Ryan Crosson (Visionquest): „Wer auch immer meint, dass wir die ‚lukrativste Supergroup der House-Szene‘ seien, sollte zum Arzt gehen“


Ryan Crosson ist Teil des berühmten Labels und Produzenten-Gruppe Visionquest. Er selbst ist bekannt durch seine eigenen Produktionen. Wir haben mit Ryan über seine letzte Veröffentlichung (My Favorite Robot Records), Detroit und Leute gesprochen, die sagen, dass Visionquest die „lukrativste Supergroup der House-Szene“ sei.

Ryan Crosson

trndmusik: Ryan, deine letzte Veröffentlichung – My Favorite Robot Records (MFR) – ist seit ein paar Tagen draußen. Du hast zwei Remixe zu Tim Greens „Helpless Sun“ EP beigetragen, die sich stark von den Original-Tracks unterscheiden. Einer heißt „Mood Vocal Remix“, der andere „Ambient Remix“. Verglichen mit deinen anderen Veröffentlichungen, ist der erste relativ langsam und auch melancholisch. Im zweiten liegt dieser atmosphärische Style, den du und die anderen DJs bei Visionquest gerne in Sets verwenden und der auch in eurem Album „DRM“ (2012) zu finden ist. Woher hattest du die Idee für die Remixe, warum wolltest du zwei Remixe machen und wie hast du daran gearbeitet (mit welchen Tools)?

Ryan Crosson: Es hilft immer, gute, saubere und fein gefilterte Parts zu haben. Deshalb hat das Ganze sehr gut angefangen, da Tim mir eine Menge Original-Material gegeben hat, mit dem ich gut arbeiten konnte. Er hatte exzellente Vocals, die ich etwas bearbeiten und verwenden konnte, außerdem andere Klänge und Effekte, die zentrale Elemente im Ambient-Mix darstellen. Mir hat die Idee mit den zwei Remixen sehr gut gefallen, weil sie sich manchmal überschneiden und ergänzen können – ähnlich einem DJ-Tool-Remix.

trndmusik: Du lebst nun seit einigen Jahren in Berlin. Eine deiner bekanntesten Produktionen war eine Kooperation mit Tale Of Us, der auch nach Berlin gezogen ist. Wie hat die Stadt deine Werke beeinflusst? Du hast einmal in einem Interview gesagt, dass du als Musiker „besser synthetisieren willst. Eine Soundkomposition erschaffen, egal, ob sie für den Dancefloor geeignet ist oder nicht.“ Wie sieht es damit aus?

Ryan Crosson: Es dauert länger, als ich gehofft habe, ist aber besser als damals. Ich liebe es mittlerweile, all das zu machen, das den Kernpunkt eines Tracks unterstützt: Atmosphärisches, skurrile Klänge. Diesen Part, manche würden sagen den einfachen Part, habe ich nun fest im Griff. Ich war noch nie der Typ für lebensverändernde Hooks, aber manchmal passieren sie. Mein guter Freund Cesar bringt mir diese bausteinförmigen Parts näher; das wird mein nächster Schritt sein. Je aktiver ich in den letzten Jahren wurde, desto zufriedener war ich mit den Ergebnissen. Das wird der nächste Schritt sein und ich denke, dass viel Positives dabei herauskommen wird.

trndmusik: Nun, Berlin ist eine der bedeutendsten Städte für elektronische Musik: ich lebe seit drei Jahren hier und habe den Eindruck, dass es immer als kreativ und interessant gilt, aber in Wahrheit nur ein paar herausragende Produzenten, und noch weniger herausragende DJs hervorbringt. Vieles, was hier so im Umlauf ist, klingt gleich. Du lebst jetzt seit vielen Jahren hier. Wie siehst du die Szene?

Ryan Crosson: Hmm, das ist schwierig zu beantworten. Ich denke, es gibt eine Menge super Produzenten hier und ebensoviele DJs, wenn nicht sogar mehr. Ich würde sagen, dass die Stadt insgesamt einen sehr spezifischen Sound hat. Je nachdem, wo man so hingeht, gibt es auch dort diese speziellen Klänge. Das macht den Besuch der jeweiligen Location zwar manchmal etwas überflüssig, aber ich denke, dass Berlin extrem viel Talent hat. Es kann sein, dass ich am Anfang etwas heißer auf Berlin war, weil alles neu und frisch war. Aber die Szene hier hat nach wie vor so einiges zu bieten.

trndmusik: Seth Troxler, Shaun Reeves, Lee Curtis und du betreiben seit 2011 das allseits bekannte Label Visionquest. In der Retrospektive, habt ihr irgendwelche Fehler gemacht oder gab es sonstige Erwartungen, die nicht in Erfüllung gingen? Oder seid ihr wirklich die „lukrativste Supergroup der House-Szene“, wie mybeatfix.com es kürzlich formuliert hat?

Ryan Crosson: Du liebe Güte! Scheiß viele Fehler, tausende!!! Aber nur so lernt man. Genau wie uns einige Dinge über den Weg gelaufen sind, gibt es auch einige, die es nicht sind. Und das ist in Ordnung. Selbst wenn ich zurückschaue und mir denke, „FUCK! Warum haben wir das bloß gemacht? Oder warum haben wir das nicht gemacht?“ – wenn wir das hätten, wären wir vielleicht trotzdem nicht in dieser positiven Situation, in der wir heute sind. Fehler sind nur schlecht, wenn du nicht daraus lernst. Und zu Erwartungen… vor fünf oder 10 Jahren hätte ich niemals erwartet, wo wir heute stehen. Das ist zwar nichtmal annähernd riesig oder bezaubernd im großen Sinne, aber wir sind glücklich darüber, was wir mit dem Label und unseren eigenen Karrieren in den letzten sieben Jahren erreicht haben. Ich kann immer noch nicht glauben, dass es sieben Jahre her ist, dass wir aus den Staaten hergekommen sind. Jesus! Zu guter Letzt: wer auch immer das mit der „lukrativsten Supergroup der House-Szene“ gesagt hat, kann nicht uns gemeint haben. Falls doch, sollte er zum Arzt gehen.

trndmusik: Der Detroit-Sound wird immer beliebter in Europa. Du und deine Visionquest-Partner wurden stark von Detroit geprägt, so die Interviews. Inwiefern hat Detroit euren Sound beeinflusst?

Ryan Crosson: Die Party-Szene zu meiner Zeit hat mich mehr beeinflusst als der „Detroit-Sound“. Da ich 25 Jahre lang in Detroit gelebt habe, war ich vielen unterschiedlichen Musikgenres ausgesetzt: Motown, Jazz, Hip Hop, Rock ’n‘ Roll, Blues, und natürlich Techno. Aber ich bin bis zum Ende meiner frühen Zwanziger nicht tiefer in diese Genres und Künstler aus Detroit eingetaucht. Deshalb denke ich, dass bei mir alles irgendwie rückwärts lief, so komisch das klingen mag. Ich schätze Musik aus Detroit jetzt mehr, seitdem ich in Berlin lebe. Vielleicht, weil mein Geschmack sich verändert oder ich von gewisser Dance-Musik gelangweilt bin. In meinen Teenager-Jahren war das größtenteils Hip Hop und klassischer Rock, und später dann Dance. Klar habe ich viele Plus 8-, Minus- und Spectral-Platten gehört, aber ich wurde auf jeden Fall stärker beeinflusst von Perlon- und Telegraph-Platten als von Kram aus Detroit.

trndmusik: In einem Interview mit dem Groove-Magazin hat Dixon gesagt, dass ein DJ-Set zu mindestens 80% aus neuen Tracks bestehen sollte. Falls nicht, hat der DJ etwas falsch gemacht. Wie siehst du das?

Ryan Crosson: Ich verstehe ihn, stimme aber nicht wirklich zu. Es ist eine Frage der Neigungen, wie jemand DJ sein will, also kann ich das Statement nicht haten. Mir aber macht es Spaß, alte Tracks zu spielen und junge Zuhörer zu sehen, die diese zum ersten Mal genießen. Es ist auch immer lustig, wenn man gerade einen Lauf hat, ein langes B2B-Set mit jemandem spielt und beide DJs von Zeit zu Zeit alte Diamanten raushauen.

trndmusik: Was kann von dir für den Rest des Jahres erwarten? Gibt es Pläne für ein zweites Album? Und wie wär’s mit einer Visionquest-EP?

Ryan Crosson: Mein zweites Album mit Mr. Merveille ist auf dem Weg. Wir behalten diese Jazz-Ästhetik des ersten Albums, aber legen den Fokus etwas mehr auf analoges Equipment. Ich habe auch mit meinem ersten Solo-Album angefangen, das ging aber in letzter Zeit aufgrund meiner anderen Verpflichtungen (bspw. das Projekt mit Cesar) etwas unter. Eine Visionquest-EP ist in der Mache und könnte Ende des Jahres tatsächlich fertig sein, wenn wir alle in die Staaten fliegen und zusammen im Studio sitzen. Bezüglich einiger Termine: ich spiele nächsten Monat beim Music:On und es kommen ein paar Visionquest-Showcases bei Sonar, Lovebox und We Love Space Ibiza.

Die EP „Helpless Sun“ von Tim Green – inklusive der Remixe von Ryan Crosson – gibt es zum Download auf Beatport.

Das Interview führte Philipp Kutter.