Mirco Niemeier (Play With Us): „Es ist heutzutage schwer, lange im Gedächtnis der Leute zu bleiben“


Der Berliner Mirco Niemeier ist ein wahres Urgestein oder wie er selber sagen würde: ein Pionier der ersten Stunde. Nach dem Fall der Berliner Mauer ergab sich für ihn die Möglichkeit, weltoffene Musik zu hören. Im Interview spricht der DJ und Musikproduzent über elektronische Musik in der DDR, wieso man heutzutage nicht mehr nur noch DJ sein kann, und erzählt von seinen aktuellen Veröffentlichungen.

trndmusik: Du bist in der ehemaligen DDR geboren. Wann und wo bist Du mit der elektronischen Musik zum ersten Mal in Berührung gekommen?

Mirco Niemeier: Nach Fall der Mauer ergab sich für mich und viele andere nun endlich die Möglichkeit, „legal“ weltoffene Musik zu hören und dies kostete ich natürlich in vollen Zügen aus. Im Freundeskreis wurden stolz Kassetten mit coolen elektronischen Sounds getauscht und kopiert, so dass der Generationsverlust vom ewigen Überspielen schon verehrend war.

Damals war ich noch viel zu jung, um die Clubszene zu besuchen, so mal sie 1989 eh noch in der Geburtsphase steckte. Später ab 1996 bin ich dann regelmäßig in den angesagtesten Clubs Berlins wie der alte Tresor, E-Werk, Ostgut (heute Berghain), Casino, Matrix, WM66, Subground, Sternradio und in den alten Afterhourladen Non Tox gegangen. Dresden hatte da die Strasse E und das Triebwerk im Angebot. Das war eine geile Zeit.

trndmusik: Konntest Du bereits zur Zeiten der DDR elektronische Musik aufschnappen? Gab es überhaupt die Möglichkeit, an elektronische Musik, zum Beispiel in Form von Vinyl, ranzukommen?

Mirco Niemeier: Na ja, da gab es schon Möglichkeiten. Allerdings kann ich mich nicht erinnern, dass es unbedingt elektronische Musik war, die es zu DDR-Zeiten gab. Ich weiß noch, man konnte sich mit einige Westberliner Vinyldealern an bestimmten Orten treffen und für viel Ost-Geld frische Platte kaufen. Wenn man mal bedenkt, dass eine Vinyl teurer war als die gesamte Miete einer Wohnung im Osten.

trndmusik: Hattest Du am Anfang Vorbilder, denen Du nachgeeifert hast?

Mirco Niemeier: Ja, später. Ab 1996, als ich in der Clubszene unterwegs war, hatte ich so einige Lieblinge. Um mal ein paar zu nennen: Norman Nodge, Marcel Dettmann, DJ Klee, Alexander Kowalski, Steve Bug, Dave Clarke, Paul dB(Kalkbrenner), Sascha Funke, Väth und Villalobos. Wenn sie auf dem Programm standen, dann war es eine Pflichtveranstaltung, die man nicht verpassen sollte.

trndmusik: Wie bist Du dann überhaupt zum DJing gekommen?

Mirco Niemeier: Die Clubszene hatte mich natürlich inspiriert. Irgendwie hatte ich Blut geleckt und kaufte mir ganz schlechte Plattenspieler und meine ersten Platten. Ich hatte noch keine Slipmats dafür, aber Tausend Servietten, die haben es auch getan. Früher war eben alles anders. Analog eben.

trndmusik: Bist Du nicht der Meinung, dass man auch schnell untergehen kann als Künstler? Gerade in der deutschen Hauptstadt.

Mirco Niemeier: Ja, die goldenen Zeiten waren von 1990 bis 2003. Die Künstler konnten noch als „Only DJ“ Aufsehen und Anerkennung genießen. Heute ist es meiner Meinung nach wegen dem rasant schnellen Internet, der digitalen Medien und die Masse an Web-Portalen und Labels nur noch schwer, lange im Gedächtnis der Leute zu bleiben. Man muss da schon regelmäßige und ordentliche Studioarbeit leisten. Berlin steht für einer der weltbesten Clubszene, aber mal ehrlich: Jeder DJ und Produzent weiß, dass Berlin ein verdammt hartes Pflaster geworden ist.

trndmusik: Bisher hattest Du Release auf Labels wie Der Turnbeutel, Finn Schallplatten, Parquet Recordings, Style Rockets, Play with us sowie Damm Records. Welche war bis heute in deinen Augen deine beste Veröffentlichung? Und auf welche bist Du am meisten stolz?

Mirco Niemeier: Ganz ehrlich gesagt, bin ich auf alle meiner Nummer stolz. Jeden Track, den ich gemacht habe, hat mich sowohl qualitativ und auch in der Kreativität weiter gebracht. Der eine Track wird im Club mehr gefeiert, wobei das Feedback von dem Home-Consumer nicht so stark war wie ein anderer, die extrem gut ankamen, aber nicht unbedingt im Club den Floor zum Beben bringen. Soviel ist schon mal sicher. Dennoch habe ich meine Favoriten: „Rummelsburger Bucht“, mein Remix zu „Depature“ von Meerkats sowie der Club-Mix von „Candi Staton You Got The Love“.

trndmusik: Am 13. Oktober 2013 erscheint deine neuste EP: „Poise“. Erzähl uns doch bitte, was uns erwarten wird. Auf welche Art von Release dürfen wir uns freuen? Und was passiert dieses Jahr alles noch bei Dir?

Mirco Niemeier: Es wird wieder kälter. Das bedeutet, es geht wieder ab in die Clubs. Das wird sich auch in meiner neuen EP widerspiegeln. Ich bin etwas abgegangen vom melancholischen Sound und entschied mich, mal was für den Club zu machen. Diesmal habe ich den Akzent auf Bass und analogen Sounds gesetzt. Der „Poise“ hat ein fettes Gitarren-Riff bekommen und der „Float“ hingegen eine schöne tonale Bassline, was der EP etwas Wärme verleiht und abrundet.

Derzeit ist ganz frisch am 20. September 2013 mein Remix für „Schulze & Schulze – Mind Control“ auf dem Label Der Turnbeutel von Oliver Schories mit coolen Remixe von David Keno, Oliver Schories und Celine veröffentlicht worden. Zum Winter kommt ein Release auf Pure Records und im Januar 2014 ist eine neue EP auf Karera Records geplant. Das ist noch nicht alles, aber Weiteres bleibt noch geheim.

trndmusik: Woher holst Du Dir deine Ideen für Tracks? Spielt dabei deine Heimatstadt, Berlin, eine Rolle?

Mirco Niemeier: Na ja, wenn ich sagen würde, meine Heimat Berlin spielt keine Rolle in meiner Musik, würde ich lügen. Ein Franzose spricht französisch, weil er in Frankreich lebt, ein Deutscher spricht deutsch usw. So ist das auch mit der Musik. Jeder hat so seine eigenen Vorlieben, aber ich denke, es spiegelt sich sehr wohl wider. Mir wurde schon oft nach einem Gig gesagt, was war das für ein fetter Berlin-Sound. Ein Außenstehender hört eben mit anderen Ohren. Ich mache einfach das, was mir gefällt.

trndmusik: Was möchtest Du mit Hinblick auf dein DJ- und Produzenten-Dasein noch erreichen?

Mirco Niemeier: Ich baue mir derzeit einen kleinen Pool in Sachen Mixdown und Mastering auf. Ursprünglich habe ich es nur für Freunde und „just for fun“ gemacht. Mittlerweile ist es aber regelrecht zu richtiger Arbeit geworden. Dazu mache ich noch einige Hintergrundproduktionen, wo ich die Ideen anderer Künstler umsetze. Ich glaube, dass ist auch im Alter gut, wenn man nicht mehr auf Festivals oder in Clubs spielt. Ein Hoch auf den Hörgeräteakustiker!

trndmusik: Zum Schluss erzähl uns doch, welche bisher die kurioseste Nacht war, die du als DJ erleben durftest?

Mirco Niemeier: Super, dachte die Frage kommt gar nicht mehr. Da gibt es so einige schöne Storys. Ich beschränke mich mal auf eine: Ich spielte mit jemanden Back2Back und er hatte den Kopfhörer auf. Er drehte sich zu seinem Plattenkoffer um und wollte eine neue Platte ziehen. Ich ging vor ihm vorbei und riss das Kopfhörerkabel samt Klinke ab. Das Problem war, es war eine silberne Klinke mit Plastikgriff. Der Rest der Klinke blieb im Mixer stecken und wir mussten im laufenden Betrieb den Mixer umbauen. Das ist nicht gerade gesund für eine große PA-Anlage.

Das Interview führte Benjamin Reibert.