Oliver Koletzki (Stil vor Talent): „Ich muss die Leute vertrösten, die von mir ein monotones Techno-Album erwarten“


** Wir verlosen drei Stil-vor-Talent-Pakete **

Oliver Koletzki zählt zu den bekanntesten deutschen Produzenten und DJs im Bereich der elektronischen Musik. Am 16. Mai 2014 erscheint sein mittlerweile fünftes Album. Mit trndmusik sprach der gebürtige Braunschweiger im Hauptgebäude von Universal Music in Berlin über seine Jugend, seine musikalische Entwicklung und die Techno-Polizei in der deutschen Hauptstadt.

oliverkoletzki

trndmusik: Das Cover deines Albums zeigt einen jungen Oliver Koletzki. In „Hommage“ geht es um seine Jugend in Braunschweig und „Bring Me Home“ ist der EP „Childhood Basslines“ entnommen. Ist das Album ein Rückblick auf dein bisheriges Leben und Wirken als Musiker? Von Klubmusik bis Pop und wieder zurück?

Oliver Koletzki: Das ist jetzt nicht wirklich das Konzept des Albums, aber ich werde dieses Jahr vierzig Jahre alt und merke, dass ich jetzt in einem Alter bin, in dem ich auch zurückblicke. Das habe ich früher nicht so getan. Wenn man jung ist, blickt man mehr nach vorne und weniger zurück. Mit vierzig Jahren macht man sich schon Gedanken, wie das Leben bisher verlaufen ist, was man bisher gemacht hat. Und deshalb dieses „zurück zu den Wurzeln“ und das Cover des Albums auf dem ich als 13-Jähriger dargestellt bin. Und dann der Track, den du angesprochen hast, den ich mit René gemacht habe. Es gibt ja noch zwei andere Tracks, die in Richtung Hip-Hop gehen, was auch ein Genre ist, das mich sehr in meiner Jugend geprägt hat. Zudem gibt es zwei Lieder, die in die Richtung UK-Garage gehen. Das ist ebenfalls ein Genre, das ich früher viel aufgelegt habe.

trndmusik: Was war die Idee hinter dem Titel des Albums?

Oliver Koletzki: Ich habe mich irgendwann entschieden, dieses Cover zu wählen, was mich als 13-Jährigen zeigt. Das Foto gibt es wirklich. Chrisse Kunst hat es für das Cover abgezeichnet. Ich will damit den Kiddies, die in der Pubertät nicht so begünstigt waren, ein bisschen Mut zusprechen und vermitteln: Ok, ich hab jetzt vielleicht Pickel und eine Zahnspange, bin vielleicht auch der Außenseiter in der Schulklasse, aber ich bin trotzdem ok und ein cooler Typ, mir geht’s trotzdem gut. Die andere Seite ist das Wortspiel mit meinen Initialen. Das hatte ich schon lange vor, mit diesen Initialen zu arbeiten, wenn ich ein Lied oder Album herausbringe. Und so hat sich das in dieser Doppelbedeutung ganz gut angeboten.

trndmusik: Wie persönlich ist der Longplayer ansonsten? Mir sind viele Lyrics aufgefallen, die in eine melancholische oder romantische Richtung gehen. Hast du die Texte vorgegeben oder waren es immer die jeweiligen Sänger, mit denen du zusammengearbeitet hast?

Oliver Koletzki: Ich schreibe zunächst die Musik und überlege dann, welcher Sänger dazu passt. Und da hatte ich bei den vorherigen Alben, bei Großstadtmärchen zum Beispiel, immer ein ganz glückliches Händchen. Und das ist diesmal auch wieder so. Ein bisschen Einfluss habe ich aber dennoch – zum Beispiel bei dem Song mit MC René oder dem mit meiner Frau, mit Fran. Da haben wir gemeinsam beschlossen, dass auch der Text ein glückliches Gefühl vermitteln soll, weil die Musik das auch tut. Grundsätzlich bin ich aber ein melancholischer Typ und wenn der Hörer dann auch einen melancholischen Eindruck vermittelt bekommt, finde ich das klasse.

trndmusik: „Bring Me Home“ ist der einzige bereits veröffentlichte Song aus dem Album. Warum hast du dich entschieden, ihn auch mit ins Album aufzunehmen?

Oliver Koletzki: Das hat mehrere Gründe. Ich finde es generell langweilig, wenn auf einem Album viele alte Tracks sind, wie bei Todd Terjes Album zum Beispiel. „Bringe Me Home“ lag mit aber am Herzen. Denn, wie schon erwähnt, stammt er von der EP „Childhood Basslines“ und das war die allererste Veröffentlichung von meinem neuen Label: Light My Fire. Und das Imprint war damals so unbekannt, dass der Track nicht viel Beachtung fand, obwohl er bei YouTube mittlerweile über fünf Millionen Klicks hat. Also anscheinend mochten die Leute ihn doch, wir haben nur einfach wenig davon verkauft, was vielleicht auch daran lag, dass er auf keinem Album drauf war. Deshalb fand ich es sinnvoll, ihn noch mal auf meinem neuen Album zu präsentieren.

trndmusik: Die zweite Hälfte des Longplayerss ist im Vergleich zur ersten wesentlich clubtauglicher. Da hast du zum Beispiel mit „Parachute“ auch einen Deep-House-Track mit Meggy. Gibt es da ein Konzept, dass du melodisch anfängst und dann immer mehr in Richtung tanzbare Clubmusik gehst?

Oliver Koletzki: Ja, das stimmt, schön dass du das gemerkt hast. Als ich das Album fertig produziert hatte, musste ich mich entscheiden, in welcher Reihenfolge die Tracks veröffentlicht werden sollen. Und ich habe mich dazu entschieden, das so zu machen. Auch ganz einfach aus Marketinggründen. Die Tante Erna, die zu Media Markt geht und in das Album reinhört, hört sich nur die ersten paar Lieder an. Nur wenig Leute hören sich vorher das ganze Album an – außer ein paar Spezialisten. Also macht es Sinn, die starken poppigen Titel an den Anfang stellen. Dennoch hab ich auf diesem Album auch hier eine Mission: Nämlich zurückzugehen und den Leuten nicht nur die Pop-Schnulzen von „Großstadtmärchen II“ zu präsentieren, sondern auch wieder ein paar Dance-Tracks. Und die kommen dann eher auf der zweiten Hälfte. Ich bin ganz happy, dass ich dieses Mal ein Gleichgewicht zwischen poppigen Tracks habe und solchen, die man auch auflegen kann. Den Track mit Meggy lege ich jetzt schon seit ein paar Monaten auf und der funktioniert super.

trndmusik: Wo wir grade bei Marketing waren: Warum veröffentlichst du, wie beim letzten Album, auf Universal Music? Wie reagierst du auf die Kommerzvorwürfe?

Oliver Koletzki: Universal hat mir vor zwei Jahren einen Vertrag angeboten. Und es ist schon ein Traum eines jeden Musikers, dass irgendeine große Plattenfirma kommt und mit einem zusammenarbeiten will. Und so war es bei mir auch. Eigentlich ist das gar nicht notwendig, weil Stil Vor Talent so gewachsen ist, dass auch dort eine Albumveröffentlichung weltweit wahrgenommen wird. Was Universal jedoch im Gegensatz zu Stil Vor Talent hat, ist: ein Haufen Kohle. (lacht) Richtig viel Kohle. Man gibt viel mehr Geld für Videos aus und hat ganz andere Marketingstrategien. Und das ist auch in meinem Interesse als Musiker. Da geht’s gar nicht so sehr um’s Geldverdienen, so viel verdiene ich hier jetzt auch nicht, die Verkaufszahlen sind nun mal im Keller, egal auf welchem Label.

Dieses „Underground ist cool und Mainstream ist böse“, da bin ich sowieso drüber weg. Wir sind bei Stil Vor Talent auch immer poppiger geworden. Und klar, da gibt es dann immer ein paar Leute, die Berliner Techno-Polizei, die dann sagt: „Du, du, du bist böse! Du bist auf Universal!“ Den meisten Leuten ist aber egal, wo ich mein Album veröffentliche. Die wollen einfach nur ein gutes Oliver-Koletzki-Album. Und ob das auf Universal, Stil Vor Talent oder auf Pusemuckel Records rauskommt, ist denen egal. Ich habe das Album genauso produziert und geschrieben, wie ich es auch für Stil Vor Talent gemacht hätte.

iamok

trndmusik: Auf deiner Homepage steht geschrieben: “ ‚I am O.K.‘. ‚Mir geht’s ganz gut‘, sagt Oliver Koletzki bescheiden. 2014, nach 26 Jahren als Musiker, ist er zweifellos dort angekommen, wo er hinwollte.“ Wie siehst du das Album im Verhältnis zu deinen vorherigen Alben? Wie hast du dich verändert? Bist du, wie es mal in einem anderen Interview hieß, vom Minimal zum Weichspülpop gewandert?

Oliver Koletzki: (lacht) Geil. Dieser Vorwurf rührt ja daher, dass ich mit Mückenschwarm bekannt geworden bin, welches das härteste Lied ist, das ich je gemacht habe. Das war nicht repräsentativ für mich. Und mit „Mückenschwarm“ wurde dann 3 bis 4 Jahre Minimal total angesagt – also minimale und meistens auch eher monotone Musik. Und das war nicht meine Zeit, nach „Mückenschwarm“ wurde es ja auch 1 bis 2 Jahre eher etwas ruhiger um mich. Weil ich auch mit Minimal nicht so viel anfangen konnte. Ich hab in dieser Zeit parallel „Großstadtmärchen“ geschrieben und habe melodiöse Musik gemacht, wie ich sie schon früher in meinen Hip-Hop-Zeiten oder in meinen Rock-Bands gemacht habe.

Und dann hab ich einfach angefangen, mit Sängern zu arbeiten. Und klar, da gibt es dann die Hardcore Cocoon-Fans, die jedes Jahr nach Ibiza fahren, die mit „Zuckerwatte“ natürlich nichts anfangen können. Die beschweren sich dann ein bisschen. Aber das ist schon ok, ich will es ja nicht jedem recht machen. Das ist jetzt das dritte Album, das so melodiös ist und bei dem sieben bis acht verschiedene Leute singen. Und so ist auch meine Entwicklung. Ich muss die Leute vertrösten, die von mir erwarten, dass ich ein monotones Techno-Album produziere, das wird nie passieren. Und mit „Hypnotized“ hab ich ja den „Mückenschwarm“ auch etwas korrigiert.

trndmusik: Du ziehst bald mit deinem Büro und Studio auf den Holzmarkt, sozusagen dem Nachfolger des Kater Holzig. Warum dieser Schritt? Was hältst du von dem Konzept?

Oliver Koletzki: Ich habe ja schon in der Bar 25 und im Kater Holzig aufgelegt. Und im Kater hatten wir auch oft Labelnächte von Stil Vor Talent. Irgendwann stand dann fest, dass dieses Gelände gekauft wurde und ich war total fasziniert von der Idee, die sie dort umsetzen wollen. Mit dem neuen Klub, der Kita, dem Restaurant und was da alles entstehen soll. Deshalb habe ich Anteile bei der Genossenschaft gekauft. Und dann stand irgendwann fest, dass sie dort auch ein Tonstudio machen wollen und ich arbeite seit drei Jahren in einem Tonstudio ohne Fenster. Was irgendwie ok ist, aber auf Dauer etwas deprimierend. Ich habe dann die Zusage für ein Tonstudio mit Fenster bekommen. Parallel hab ich mich auf ein Laden-Büro für Stil Vor Talent beworben. Seitdem es das Label gibt, arbeiten wir auf neun Quadratmetern mit drei Festangestellten. Das ist nicht mehr als ein üblicher Flur in einem Haus. Und das ist ziemlich verrückt, denn wir sind ein relativ großes Label. Aber wenn man in unser Büro schaut, denkt man, ich würde Sklavenkinder beschäftigen. Deshalb müssen wir schon seit langem dringend umziehen.

Und außerdem hab ich schon länger geplant, einen Klamottenladen aufzumachen, weil unsere Sachen ganz gut laufen. Ich habe dann die Möglichkeit bekommen, auf dem Dorfplatz vom Holzmarkt einen Laden mit 30 Quadratmetern zu bekommen. Im vorderen Bereich kann man dann unsere Beutel, T-Shirts und Vinyl bzw. CDs zu kaufen. Und im hinteren Teil haben wir unser Büro, wo meine Boys & Girls vom Label arbeiten.

trndmusik: Der Holzmarkt hat ja ein neues Konzept. Und jetzt gibt es ja diese Debatte in Berlin, dass die Klubs am Absterben sind. Das Weekend plant ein neues Konzept für Touristen ab 40 Jahre. Laut den Clubbetreibern sollen nur Leute in den Klub, die sich auch ein Taxi für 20,- € leisten können.

Oliver Koletzki: Ich kann dieses Gejammer nicht hören. Schade um die Clubs, die betroffen sind. Aber die Wahrheit ist doch, dass es in Berlin so viele Clubs wie nirgendwo anders auf der Welt gibt. Ich bin in meinem bisherigen Leben schon viel rumgekommen, in vielen Städten auf verschiedenen Kontinenten, und nirgendswo gibt es so viele Clubs wie in Berlin. Und wenn hier mal ein Club zumacht, machen auch immer im gleichen Monat ein oder zwei neue auf. Klar, Leute binden sich emotional an Locations und gehen da oft hin. Und sind dann verständlicherweise traurig, wenn einer schließt. Aber wenn man nicht auf die Einzelfälle guckt, sondern auf das Ganze, geht die Zahl von Klubs insgesamt auf gar keinen Fall runter. Wenn ich dann immer diese Mitleidsbekundungen auf Facebook lese, finde ich das ziemlich betrüblich. Berlin hat die beste Klubszene der Welt und da braucht sich keiner zu beschweren.

trndmusik: Du hast kürzlich ausgewählte Tracks von dir mit dem Sinfonie-Orchester des Hessischen Rundfunks live gespielt. Wie kam es dazu und wie war diese Erfahrung für dich fernab vom sonstigen Produzieren zu spielen?

Oliver Koletzki: Ja, das war eine tolle Erfahrung. Die haben mich gefragt, das ist ein Konzept von denen und wird jedes Jahr ein mal mit bekannten Künstlern gemacht. Das war eine große Ehre für mich, besonders weil ich Klavier spiele und dann bei dem Konzert auf der Bühne am Flügel spielen konnte. Es war aber relativ viel Arbeit. Ich musste mit dem Arrangeur, der die Verbindung zwischen mir und dem Orchester bildet, im Studio bei jedem einzelnen Track gucken, welcher Synthie von welchem Streicher oder welchem Bläser nachgespielt wird. Dann haben wir das ausgearbeitet und es wurde auf Noten gedruckt. Jeder im Orchester hat die Noten bekommen und musste üben. Ich musste sehr viel Klavier üben, weil ich das unbedingt live spielen wollte. Und es kam super an, es gab einen Livestream, der über 30 000 mal angeguckt wurde. Auf YouTube kann man sich das auch noch ansehen.

trndmusik: Du hast vor kurzem deine Amerika-Tour beendet. Was steht im restliche Jahr bei dir an?

Oliver Koletzki: Die Tour war sehr schön. Ich war mit Niconé und Sascha Braemer in Mexiko, San Francisco, Los Angeles und New York. Ansonsten bin ich ganz aufgeregt, hoffe dass mein Album gut läuft und den Leuten gefällt. Bald beginnt die Festival-Saison und mit dem Booking läuft es bisher sehr gut. Ich spiele den ganzen Sommer lang Festivals. Ich freue mich, endlich wieder tagsüber draußen zu spielen und nicht nachts in einem Club. Zudem gibt es noch Remixe von einigen Tracks. Von Nora En Pure & Elekfantz wird es einen Remix von „Up In The Air“ geben.

trndmusik: Warum gibt es seit ein paar Monaten mit Light My Fire ein Sublabel von Stil Vor Talent?

Oliver Koletzki: Stil Vor Talent ist mir der Zeit immer melodiöser und vocallastiger geworden, was nicht zuletzt auch an meinen Veröffentlichungen liegt. Ich habe irgendwann gemerkt, dass wir im Büro noch Kapazitäten für ein zweites Label haben und habe mir dann überlegt, ein Label zu machen, das eher auf den Dance-Floor fixiert ist. Die Tracks von Stil Vor Talent funktionieren auch im Radio und zu Hause.

trndmusik: In den vergangenen Monaten sind recht viele Alben von Künstlern aus dem elektronischen Bereich erschienen, zum Beispiel DJ Koze oder Todd Terje. Welche haben dich dabei inspiriert?

Oliver Koletzki: Das Album von Moderat war super. Auch das von DJ Koze, der dafür zu recht den Kritiker-Preis vom Echo bekommen hat. Todd Terje gehört nicht dazu. Ich bin ein riesiger Fan von ihm. „Inspector Norse“ und „Strandbar“ hab ich in meinen DJ-Sets rauf und runter gespielt. Deswegen waren auch die Erwartungen recht hoch und ich finde es, wie gesagt, enttäuschend, dass vier alte Tracks auf dem Album sind und nur sechs neue. Außerdem bin ich auch traurig, dass so viele langsame Lieder darauf zu finden sind. Letztendlich ist nur „Delorean Dynamite“ als neuer Dance-Track drauf. Da hatte ich mehr erwartet.

Generell find ich es gut, wenn mehr Künstler Alben rausbringen, darauf setzen wir ja auch bei Stil Vor Talent. Wir machen seit mehreren Jahren vier Alben pro Jahr. Denn nur Singles rauszuhauen, wie das zum Beispiel Off Recordings machen, finde ich auf Dauer etwas kurzlebig, das wird auch den Künstlern nicht gerecht. Eine Single ist nach vier Wochen wieder vergessen, die Leute wollen Alben hören und das bringt auch die Künstler weiter.

Das Interview führte Philipp Kutter

Wir verlosen drei Stil-vor-Talent-Pakete, die jeweils mit dem Album „I am O.K.“ (CD), einem „I am O.K.“-T-shirt, einem Schal und Beutel von Stil vor Talent bestückt sind! Was müsst ihr tun? Schickt uns einfach eine Email mit eurer kompletten Anschrift und dem Betreff ( Oliver ist vollkommen O.K. ) an win@trndmusik.de!

Der/die Gewinner/innen werden am 22. Mai 2014 per Email benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

  • interesred

    Berlin hat die beste Clublandschaft Deutschlands…und deswegen bleibt es kritisch wenn Clubs verschwinden, die vor dem Hype um Berlin die Stadt prägten… mit dieser Pseudomeinung ala „kommen schon Neue“ geht Berlins Nachtkultur unter..!