Till von Sein (Suol): „Festgefahrene Vereine wie die Gema kommen mir wie aus einer anderen Zeit vor“


Laut einem Bericht von “Golem” will die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (Gema) durchsetzen, dass nicht nur YouTube Geld für Abrufe von urheberrechtlich geschützten Videos an die Gema zahlen soll. Die Verwertungsgesellschaft plane, auch von Nutzern Gebühren einzufordern, die solche Videos etwa auf Facebook oder in Blogs einbetten. Einfache Links seien keine Nutzung der Werke, eingebettete Inhalte allerdings schon und die sollten lizenzpflichtig sein, schreibt “SPIEGEL Online”.

Nach dem Gespräch mit Dominik Eulberg haben wir uns auch mit dem Berliner Musiker Till von Sein über das Thema unterhalten. Der deutsche Musikproduzent sprach dabei über seine Mitgliedschaft bei der Gema, wieso er froh ist, wenn er im Ausland ist und wieso er nicht jeden Gig annimmt.

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trndmusik: Till, das Urheberrecht will Kreative und ihr geistiges Eigentum schützen. Tut es das aktuell in sinnvoller Weise?

Till von Sein: Wenn ich ganz ehrlich bin, beschäftige ich mich damit, was meine eigenen Produktionen angeht, recht wenig. Ich habe einen Verlag, der sich um meine Angelegenheiten kümmert und bin auch bis dato sehr zufrieden mit deren Arbeit. So habe ich mehr Zeit, mich auch weiterhin kreativ auszutoben.

trndmusik: Du bist seit 2011 Mitglied bei der Gema. Was waren die ausschlaggebenden Gründe, Mitglied zu werden?

Till von Sein: Ich habe oft und intensiv mit Labelbetreibern und befreundeten Act geredet und bin dann zum Release meines Debütalbums zu dem Entschluss gekommen, Mitglied zu werden. Die Radio-Airplays und Lizensierungen haben sich auch schon „ein wenig“ bezahlt gemacht. Also genau die Gründe, weswegen es mir geraten wurde.

trndmusik: Wie wichtig sind Dir die Einnahmen Deiner Gigs? Sichern Sie Dir die Kosten für neue Produktionen oder würdest Du auch ohne sie produzieren können?

Till von Sein: Da ich ja die Agentur noch leite, kann ich relativ befreit an meine Produktionen gehen. Ich bin eh kein Fan davon, mein Hobby, was ich aus Liebe angefangen habe, so hinzudrehen, das es mir meine Miete bezahlt. Sprich: Ich muss nicht jeden Gig annehmen, wenn ich schon im Vorfeld weiss, dass es schwierig werden könnte. Und ich muss nicht Musik produzieren, nur um damit Erfolg zu haben, sondern kann mich einfach auch mal treiben lassen. Wenn es natürlich trotzdem Erfolg hat, ist das toll.

Ich liebe das DJing und ich liebe Reisen. Und ich bin sehr dankbar über die Einnahmen, die ich dadurch on top habe, da sie mir natürlich gewisse Dinge erlauben, die schon special sind und nur mit dem einem Job nicht gedeckelt werden würden. Aber am Ende des Tages weiss ich auch, dass das Specials sind, die ich nun geniessen kann. Wenn es aber nicht mehr so ist, dann ist es auch ok, weil ich es auch noch genau kenne, wie es mal anders war und man sich defacto nix neben den Fixkosten leisten konnte.

trndmusik: Laut neuesten Berichten will die Gema nun durchsetzen, dass auch das Einbetten von urheberrechtlich geschützten Youtube-Videos eine Lizenz kosten soll. Unterstützt Du diesen Vorstoß?

Till von Sein: Nein. Die ganze Gema-YouTube-Problematik ist für mich leider nicht verständlich. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich im Ausland bin und auch endlich mal Zeit habe, Musikvideos zu sehen. Nur um Songs zu „hören“, benutze ich kein YouTube. Das ist ja auch so ein Zeitgeist-Phänomen gerade.

trndmusik: Wie beurteilst Du die aktuelle Außendarstellung der Gema? Hat YouTube nicht massiv dazu beigetragen, dass viele eine negative Einstellung zur Gema haben?

Till von Sein: Ich bin jedes Mal froh, wenn ich im Ausland bin und endlich mal neue Musikvideos sehen kann, die in Deutschland geblockt sind. Ich bin ja ein großer Fan von Rap, R ’n‘ B und Popmusik und leider ist das ja meistens nicht möglich, diese Clips in Deutschland zu sehen.

Natürlich ist es toll, wenn Bushidos Clips 16.000.000 Plays haben und er ’ne Mark Fuffzich damit machen kann, das hat er dann auch verdient. Aber in unserem Genre ist es reine Promo für den Artist. Die Gema hat sich durch die ganze Sache mit den Mehreinnahmen von Clubs zu kassieren leider komplett ins Off geschossen. Die Art und Weise wie das Thema kommuniziert wurde, hat ja fast schon Fremdschämen hervorgerufen.

trndmusik: Sollte die Struktur der Gema revolutioniert werden? Und wenn ja, wie soll diese Deiner Meinung aussehen?

Till von Sein: Definitiv. Jedes Unternehmen, das finanziell nicht über die Runden kommt, muss überlegen, wie es sich den Gegebenheiten des Markts anpassen kann. Die eigenen Kosten auf andere zu übertragen, hat da meistens leider keine Chance.

Wenn es aber nur um Gewinnmaximierung geht, dann frag ich mich, wie das sein kann bei einem Verein. Das entzieht sich dann leider total meiner Vorstellung, wie das gerechtfertigt sein soll. Wenn also weniger CDs verkauft werden, weniger neue und interessante Musik im radio gespielt wird und etc. dann sollte man wohl mal überlegen, ob der Verein zu groß geworden ist. Schliesslich haben wir nicht mehr die goldenen 1980er Jahre, wo sich Pop-Platten 20 Millionen Mal verkauft haben und die Gema warscheinlich einen riesen Umsatz gemacht hat.

trndmusik: Wie beurteilst Du die aktuelle Entwicklung: Wird der Umgang mit dem geistigen Eigentum anderer laxer?

Till von Sein: Defintiv! Schau Dir nur an, was in den letzten zwei bis drei Jahren in „unserer“ Szene passiert ist. Wo es auf einmal ein Vogue war, bekannte Titel anderer Künstler zu samplen oder zu, wie es ja genannt wird, editieren. Natürlich kamen da auch ein paar echte Schätze bei rum, aber das meiste war frech und nichtmal wirklich gut. Es zielte einfach und allein darauf hin, sich selber ein gutes Standing zu verschaffen.

Ich als Kind der Hip-Hop-Welle habe auch lange gebraucht, um zu realisieren, das jeder Beat, den ich damals gefeiert habe, auf Stücken anderer basierte und habe dann aber im Anschluss dadurch den Zugang zu dieser Musik gefunden und eine Menge Soul-, Jazz- und Funk-Bands und Alben entdeckt, die ich auch heute noch toll finde. Wenn das heutzutage so wäre, würde es mich freuen. Aber meistens sind es ja eh schon bekannte Themen, die benutzt wurden, sodass der “Nach-was-suchen“-Prozess im Nachhinein wegfällt.

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trndmusik: Wie würdest Du reagieren, wenn Du einen Edit zu einem Deiner Original-Tracks finden würdest? Wie würdest Du gegen ein solche Veröffentlichung vorgehen?

Till von Sein: Gar nicht. Wenn es gut gemacht ist, fände ich es toll. Wenn es schlecht wäre, dann würde ich mich damit auch nicht weiter beschäftigen. Ich hatte das mal vor drei Jahren, dass ich bei YouTube ein Mash-Up gefunden habe von einem Song, den ich seinerzeit mit Chopstick released habe. Das Ganze war nicht zu 100% tight, aber klang einfach so, als hätte derjenige Spass gehabt an dem Projekt. ICh habe ihm direkt geschrieben und mich bedankt und es auch auf diversen Kanälen wie Facebook und Twitter gepostet.

Eine andere Geschichte ist natürlich, wenn es verkauft werden würde. Da würde ich der Person dann schon erst einmal eine Email schicken und fragen, wie sie sich das vorstellt.

trndmusik: Bis zum 5. März 2014 erhoffte sich die EU-Kommission, die im Dezember 2013 eine öffentliche Beratung zum Urheberrecht startete, Beiträge von „Konsumenten, Nutzern, Autoren, Darstellern, Verlagen, Produzenten, Rundfunkunternehmen, Vermittlern, Verteilern und anderen Dienstleistern, Verwertungsgesellschaften, öffentlichen Behörden und Mitgliedstaaten“ zu dem Thema. Ist ein überarbeitetes Urheberrecht im Zeitalter der digitalen Welt nicht schon längst überfällig?

Till von Sein: Definitiv. Was in den letzten 20 Jahren an technischer Entwicklung, gerade durch das Internet, passiert ist, ist ja einfach nur noch wahnsinnig. Man merkt recht schnell, wie so festgefahrene „Vereine“, wie z. B. auch die Gema, einem vorkommen wie aus einer anderen Zeit. Jede Agentur, jedes Plattenlabel und jeder Künstler musste sich die letzten 20 Jahre an die Gegebenheiten anpassen. Einigen Kandidaten fällt das leider etwas schwerer als anderen.

trndmusik: Ein Weißbuch zum Urheberrecht kündigt der zuständige EU-Kommissar für Binnenmarkt und Dienstleistungen, Michel Barnier, an. Er verspricht „Lösungen für reale Probleme, wenn und wo sie bestehen.“ Wird die EU Lösungen finden?

Till von Sein: Die EU wird bestimmt Lösungen finden, aber wem das dann helfen wird, steht auf einem anderen Blatt. Dafür ist sie ja bekannt.

Das Interview führte Benjamin Reibert.