Tagträumer²: „Heute schauen viele DJs mehr auf den Laptop, als in die tanzende Menge“


Seit rund acht Jahren reist Robert Stolt durch die Weltgeschichte und entdeckt fremde Kulturen und unerforschte Klangwelten. Dabei führt es ihn zum Beispiel in Länder wie China, Südkorea und Weißrussland, der Türkei, Ukraine oder Serbien und verarbeitet seine Erfahrungen durch das Projekt Tagträumer² in seinen eigenen Tracks und DJ-Sets. Im trndmusik-Interview erzählt der Berliner von seinen Tagträumen, wie er zu der Idee dazu kam, von seinem Vinyl- und Digitallabel BlackFoxMusic und warum er am liebsten mit Vinyl auflegt.

trndmusik: Erzähl uns doch kurz von deinem Projekt „Tagträumer²“. Was hat es genau damit auf sich?

Robert Stolt: Tagträumer² ist ein Musikprojekt mit dem ich schon  seit knapp zehn Jahren auf den Bühnen / Tanzwiesen und Radiostationen zu hören bin. Angefangen habe ich das Projekt mit einem guten Freund in unserer alten Heimatstadt Prenzlau. Mit den vielen Auftritten wurde das Projekt immer größer und schoss nach den ersten Veröffentlichungen durch die Decke. Ab diesem Moment ging ich alleine weiter, denn aus der Leidenschaft wurde ein Beruf. Immer häufiger drehte ich die Platten im Ausland / arbeitete mit dem Goethe Institut und versuchte meine Dj-Skills beim Auflegen mit Vinyl ständig zu verbessern. Stilmäßig begann die Reise bei Breakbeat / Latin und Techhouse und ich entwickelte mich ständig bis zum heutigen Tag weiter. Der eigene Stil wurde durch die kindlichen 90er Jahre-Einflüsse geprägt, den rollenden Oldschoolbässen und kleinen Vocal Breaks, die sehr deutlich im Tagträumer²-Sound zu erkennen sind.

trndmusik: Welche Länder hast du bisher bereist und welche Unterschiedlichen Erfahrungen hast du dort gemacht?

Robert Stolt: In den letzten Jahren gab es einige Asientouren durch China, Japan, Südkorea oder der Mongolei. Ebenfalls waren es viele Stopps in Russland, der Ukraine oder im Libanon. Mit dem Auftritt in Reykjavik ging dieses Jahr ein ganz besonderer Traum für mich in Erfüllung, denn in so einem kleinen Land mit nur 300.000 Einwohnern und einer derartig extravaganten Musikszene um Björk, Sigur Rós oder Gus Gus – wollte ich unbedingt Platten drehen. Das Interesse an neuer Musik ist in Island sehr groß und mich hat es besonders gefreut, dass so viele unterschiedliche Altersklassen sich in den kleinen Harlem Club quetschten. Auch nach dem Auftritt kam ich mit vielen Musikern ins Gespräch, die so gar nicht viel mit Techno am Hut hatten, aber immer neugierig auf neue Musik sind.

In China wiederum ist Techno für die breite Masse immer noch etwas Neues und man bekommt auch das Gefühl, sie überzeugen zu müssen. Vor zwei bis drei Jahren spielte ich mit chinesischen Künstlern auf einem Open Air direkt an der chinesischen Mauer. Der Eindruck war überwältigend, denn mitten in den Bergen standen wir ganz alleine vor der Mauer und machten unseren Soundcheck. Um Punkt 11:00 Uhr kamen fünf Busse aus Beijing angerollt und der Platz war auf einmal gefüllt. Da standen sie nun und konnten auch nicht so schnell wieder weg, denn die Buskolonne trat ihren Heimweg erst um 4:00 Uhr an.

Es machte unglaublich viel Spass, herauszufinden, auf welchen Sound die Leute stehen und wo die Reise hingeht. Noch dazu starten einige die ganze Zeit auf die Finger, denn in China gibt es keinen einzigen Plattenladen.

trndmusik: Deine eigene Radio-Show läuft bereits. Wo kann man sie hören und was kann der Hörer erwarten?

Robert Stolt: Die Show läuft auf Skywalker FM (Hannover) und Garage FM (Moskau). Weitere Sender kommen aber demnächst dazu. Ich bin einfach neugierig, wie elektronische Musik im Ausland funktioniert, was die Djs dort spielen und was man denn selber in solchen Ländern auf den Teller legt.

Bei einem Gig in Island dachte ich mir, es wäre Zeit diese Fragen in einer Radioshow zu beantworten. Nun bin ich aber kein Moderator und lange Geschichten wollte ich auch nicht erzählen, um die Hörer zu langweilen. Ich fände es klasse, einen Dj-Mix von einem Club-Resident aus dem jeweiligen Land zu hören oder die Musik, die gerade in dem hiesigen Club angesagt ist.

Ich spiele in einer Stunde die Musik, die mich zu der Zeit oder in der Location bewegt hat. Der Name „Eyjafjallajökull“ soll auf jeden Fall die Neugier auf das Unbekannte wecken und mit jeder Radioshow überraschen. Nach der ersten Folge, die von Steindor Jonsson aus Island vorgestellt wurde, kommen in den nächsten Monaten Russland und die Türkei dran.

trndmusik: Wieso just Vinyl?

Robert Stolt: Mit Vinyl aufzulegen bedeutet mir schon sehr viel da ich das Djing über die Turntables gelernt habe und sich in den Jahren ein großes Plattenregal angesammelt hat. Anfang 2000 wurde es dann auf einmal möglich über Timecodes aufzulegen und bis heute wurde die Auflegetechnik so verbessert, dass jeder Tracks zusammen mischen kann. Wie man aber die Musik den Leuten rüberbringt, ist immer noch eine andere Sache.
Ich hatte mir auch Traktor gekauft, um die neue Art des Auflegens auszuprobieren und wurde aber so sehr enttäuscht, dass ich nach zwei Monaten das brandneue System wieder verkauft habe. Da war plötzlich eine Wand zwischen mir und dem Publikum. Auch noch heute schauen viele Djs mehr auf den Laptop als in die tanzende Meute direkt vor der Nase.

Das Gefühl, mehr von der Technik abhängig zu sein als vom eigenen Können, war schon sehr bestimmend. Derr eigentliche Grund wieder auf Vinyl umzusteigen, war das Publikum. Da steht nun der Dj und von weitem blinkt einem schon ein Apfelsymbol an und man weiß nicht, ob er seinen Facebook-Account checkt oder tatsächlich Musik macht.
Vinyl gibt mir da viel mehr Freiheiten und brint mir Nervenkitzel – ob man nur durch Gehör und dem Fingerspitzengefühl den perfekten Mix hinbekommt. Vielleicht ist es aber auch wieder so ein Tagträumer²-Ding und hat mit viel Idealismus zu tun!

trndmusik: Was bringt einen auf die Idee so einen Trip zu starten? Woher kam deine Motivation?

Robert Stolt: Als die erste Platte von mir draußen war, gab es eine Anfrage aus San Francisco. Der Auftritt in einem alten Warehouse an einem Mittwochabend war bestimmt von schrägen Künstlern aus der Stadt und Leuten, die zum Afterwork nochmal so richtig abtanzen wollten.

Zurück in Berlin merkte ich, dass ich genau wieder solch ein Erlebnis brauchte. Es ist zwar schön, in Deutschland zu spielen und in den vielen Berliner Clubs die Welt in der Musikhauptstadt zu Gast zu habe,n doch noch viel besser ist es raus zu gehen und die eigene Musik an den skurilsten Plätzen zu spielen. Dazu gehört sehr viel Eigenleistung dazu. Und manchmal ist es besser nicht einer Bookingagentur zu vertrauen, sondern es selbst in die Hand zu nehmen.

Das Arbeitspensum ist natürlich gewaltig, denn die Produktionen dürfen nicht zu kurz kommen und müssen auch immer eine gute Qualität haben. Aber die vielen enthusiastischen Leute sei es Djs, Veranstalter oder feiernde Gäste kennenzulernen entlohnt für die harte Arbeit.

trndmusik: Du betreibst auch deine eigenen Labels in Berlin. Was passiert da alles so derzeit?

Robert Stolt: Mit BlackFoxMusic fing 2007 alles an. Meine erste Veröffentlichung erschien auf diesem Label. Mittlerweile können wir auf viele Releases zurück blicken und alle fünf Katalognummern erscheint eine besondere Compilation. Für die Katalognummer 020 sind wir gerade mit dem Namen „Kapitel 4“ in der Planung.

Dabei erscheinen acht bis zehn Songs auf zwei Vinyls, bei dem das Artwork sehr aufwändig gestaltet wird. Es sieht ein bisschen aus wie ein Buch, denn das Plattencover ist ausklappbar und im Inneren findet man alte bekannte Künstler des Labels aber auch neue Gesichter, die wir darüber vorstellen möchten. Das neue Baby namens „Rauschzeit“ richtet sich nach einem ganz bestimmten Stil zwischen Oldschool, Chicago und Deep House.
Ganz wichtig ist mir dabei, das es nur auf Vinyl erscheint und mit einer Auflage von 200 Stück sehr limitiert ist. Die dritte VÖ mit Sigourney Raver – „Hook It Up“ ist gerade in den Vorverkauf gekommen.

Das Interview führte Sarah Schlifter.
Foto by Vitoscha Königs.