Secret of Elements (Gleichklang): „Genau genommen, ist mein neues Album eine EPLP“


Johann Pätzold alias Secret of Elements komponierte für das Rostocker Volkstheater bereits zahlreiche Tracks. Neben seiner Arbeit als elektronische Liveact schuf er nun einen neuen Longplayer für die anstehenden Konzerte und Live-Shows. Das Album erschien am 17. Oktober 2014 auf seinem eigenen Label. Wir sprachen mit dem Musikproduzenten über seine Krankheit, die ihn zur elektronischen Musik brachte, die Arbeit beim Rostocker Volkstheater und den neuen Longplayer „Transformation“.

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trndmusik: Deinen ersten Longplayer hast Du quasi aus dem Bett produziert, da Du zu dieser Zeit im Krankenhaus lagst. Nach der Veröffentlichung des Albums wurde es ruhiger um Dich. Aus welchem Grund? Hattest Du eine zeitlang keine Lust auf’s Produzieren?

Secret of Elements: Der Grund, Musik zu machen, kam eigentlich aus einem Impuls der Verzweiflung. An mir wurde 2005 eine chronische psychische Krankheit diagnostiziert, die allen Erwartungen nach niemals eine Besserung beinhalten würde, sondern tendenziell eine Verschlimmerung. Ich habe es irgendwie geschafft, mich zwischen Rückfällen und Krankenhaus einmal aufzuraffen und fing an, an der FH Wedel ein Studium der Physikalischen Technik zu absolvieren, was aber relativ schnell ein jähes Ende fand und ich wieder in die Klinik eingeliefert werden musste. An diesem Zeitpunkt klammerte ich all meine Hoffnung an dieses Studium, wurde aber letztlich exmatrikuliert. In der Zeit im Krankenhaus hatte ich ab und zu die Möglichkeit auf ein Klavier zuzugreifen und schrieb dort ein paar Stücke. Als ich irgendwann entlassen wurde, zimmerte ich diese mit einem Beat zusammen und schickte das an diverse Labels. Zu verlieren hatte ich ja nichts mehr. Und getreu dem Motto vom „Blinden Huhn“ ergab sich tatsächlich die Möglichkeit zu einem CD-Release. Tatsächlich hatte ich überhaupt keine Ahnung von der elektronischen oder technoiden Musik. Und nach dem Prinzip vom „Blinden Huhn 2.0“ hatte diese Platte auch dann noch irgendwie Erfolg. Ein so plötzlicher Erfolg führt zu einem Höhenflug. Ich selbst habe das irgendwann mal als „Erfolgs-Psychose“ betitelt. Völlige Selbstüberschätzung – und das Schlimme daran: Man bemerkt es nicht mal. Ich habe mich so weit aus dem Fenster gelehnt, dass ich irgendwann abgerutscht bin und mit dem Kopf voran fünf Etagen tiefer auf den Boden geknallt bin. Das war auch gut so! In den darauf folgenden Jahren konnte ich mir meinen eigentlichen Stil langsam erarbeiten.

trndmusik: Hattest Du in Deinem bisherigen Produzenten-Dasein auch mit musikalischen Krisen schon zu kämpfen?

Secret of Elements: Ich glaube, da gibt es sogar irgendwie eine dreier Regel. Alle drei Wochen zweifelt man einmal. Alle drei Monate schrottet man entweder seine Festplatte durch das Zuknallen seines Laptops, oder sitzt zumindest eine Nacht in der Küche, bewaffnet mit drei Schachteln Zigaretten, einer Packung Tempos und einer Flasche Schnapps, seniert vor sich hin, wie scheiße doch alles ist und die Musik, die du machst, doch auch eigentlich totaler Müll ist. Alle drei Jahre kommt ein totaler Zusammenbruch. Es gab eine schlimme Phase, in der nichts gelang. Es wurde derart belastend, da wirklich keine Melodie oder Komposition mehr klappen wollte, und ich irgendwann entschied, alle Mittel zu versuchen, meinen Geist wieder ins Reine zu bekommen. Ein Teil davon war eine lange Reise nach Rumänien, wo ich mich für ein paar Monate in das Fagarash Gebirge zurückzog und versucht habe, mit sogenannten Visions-Suchen und Meditationen mich wieder gerade zu rücken. Ich glaube, am Ende war es die schrecklich schöne Natur dort und das spüren der Elemente, was geholfen hat, mich wieder in Gleichgewicht zu heben – sprich Urlaub.

Bei Ritualen wie Visions-Suchen kann man zwar schon abgefahrene Sachen erleben, hat aber doch mehr was mit Einbildung zu tun. Dennoch erinnere ich mich gerne zurück, zumal ich irgendwie meine Musik jetzt in den Bildern sehen kann, die ich dort geschossen habe und diese Bilder auch Leitbild meines Labels geworden sind.

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trndmusik: Du erhältst unter anderem vom Rostocker Volkstheater immer wieder Aufträge für Musikkompositionen. Wie kam es zu dieser aussergewöhnlichen Kollaboration?

Secret of Elements: Ich tauschte mich in meiner damaligen Krisenphase mit vielen Künstlern aus. Reden hilft da ungemein. Ich habe ein paar Freunde, die als Schauspieler im Volkstheater arbeiteten und die wiederum kennen sich im Volkstheater alle untereinander sehr gut. So lernte ich irgendwann eine Tänzerin des Volkstheater kennen. Ihr gefiel meine Musik sehr und es kam direkt zu einer Zusammenarbeit. Dadurch intensivierte sich mein Kontakt zur gesamten Tanzcompanie und letztlich dann auch zu dem Rest. Ich habe bis heute die Ehre, zahlreiche Produktionen für die Tanzcompanie musikalisch untermalen zu dürfen, aber auch privat bzw. berufliche Dinge außerhalb des Theaters mit den Tänzern musikalisch zu begleiten. Wir haben da irgendwie eine gute Schnittstelle gefunden.

trndmusik: Um das Theater steht es aktuell sehr schlecht. Für Dich ist es aber zugleich Arbeitgeber. Hast Du durch die schlechten Nachrichten Zukunftsängste?

Secret of Elements: Ja, das Ganze macht mich sehr sauer! Momentan gibt es einen schweren Kampf um das Theater in Rostock. Das Land möchte doch lieber in ein kleines Theater, in einer noch kleineren Stadt – Schwerin – investieren, als in ein großes und altes Traditionstheater in der größten und einzigen Großstadt Mecklenburg-Vorpommerns, Rostock. Das Volkstheater Rostock soll mit Schwerin fusioniert werden, wobei das Rostocker Theater den größten Preis zahlen soll. Ganze Sparten sollen gestrichen werden – unter anderem auch das Tanztheater – was ja immer und immer wieder auch mit mir zusammenarbeitet. Das wäre für mich nun keine finanzielle Katastrophe, jedoch finde ich diese ganze Sache schwer korrupt, da das Land nicht mal ansatzweise seinen Pflichten nachkommt und der Landeskultur-Minister Brotkorb scheinbar seiner eigenen Kleinstadt aufgrund von übertriebenen Lokalpatriotismus den Vorzug gibt. Auf mich wirkt es zumindest so.

trndmusik: Als was siehst Du Dich überhaupt: als Komponist, Produzent oder DJ?

Secret of Elements: Da habe ich lange drüber nachgedacht. Ich glaube, jeder stellt sich mal die Frage. Nach dem Ausschlussverfahren bin ich auf gar kein Fall DJ. Ich habe niemals gelernt, Vinyls aufzulegen und bin mir sehr sicher, dass meine Übergänge wie eine Noise Band klingen, die niemals geprobt hat. Ich möchte mich mal aus dem Fight zwischen Traktor und Vinyl raushalten, aber für mich ist tatsächlich echtes DJing, Vinyl auflegen. Es ist doch immer die Kunst dessen, was man tut, die einen auszeichnet. Meine Kunst sind die Melodien und das Sound-Design. Das fällt dann eher unter Komposition. Dementsprechend ordne ich mich zu den Komponisten. Der Komponist beinhaltet meines Wissen sogar den Produzenten.

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trndmusik: Du warst bzw. bist auch im politischen Bereich aktiv. Kannst Du uns das näher erklären?

Secret of Elements: Na ja, was heißt aktiv. Es waren eher Dinge, die mich angekotzt haben und ich teilweise fassungslos die Gegebenheiten betrachtete. Als ich nach der Jahre andauernden Krankheit einmal selbst erleben durfte, wie man wirklich vollkommen im Stich gelassen werden kann, wollte ich meine Followerschaft darauf aufmerksam machen und versuchte eine Öffentlichkeitsarbeit mit Kampanilen über die Facebook-Seite auch mal über unser teilweise doch sehr schlechtes Gesundheitssystem zu berichten. Das wurde sogar noch fast gut angenommen. Irgendwann vermischte sich das dann aber zu sehr mit meiner Musik und ich habe das erstmal sein lassen. Dann ging es ja an anderer Stelle los: mit dem Kampf um das Theater und das traf bei mir wirklich auf völliges Unverständnis. Es ist schon manchmal abartig, wenn du hörst, wie Politiker über Menschen reden, als wären es nur einfache Dinge. Und vor allem hat das einen riesen großen Konflikt in mir ausgelöst, der immer und immer wieder meinen Kopf in einen Error Modus gewandelt hat. Es gibt gewisse Grundmauern in jedweder friedlichen Gesellschaft, ob nun zum Beispiel freie Presse, oder eben auch die Kunst an sich. Es sind freie Köpfe, die das ganze Ding am laufen halten und einen Bildungsauftrag haben. Wenn man nun solche Dinge beschneidet, im welchem Umfang auch immer, beginnt man mit dem Feuer zu spielen. Künstler und Journalisten haben scheinbar einen sechsten Sinn dafür, ob jemand gerade den Karren, in dem wir alle sitzen, gegen die Wand fahren will. Und am Ende sind es doch diese auch immer gewesen, welche oftmals schon prophetisch soziale oder gesellschaftliche Probleme in Abstraktion verarbeitet haben.
Nicht allein deswegen ist sogar in unserem Grundgesetz, der Schutz der Kunst fest verankert worden – und das wird gerade schamlos zerschlagen.

trndmusik: Was war der Impuls, um das Label Gleichklang Records zu gründen? Wolltest Du Dich damit in irgendeiner Art selbst verwirklichen?

Secret of Elements: Gleichklang Recordings habe ich unter dem Aspekt der Künstler und Kultur Förderung gegründet. Wir haben zum Beispiel kein festes Musikkonzept. Auch gehen wir auf keinen Fall nach Verkaufszahlen. Nebenbei werden wir auch noch Bücher, Gedichtbände oder Fotografien und Gemälde veröffentlichen. Wir selbst haben auch ein Repertoire an Schauspielern und Tänzern im Angebot, wollen Theater fördern, Film, Bildende Kunst sowohl in Projekten als auch den Künstler an sich. Die einzige Prämisse für eine Veröffentlichung bei uns ist die Qualität, die hinter dem steckt was veröffentlicht werden soll. Ob es am Ende nur einer kauft oder zehn Millionen, ist uns erst einmal egal. Es ist für mich auch ein Statement gegen den extremem Pop-Hype. Ich möchte gar keine negative Kritik an irgendeinen Popstar äußern. Ob man die Musik nun scheiße findet oder nicht, die „da oben“ arbeiten genau so, wie alle anderen. Und oft ist nicht mal gesagt, dass diese zwangsläufig mehr Geld verdienen. Klar ist, das die großen Plattenfirmen daran verdienen und immer mehr den Markt mit dem Zeug überschwemmen. Dadurch hat oftmals die echte Kunst gar keine Chance mehr. Top-Independent Künstler schaffen es nicht mehr durch den Sumpf der Beliebigkeit zu brechen. Und in diese Marktlücke habe ich mich jetzt einfach mal reimgeschummelt und pumpe jetzt erstmal mein Privatvermögen in das Label, um es auf zwei Beine zu stellen. Für mich selbst ist es natürlich auch eine Basis, etwas zu veröffentlichen und ist eher für meine experimentellen Sachen gedacht.

trndmusik: Was steht demnächst bei Dir und dem Label auf dem Programm?

Secret of Elements: Momentan sitze ich jeden Tag zwölf Stunden im Studio, mache abwechselnd eine Woche lang Dinge, welche mir gar nicht gefallen (Papierkram, Rechnung schreiben, Mails beantworten, Kosten kalkulieren). Danach eine Woche musikalische Auftragsarbeiten für Kunden und Auftraggeber, dann wieder eine Woche Label, dann eine Woche an der eigenen Karriere arbeiten. Zum Beispiel soll es im nächsten Jahr ein neues Album von mir geben, was ich gezielt experimentell halten werde. Jetzt kam am 17. Oktober 2014 noch eine Premiere mit Musik von mir im Volkstheater Rostock unter dem Namen „Have a look two – Come Closer“.

Dann gibt es noch ganz großartige Anwärter für Veröffentlichungen auf dem Label, wo wir gerade in die finale Phase kommen. Am 30. Oktober 2014 bringt ein ganz toller Komponist, Jan Paul Werge, einen Soundtrack auf Gleichklang Recordings heraus. Und wir arbeiten gerade an tollen Bühnen-Programmen mit unseren Künstlern, welche im nächsten Jahr umgesetzt werden sollen. Alles im allem habe ich mich letztens erschrocken, als ich aus dem Studio-Fenster einen Blick auf den Baum vor meinem Studio warf und feststellen musste, dass der Sommer gar nicht mehr da ist.

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trndmusik: Am Freitag erschien auch Dein neuer Longplayer. Woher kam die Idee zum Album?

Secret of Elements: Das muss ich weiter ausführen: Da stecken gleich mehrere Konzepte hinter. Dieses Album fällt kurioserweise in die Kategorie EP, wenn man die Titelzahl betrachtet. Von der Spielzeit aber sind wir bei fast 70 Minuten, was in Schallplattendimensionen wieder ein Longplayer ist. Genau genommen, ist es also eine EPLP. Das Selbe habe ich auf meinem Gleichklang-Debüt „Schizophrenia“ schon einmal gemacht, das digitale EPLP aber als EP-Preis angeboten.

Eigentlich möchte ich damit ein Antikonzept fahren. Im Radio hört man Musik mit einer durchschnittlichen Tracklänge von zwei Minuten. Unter dem Vorwand, so las ich einmal, dass man einem Konsumenten keinen drei oder vier Minuten langen Track zumuten kann, dass dann seine Hörkonzentration schwindet. Ich finde aber, dass ist eine ganz furchtbare Entwicklung. Wenn ich einen Auftrag als Komponisten für das TV bekomme, um für einen Jingle oder sonst etwas zu produzieren, ist meine Skizze schon etwa 1:30 lang, welche ich dem Auftraggeber als Probe zusende. So kurze Produktionen sind erstens ein Graus und zweitens bekommt ein Song überhaupt nicht die Möglichkeit, zu zeigen, was er drauf hat. Für einen Jingle, ok, aber für ein ausproduziertes Musikstück? Es kommt natürlich immer ganz auf die Musik an, aber ich finde ein Track sollte in der Regel schon mindestens seine sechs Minuten voll machen.

Normalerweise ist ein „besonders abgefahrener Titel“ auf einem Album immer einer, der meist im Gegensatz zu allen anderen eine besondere Überlänge hat. Bei meiner „Transformation“ EPLP ist es genau das Gegenteil. Fast alle Titel sind weit über zehn Minuten lang und nur zwei schaffen es, die zehn Minuten deutlich zu unterbieten. Ich will damit versuchen, zu beweisen, dass sehr lange Titel durchaus hörbar sind, wenn man es schafft, mit ihnen eine Geschichte zu kreieren. Bisher habe ich damit sehr gute Erfahrungen gemacht, trotz aller Empfehlungen meine Titel doch ein wenig zu kürzen.

trndmusik: Wie und wo ist der Longplayer entstanden?

Secret of Elements: Ich habe auf diesem Album wieder sehr viel mit gesammelten Instrumenten gearbeitet. In meinem Studio steht ein unglaubliches charaktervolles Klavier. 100 Jahre auf dem Buckel, teilweise verstimmt, hat seinen eigenen Willen, ab und zu streiten wir uns sogar. Aber es belohnt mich immer wieder mit sehr interessanten Geräuschen, die ich, wenn ich mal nicht darauf spiele, erzeugen kann. Am Computer kann man dann echt abgefahrenes Zeug damit machen, wenn man das durch diverse Filter jagt. Ich habe mir in meinem Leben eine ganze Menge Instrumente angeeignet, welche ich teilweise sehr gut, gut oder zumindest rudimentär bedienen kann. Mein Anspruch ist, den größten Teil selbst einzuspielen und wenn mir ein Instrument unter kommt, was ich nicht spielen kann, dieses dann solange zu üben, bis ich es schaffe. Die Soundpalette auf diesem Album, die ich verwendet habe, umfasst einen Zeitraum von vielen Jahren. Gerne greife ich aber auch mal auf die freien Bandmitglieder für SoE zurück. Dann jamen wir manchmal Stunden lang im Proberaum, der Rec-Knopf läuft dabei immer mit. Manchmal finden sich dann Sachen auf den Produktionen wider, wenn ich mich durch die Spuren arbeite, welche aufgenommen wurden.

Für eine Tänzerin der Compagnie hatte ich ein besonderes Geschenk, da sie Urlaub in Australien über den Sommer gemacht hat. Ich habe dann für ihr Stück „Propaganda“ ein Didgeridoo bestimmt zehnmal übereinander eingespielt, das gesampelt und gefiltert. Der Track besteht zu 95 Prozent nur aus Digeridoosounds und ist damit einer aus der Kategorie Sounddesign, was mit Komposition von einer Melodie gar nichts mehr zu tun hat.

Das Interview führte Benjamin Reibert.