Ein frischer Wind weht durch das Genre: Tinush


Den ersten Kontakt mit einem Instrument hatte Tinush Salehi im Jahre 1994, als er seine vierjährigen Finger auf die Tasten eines Keyboards setzte, das ihm von seinen Eltern zu Weihnachten geschenkt worden war. „Das beste Weihnachtsgeschenk, das ich je bekommen habe“, wie er selber sagt, entfachte schnell Neugier für Kompositionen und Produktionen. Auf professionelle Unterstützung beim Erlernen der musikalischen Theorie und Praxis verzichtete er und übte stattdessen autodidaktisch, indem er seine Lieblingslieder nach Gehör nachspielte. Im Alter von 13 Jahren entdeckte Tinush erstmals Sequencer wie den Musik Maker von Magix oder Propellerhead’s Reason für sich. In diesen virtuellen Umgebungen konnte er sich zuerst experimentell genügend in verschiedensten Genres erkunden, um die Logik der elektronischen Musik-Produktion zu begreifen. Von hier aus war es nicht mehr weit bis zu den Gefilden der elektronischen Musik. Diese waren zwar geografisch nicht gerade in seiner Heimatstadt Dortmund lokalisiert, aber dennoch entwickelte sich im Jahre 2007 langsam eine innige Liebesbeziehung zwischen dem Teenager und der elektronischen Musik. Auch seine Eigenproduktionen, die er mittlerweile mit Steinbergs Cubase arrangierte, hörten sich zunehmend nach standesgemäßem Electro an.

In der Retrospektive sieht er seine Werke aus jener Zeit zwar sehr am Mainstream orientiert, trotzdem kann Tinush auch dieser Phase seiner Biografie etwas Gutes abgewinnen: „Rückblickend nicht unbedingt meine Vorzeigezeit, aber es hat mich dennoch dorthin geführt, wo ich heute unterwegs bin.“ Genau dahin gelangte er nach 2 Jahren voller Experimente mit der Produktion von „Club- Musik“. Nach und nach definierte sich ein klarer Stil, der Tinush bis heute prägt und kennzeichnet: Die Erfahrungen aus kurzzeitigen Affären mit Jazz- und Orchester-Musik verarbeitet er in seinen Stücken seitdem künstlerisch wertvoll zu einem Werk, das er selbst als „melodischen Tech-House“ bezeichnet.

Zu Gunsten seiner musikalischen Reifung verzichtete Tinush übrigens nach seinem Realschulabschluss und einer Ausbildung darauf, sein begonnenes Studium der „Filmmusik-Komposition“ zu beenden. Heute bereut der Freigeist diese sozial unerwünschte Entscheidung keinesfalls: „Ich fühlte mich nirgendwo am richtigen Fleck, weil es immer schon die Musik war, die mich fasziniert hatte. Der Traum, zu versuchen Musiker zu werden, und damit meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, war vielleicht eine waghalsige Entscheidung, und das Risiko zu scheitern trage ich stets mit mir, aber bis jetzt kann ich nur sagen, dass ich froh darüber bin, diesen Schritt gemacht zu haben!“ Wir sind mindestens genauso froh! Von Berlin, seiner aktuellen Wahlheimat, über Hamburg, Köln, München, Wien oder Zürich. Tinush ist in der Szene gefragt und gebucht wie nie! Das beweisen auch seine über 20.000 Soundcloud-Follower. Nicht nur statistisch gesehen spielt er seine Musik damit in einer Liga mit Kölsch, Worakls und Nils Hoffmann.

Apropos Soundcloud: Mit viel Herzblut betreibt Tinush nebenbei seinen zweiten Account namens „Tinush-Salehi“. Hier beweist er sich als Multitalent und publiziert experimentelle, vielseitige Sounds verschiedenster Genres. „Musik ist für mich mehr als nur 120-126 BPM und immer wieder den selben Grundschlag. Damit möchte ich nichts schlecht reden. Alles hat seine Vorzüge, nur zu viel von einem, kann einem schnell zu Kopf steigen. Deshalb habe ich den anderen Account eingerichtet. Dies bietet mir immer eine sehr gute Auszeit und einen angenehmen Ausgleich, wenn man es so nennen will, zu all dem ‚Clubbigen‘.“ Wir finden: Höchst empfehlenswert!

Auch die Zukunft hält für den jungen Mann noch einiges bereit. Einen nicht unwesentlichen Anteil daran hat der musikalisch verwandte Lübecker Produzent Wolfgang Lohr. Dieser lotste Tinush ehemals nach Berlin und assistierte ihm bei einigen Produktionen. Lohr räumte ihm ebenso neben sich selbst einen Platz als Co-Komponist des Soundtracks für den Independent-Film „Shanzo“ frei, der 2014 das Licht der Leinwand erblicken wird. Damit verschafft sich Tinush neben seiner Tätigkeit als nachtschwärmender DJ ein zweites Standbein, das er zukünftig verstärkt ausbauen möchte. Zudem ist nach seinem Debüt-Album „Wasser, Brot und Improvisieren“ eine weitere Platte in der Schmiede, deren Details er jedoch noch nicht preisgeben möchte.

Sicher ist aber, dass er seinen unverkennbaren Stil beibehalten wird. Dieser ist womöglich auch Produkt seiner recht eigenwilligen Produktionsroutine, zu der auch die Verarbeitung ganz alltäglicher Impressionen gehört: „Die Inspiration nehme ich aus alltäglichen Geschehnissen. Ebenso aus überladener Emotionalität. Wenn ich also mal überglücklich bin, wirkt es sich total auf meine Produktion aus. Ebenso, wie wenn ich total niedergeschlagen bin, wird ein Lied am Ende auch sehr melancholisch. Das Problem an dieser Geschichte ist allerdings, wenn ich mal ein Lied im frohen Sinne anfange, und mich Tage später nochmal dran setze, aber plötzlich deprimiert bin, weil irgendetwas geschehen ist, was mich runtergezogen hat, ist es kniffelig, daran weiter zu arbeiten. Entweder kommt dann ein Stimmungsumbruch ab der Hälfte oder der angefangene Song versauert irgendwo im Speicherwerk des Musikprogramms.“

Bei seinen Produktionen verzichtet Tinush größtenteils auf teure Hardware und verlässt sich stattdessen vorzugsweise auf Plug-Ins in Kombination mit Cubase. Bei seinen Gigs als DJ hält er es ebenso sparsam und vertraut auf ein MIDI-Dreamteam bestehend M-Audio Evolution UC 33 und einem Behringer BCR 2000. Bewaffnet mit diesem Equipment im Wert von etwa 300 € beweist er nächtlich eindrucksvoll, dass weniger tatsächlich mehr sein kann!

Inmitten der teilweise monotonen und uninspirierten Massenproduktion elektronischer Musik stellt Tinushs bisheriges Gesamtwerk eine mehr als interessante Abwechslung dar. Großzügigerweise stellt er die meisten seiner Kunstwerke auf Soundcloud sogar vollkommen umsonst zum Download zur Verfügung und „das wird auch weiterhin so bleiben“, versichert er uns. Also macht euch selbst einen Eindruck und lasst euch einfach beglücken:

Tinush: