Douglas Greed (Freude am Tanzen): „Die Studiozeit ist mir wichtiger als Saufen und Dummschwätzen“


Etwas übermüdet, aber gut gelaunt und freundlich trifft man Mario Wilms aka Douglas Greed zum Interview in Hamburg vor seinem Gig. Mario stammt aus Jena – der Stadt in Thüringen, die auch Heimat des Labels „Freude am Tanzen“ ist und hat von Hip Hop, über Drum’n Bass dann irgendwann zur elektronischen Musik gefunden. In dem Genre fühlt der Jenenser sich wohl – was aber nicht heißt, dass er nicht offen ist für alle möglichen Musikstile und dies auch gern mal in seine Sets mit einfließen lässt. Im trndmusik-Interview geht es unter anderem um Hip Hop, das bevorstehende zweite Album auf BPitch Control, Intimität, Radiohead, Musik des bulgarischen Staatschors, local support, Heimatgegfühle und sein Projekt „Eating Snow“.

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trndmusik: Wir starten in der Vergangenheit und arbeiten uns langsam vor. Lass uns über dein Album von 2011 sprechen. Das ist ja schon eher ruhiger; natürlich nicht alle Tracks, aber das war schon bewusst, so von dir gewählt?

Douglas Greed: Ein Album zu machen, ist für mich die Königsdisziplin und die höchste Stufe von Intimität. Wenn ich mir ein Album von einem Künstler kaufe, dann höre ich mir das komplett am Stück an. Ich möchte die ganze Geschichte hören. Bei einem Album erzählt man eine Stunde lang eine Geschichte oder malt ein Bild. Und natürlich gab es auch bei dem Album Freunde, die gesagt haben: „Mach doch ein Dancefloor-Album, das ist gut für die Karriere!“ Aber ich wollte das Album für mich machen. Generell ist es so, dass ich die Musik, die ich mache, nur für mich mache. Wenn es dann noch anderen Leuten gefällt, dann ist das auch schön.

trndmusik: Mich begleitet elektronische Musik schon sehr lange und lustigerweise erfahre ich in Gesprächen immer wieder, dass rund 90 Prozent von DJs und Produzenten aus dem Hip Hop kommen. Was meinst du woran das liegt? Und hörst du heute noch Hip Hop?

Douglas Greed: Ich hatte auch mal eine HipHop-Band. Meine musikalische Erziehung fing mit der Sendung „Rave Channel“ mit Marusha an. Meine Eltern schauten „Wetten, dass … !“ und ich saß mit dem Kopfhörer vor der Anlage und habe Techno gehört. Dann kam ich irgendwann zum HipHop und auch solchen Sachen wie Tribe Called Quest, Pharcyde und Gangstarr. Lustigerweise habe ich gerade letzte Woche in Erinnerung geschwelgt und mir alte Guru– und Ganstarr-Sachen angehört. Outkast fand ich super und DJ Premier war für mich eh der geilste Produzent.  Auch im experimentellen HipHop gibt es gute Sachen oder schon in Richtung Crossover. Anticon Records zum Beispiel.

trndmusik: Stell dir bitte kurz vor: Du hast wie heute drei Abende hintereinander gespielt, kommst wieder nach Hause in deine Wohnung und kannst dich ausruhen. Gibt es Momente, in denen du gar keine Musik hörst?

Douglas Greed: Ganz still geht bei mir gar nicht. Ich sage mir ganz oft: „Mario, jetzt mach doch mal ganz ruhig, aber irgendwie geht es eben doch nicht!“ Wenn ich zu Hause bin, höre ich aber ganz oft Radiohead und habe sogar Metal für mich entdeckt.
Drum’n Bass habe ich auch viele Jahre aufgelegt – hier in Hamburg zum Beispiel im Hafenklang und Waagenbau.

trndmusik: Der Fabian und du – wie habt ihr zwei euch denn gefunden?

Douglas Greed: Wenn ich live spiele, dann habe ich immer einen Sänger und Percussionisten dabei. Davor habe ich mit der Sängerin Delhia zusammengearbeitet und dann haben wir einen Ersatz für sie gesucht. Und ich hätte gerne einen Typen gehabt, weil sonst nur ein Replacement gewesen wäre. Der Kontakt zu Fabian kam von einem Kumpel. Ich habe ihn angerufen und er hat direkt auf eine Skizze von mir Texte entworfen. Er selbst studiert Jazz-Gesang und man kann richtig schön mit ihm zusammen arbeiten. Dann haben wir uns ein paar Wochen eingesperrt und am Liveact gearbeitet.

trndmusik: Ich persönlich sehe „This time“ als eine Art Gesamtkunstwerk: Der Track ist großartig und das Video passt perfekt dazu. Wie viel Zeit habt ihr für alles gebraucht?

Douglas Greed: Das ging relativ schnell. Skizze und Text hatte ich schon, dann habe ich es Fabian gegeben und die Aufnahmen waren in ein paar Stunden im Kasten. Das Video war ein Hüftschuss: Wir haben im Watergate gespielt und ein Freund von mir, Maggi von DT64.com, ist mit Fabian durch Berlin gelatscht und dann haben sie das Video unter anderem am Kater-Kiosk geschossen.

trndmusik: Und ihr setzt eure Zusammenarbeit fort?

Douglas Greed: Genau, und er kommt ja eh auch immer mit, wenn ich live spiele. Dann sind wir zu dritt unterwegs. Dann haben wir noch zwei, drei andere Nummern und machen unser neues Projekt zusammen. Als nächstes wird im Mai mein Album auf BPitch erscheinen. Dann habe ich noch ein weiteres Projekt mit MoorycEating Snow. Da wird unser Album nächstes Jahr im Herbst erscheinen.

trndmusik: Hast du denn schnell gemerkt, dass das mit euch beiden gut klappen könnte?

Douglas Greed: Ja, wenn man bereits 15 Jahre Musik macht, dann merkt man das gleich zu Beginn. Es ist ja auch ein total intimer Prozess. Als ich diese HipHop-Band hatte, da war es nur Chaos. Drei unterschiedliche Typen, die alle Unterschiedliches wollen. Manchmal sitzt du auch einfach nur zwei Stunden im Studio, suchst einen bestimmten Sound und klickst dich durch tausende Snares – da geht dir der andere einfach irgendwann auf den Sack, weil er zum Beispiel mit der Chipstüte raschelt. Leute zu finden, mit denen man smooth über Stunden diesen Krach ertragen kann; das ist echt sehr selten. Mit Fabian und Mooryc geht das super.

trndmusik: Das „Deep with you“ Festival veranstalten ja Freunde von dir. Tust du ihnen einen Gefallen, dass du dort spielst? Ist es dir wichtig, lokale Events mit deiner Anwesenheit zu supporten? Weiter hast du ihnen ja auch eine EP gewidmet.

Douglas Greed: Na ja, gefallen nicht. Der Sebastian, der das veranstaltet, ist ein Freund von mir. Und ich war da ja jetzt auch nicht der große Name: Marek Hemmann hat dort gespielt. Beim ersten Mal war ich auch dort – in so einer kleinen Stadt wie Jena kennt man sich eben. Es ist schon immer so gewesen, dass man sich gut miteinander versteht. Und zu dem Track gibt es auch einen Hintergrund: Mooryc und ich ziehen uns öfters mal für eine Woche auf einen Bauernhof zurück. In den Wohnungen auf dem Bauernhof gibt es kein Telefonanschluss oder Internet. Wir konzentrieren uns dann nur aufs Musik machen. Zum Entspannen haben wir immer den bulgarischen Staatschor  gehört. Auf dem Track ist ein Sample vom bulgarischen Staatschor drauf und eigentlich war es am Anfang ein Scherzprojekt von Mooryc und mir. Auf der Platte gibt’s zwei Versionen von dem Stück; eine von ihm und eine von mir.

trndmusik: Bezeichnest du dich als Lokalpatrioten oder wann geht es für dich (wie für jeden DJ oder Produzenten) nach Berlin?

Douglas Greed: Wenn sie in drei Jahren den ICE aus Jena wegnehmen, dann bin ich vielleicht auch weg. Momentan brauche ich drei Stunden bis zum Flughafen und die Verbindungen sind generell nicht gut. Ich habe im Kassablanca, einem Jugend- und Kulturclub, meinen Zivildienst und später auch Veranstaltungen gemacht. Alle unsere Künstler haben eigentlich dort ihren Zivildienst gemacht oder das laufen gelernt und wir haben dort unsere Homebase. Spatz, der das Label macht, wohnt auf der anderen Straßenseite und Sören (Monkey Mafia) hat sein Studio über meinem – das ist schon schön! Außerdem ist es schön ruhig. Wenn du das ganze Wochenende Alarm hast, ist es schön, wenn es unter der Woche ruhig um einen herum ist. Klar gibt es auch die Momente, in denen du dir denkst: „Ich muss raus hier aus dem Molloch“!
Mooryc ist jetzt gerade von Polen nach Berlin gezogen und ich war im Sommer drei Monate dort, um mit ihm am Album zu arbeiten. Und ich merke einfach, dass mir meine Studiozeit wichtiger ist als Saufen, Dummschwätzen und Feierngehen.

trndmusik: Bei so vielen Projekten, in denen du gerade steckst; greif ich mal eins raus. „Eating Snow“ – was ist das genau und welche Richtung verfolgt ihr?

Douglas Greed: Ich wurde nach Polen zu einem Festival eingeladen und gebeten Strawinsky-Stücke auf elektronische Musik neu zu interpretieren. Und da habe ich bei einem Essen Mooryc kennengelernt. Erst ganz schüchtern und ein halbes Jahr später bin ich dann wieder auf ihn gestoßen und dachte mir: „Super Stimme, vielleicht frag ich ihn doch mal fürs Album an.“ Das ging dann alles total schnell: Ich habe ihm eine Skizze geschickt, vier Stunden später kam der Gesang zurück. Dann haben wir uns irgendwann getroffen und wir sind echt wie Geschwister. Wir sitzen sechs bis acht Stunden zusammen im Studio und machen da unser Ding. Die Musik, die wir zusammen machen ist natürlich auch anders, als das, was wir solo machen. Es macht total viel Spaß: ich schreibe die Texte und das ist für mich eine Art zweiter Frühling. Man könnte „Eating Snow“ folgendermaßen beschreiben: Die Freundschaft steht im Vordergrund und die Musik ist das Nebenprodukt davon. Das ist ein bisschen wie eine Beziehung mit uns – wir lernen beide voneinander. Und im Herbst erscheint dann unser erstes gemeinsames Album.

trndmusik: Was sind denn die prägnantesten Unterschiede, wenn du allein spielst, also so wie heute Abend ein DJ-Set oder als Truppe unterwegs bist?

Douglas Greed: Wenn ich mit Fabian und Mitchi unterwegs bin, ist das eine andere Energie. Das ist lustig, kann aber auch anstrengend sein. Beides hat seine Vor- und Nachteile. Ich mag es alleine zu reisen und auch mit den Jungs unterwegs zu sein. Und es ist echt geil, dass ich beides haben kann und die Balance gehalten wird.

trndmusik: Ist dein Solo-Album schon fertig oder bastelst du derzeit noch dran rum?

Douglas Greed: Es ist fertig und wird am 9. Mai 2014 auf BPitch Control erscheinen. Ich habe es bereits vor ein paar Wochen zum Mastern abgegeben. Nachdem ich es abgegeben habe, habe ich meinen kompletten Rechner mit 300 Skizzen gelöscht. Nur zwölf Stück habe ich für „Eating Snow“ zur Seite gelegt. Alles neu und so entsteht auch nicht die Gefahr, dass ich in alte Verhaltensmuster zurückfalle.

trndmusik: Wieso hast du dich für BPitch entschieden?

Douglas Greed: Meine Heimat ist eh „Freude am Tanzen“. Der Kontakt zu BPitch kam über Eating Snow, denn Mathias (Kaden) hat das Demo an Ellen weitergeleitet und sie fand es super. Kurz darauf fragte sie schon, ob ich nicht Lust hätte eine Douglas Greed-Sache zu machen. Dann habe ich „This Time“ gemacht und sie fragte, ob ich nicht ein Album machen möchte. Klar, wollte ich das. BPitch ist schon eine Hausnummer; auch für mich als Fan. Ich wollte dann erst mal sicher gehen, wie meine Freunde in Jena darauf reagieren. Es ist aber auch spannend mal was auf einem anderen Label zu machen. Bei dem anderen Label habe ich, Controllfreak wie ich bin, ziemlich viel alleine gemacht und es ist mal schön loszulassen. Und weiter hoffe ich damit auch andere Leute zu erreichen; nicht nur die, die mich jetzt schon kennen.

trndmusik: Man hört hauptsächlich Männervocals auf deinen Tracks. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?

Douglas Greed: Nö, eigentlich nicht. Auf dem Album war ja noch Dehlia mit dabei und auf dem neuen habe ich ein Stück mit Anna Müller aus Wien, der Sängerin von HVOB. Also doch recht ausgeglichen.

trndmusik: Da wir schon bei Vocals sind – ich bin ein großer Fan von „When a man sings on a track“ – das sagen dir vermutlich sehr viele. Was ist die Geschichte dahinter? Wer hat dem Track seine Stimme geliehen?

Douglas Greed: Das war einfach ein Abend, an dem ich gespielt habe und da waren genau solche Typen da, die ich dort beschreibe. Wenn es mich manchmal juckt, dann kann es auch mal passieren, dass ich zwischendurch Joy Division spiele. Und diese Typen standen eben da in der ersten Runde mit dem Gesichtsausdruck: „Muss das jetzt sein?“ Dann habe ich mich hingesetzt, den Text runtergeschrieben und nen Kumpel die Vocals einsprechen lassen. Und eigentlich passt es so gar nicht zu der Musik, die ich sonst so mache.

trndmusik: Hast du Inspirationsquellen?

Douglas Greed: Zum Textschreiben ist Zugfahren tatsächlich ganz gut. Ich bin aber auch kein Musiker, der eine Idee hat und diese direkt umsetzt. Es ist eher so, dass ich mich hinsetze und dann passiert irgendwas. Normalerweise dauert das bei mir schon immer etwas länger, aber „When a man sings on a track“ war ein totaler Hüftschuss.

trndmusik: Ich habe das Gefühl, dass gerade in den letzten fünf Jahren elektronische Musik sehr kommerziell geworden ist. Wie siehst du das denn?

Douglas Greed: Das war doch eigentlich schon immer so. Und ich gönne jedem seinen Erfolg. Nimm jemanden, der gerade Musik für sich entdeckt und vielleicht 14 oder 15 ist, der hört eben dann Kalkbrenner. Dann fängt er irgendwann an, sich damit zu identifizieren und kommt vielleicht irgendwann bei Chicago raus. Das war etwas anders, als ich angefangen habe, Musik zu hören.

Das hat alles seine Daseinsberechtigung. Ich glaube nicht an dieses „Früher war alles besser-Ding.“ Das krasse ist einfach, dass du heute an jede Musik dran kommen kannst. Ich finde es ok, dass Leute Erfolg haben und damit Geld verdienen. Ich mache das hier für mich selber und dass ich davon leben kann, ist ein super Beiprodukt. Ich werde definitiv immer Musik machen, auch wenn ich vielleicht in vier Jahren Taxifahrer oder Hausmeister bin.

Das Interview führte Sarah Schlifter.