektivity erscheinen wird, ein Remix für Compost Records von DJ Yellow & Flowers And Sea Creatures – „No One Gets Left Behind“. In der aktuellen Groove-Ausgabe ist der Track auf Platz 1 der Top 50-Single Charts gelandet ist, bevor er überhaupt offiziell rauskam. Das hat mich natürlich sehr gefreut, aber auch etwas verwundert. Einen Remix für Suol von Chasing Kurt – „From The Inside“ und zwei sehr reduzierte technoide Remixe für Cabinet Records sind noch am Start.

Im Moment sitze ich noch an einem Remix für ein anderes bekanntes Berliner Label, die Anfang des Jahres bereits einen Track von mir releast haben. Zusammen mit meinem Kumpel Telly wird zudem eine Platte auf dem Vinyl-Only Liebhaberlabel Mojuba erscheinen und noch ein sehr poppiges Lied auf der Wolke Jubiläums-Club-Compilation. Mein Ziel für nächstes Jahr ist vielleicht ein Album in Angriff zu nehmen. Kein House, eher etwas Tieferes. Ich habe Skizzen und Melodien, die sich nicht in das funktionale Club-Korsett zwängen lassen… mal schauen, was mit denen so passiert!

Das Interview führte Sarah Schlifter.