Von Idealismus und brotloser Kunst: Interview mit dem Gründer von hearthis.at


Mal wieder zeigt sich, dass das Internet ein (weitestgehend) demokratisches System ist. Die sich in den letzten Monaten häufende Kritik an der Unternehmenspolitik des führenden Musik-Streaming-Portals SoundCloud fand jüngst ihren Ausdruck in der Alternative: hearthis.at. Die von drei engagierten Experimentatoren ins Leben gerufene Plattform soll nun durch mehr Nutzerfreundlichkeit und Fairness überzeugen. Mit einem der Gründer, Benedikt Groß, sprach unser Redakteur Vitus Bachhausen über diese und noch einige andere Ideen.

hearthis

trndmusik: Wer, was, wie und warum seid ihr?

Benedikt Groß: Wir sind drei nette junge Typen, die sich auf Initiative von mir im März 2013 zusammen getan haben, um hearthis.at zu gründen. Das Projekt begann als kleines Nerd-Experiment und Spielwiese für unsere Ideen und Wünsche, die wir nicht in anderen Plattformen wiederfanden. Wir haben aber schnell gemerkt, dass wir nicht allein sind. Schnell entwickelte sich diese, als Experiment gestartete Website, zusammen mit der stetig wachsenden Community zu einer Plattform, die ihren Platz als Alternative zu etablierten Portalen sieht.

trndmusik: Mit „etablierten Portalen“ meinst Du sicherlich auch die wohl bekannteste Plattform – SoundCloud – die zuletzt wegen einigen strukturellen und visuellen Änderungen in der Kritik stand. Was genau stört Euch an Euren Konkurrenten?

Benedikt Groß: Wir sehen uns nicht als Konkurrenz zu anderen Portalen, sondern als Alternative. Ich glaube, uns fehlt als Individualisten am meisten das Gefühl verstanden zu werden. Dies auf einzelnen Veränderungen innerhalb der Plattformen einzugrenzen, gelingt mir in diesem Zusammenhang nur schwer. Allein die Künstler, die das Ergebnis ihres Talents einer solchen Seite anvertrauen, tragen diese und sollten immer Gehör finden. Diese Philosophie leben wir in all unseren Entscheidungen und fühlen uns dadurch sehr nah bei unseren Nutzern, die das in sehr vielen persönlichen Gesprächen zum Ausdruck bringen. Am Ende soll das ganze doch auch Spaß machen, oder?

trndmusik: Das wäre durchaus ein interessanter Ansatz, wenn er denn gelingt. Wie genau drückt sich denn diese Nähe zum Nutzer bei Euch aus?

Benedikt Groß: Wir halten zum einen für unsere Nutzer sehr viele direkte Kommunikationswege offen. Facebook, Twitter, Chat, private Nachrichten, Bug-Tracker und Kontaktformular auf unserer Seite sind die wichtigsten. Antwort erhalten unsere Nutzer meist nach sehr kurzer Zeit, egal ob wir in der Bahn sitzen, eine Party besuchen oder gerade erst aufgestanden sind. Zum anderen freuen wir uns über jedes Feedback und ganz besonders über Kritik, die wir dann zusammen mit den Leuten angehen. Jede daraus resultierende Anpassung wird in einem frühen Stadium zum Test bereitgestellt und aktiv diskutiert, bevor wir sie auf alle Leute loslassen. Alle registrierten Mitglieder haben bei uns die Chance an diesem Beta-Programm mitzumachen und unsere Ideen vorab zu testen. Wir sind, das muss ich zugeben, in der glücklichen Position, Dinge zu machen, weil wir es wollen und nicht weil wir es müssen.

trndmusik: Das hört sich nach viel Idealismus an, der da hinter Eurer Arbeit steckt. Dieser schwindet bei vielen Unternehmen aber mit zunehmenden kommerziellen Verstrickungen. Bleibt ihr so idealistisch? Oder eher: Kann sich ein Unternehmen auf Dauer diesen Idealismus überhaupt leisten, ohne auszusterben?

Benedikt Groß: Ich würde hier sogar einen Schritt weiter gehen: Nur mit Idealen und Träumen kann man Dinge (er)schaffen, mit denen Menschen etwas verbinden und sich wohl fühlen. Es gibt hierzu viele Beispiele von Produkten, die das geschafft haben und unzählige mehr, bei denen das nicht der Fall ist. Wir versuchen bewusst, alle kommerziellen Aspekte auf einem Minimum zu halten, um natürlich den reibungslosen Betrieb von hearthis.at zu gewährleisten und das Portal weiterzuentwickeln, aber gleichzeitig auch dem Bedürfnis der Künstler nach freier Entfaltung nachkommen zu können.

trndmusik: Das klingt ja schon mal gut. Aber ist dieses weitestgehend non-kommerzielle Konzept auch in Zukunft haltbar? Schließlich finanziert ihr Euer Projekt ja jetzt schon mit einem Premium-Modell – ähnlich wie bei SoundCloud.

Benedikt Groß: Wir tun alles dafür, dass es so sein wird. Unser Pro- bzw. Premium-Modell ist dabei meiner Meinung nach nicht vergleichbar mit dem von SoundCloud. Die Motivation, erfolgreiche Artists zu bitten, einen Pro- oder Premium-Account mit Profi-Funktionen für einen sehr viel geringeren jährlichen Betrag zu buchen, ist eine andere, als von vorn herein jedem Künstler eine feste Grenze aufzuzeigen. Ich vergleiche das immer mit einem Maler, der das Malen erlernt. Dieser wird es nicht schaffen, mit drei Leinwänden das Malen zu erlernen und er wird auch nicht jedes Mal eine wegwerfen, nur damit er Platz für eine neue hat.

trndmusik: Gut veranschaulicht. Das ist richtig, euer Preis ist wirklich erschwinglich und bietet einige sinnvolle und nützliche Funktionen wie die Gestaltbarkeit der Künstler-Profile.

„Wir glauben an frei nutzbare Produkte und Dienstleistungen. Wir denken, dass jeder Künstler so viel Platz für seine Kreativität zur Verfügung haben sollte, wie er benötigt. Das Wichtigste: Wir wollen Musikern, Bands und DJs keinerlei Limitierungen auferlegen.“

So beschreibt ihr eure Philosophie selbst. Aber verstehe ich das denn richtig, dass der Nutzer ohne Premium-Account bei euch mit all seinen Uploads maximal 5000 Plays bzw. 2000 Downloads erreichen darf, bis er auf einen Pro-Account angewiesen ist? Der mittellose Künstler müsste die Leinwand dementsprechend also doch wegwerfen, um weiter malen zu können.

Benedikt Groß: Ich dachte mir, dass du darauf zu sprechen kommst. Weiter unten auf derselben Seite schreiben wir als Erläuterung der Limits, dass nach Erreichen keine Einschränkungen auf die bereits hochgeladenen Musik und Audiofiles angewendet werden. Weder Plays noch Downloads werden begrenzt. Nur der Upload neuer Musik ist dann nicht mehr möglich. Wir beobachten natürlich das Nutzerverhalten und die monatliche Plays und Downloads, um gegeben falls die Limits zu korrigieren und um weiterhin zielgruppenorientierte Dienste anbieten zu können. Eine perspektivische Anhebung der Limits mit steigender Nutzung von hearthis.at ist damit ausdrücklich nicht ausgeschlossen. Gemeinnützige Projekte und Kooperationspartner unterstützen wir auch sehr gern mit kostenfreien Lifetime-Premium-Accounts. Wir denken aber, dass maximal 24 Euro im Jahr für einen Premium Account sehr fair gegenüber allen Nutzern ist. Die Verlängerung um ein weiteres Jahr bei Gefallen von hearthis.at kostet dann sogar nur 10 bzw. 20 Euro.

trndmusik: Das ist fair! Allerdings ist ein (musikalisch-)soziales Netzwerk wie eures natürlich auf eine Community angemessen, um zu funktionieren. Dabei stelle ich mir einen jungen Künstler vor, der seine Arbeit veröffentlichen will, und nun vor der Entscheidung steht, auf welcher Plattform seine Werke am besten zur Geltung kommen könnten. Da haben populäre Netzwerke wie SoundCloud oder Mixcloud natürlich deutliche Vorteile, denn sie bieten ihren Nutzern eine breite öffentliche Bühne. Was wollt ihr also zukünftig unternehmen, um die Nutzer auf eure Seite zu ziehen?

Benedikt Groß: Bleiben wir einmal bei deinem Beispiel und gehen einmal davon aus, dass der junge Künstler sich für eine der etablierten Anbieter entscheidet. So wird er dort einer unter sehr vielen sein und es relativ schwer haben, die dortige Plattform als Promotion-Tool zu nutzen. Viel eher wird der junge Künstler Plattformen wie Facebook oder Twitter zum Werben nutzen, auf denen er bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat. Und an dieser Stelle egalisiert sich das Gewicht der Soundplattform. Natürlich ist es bei bereits profilierten Identitäten und etablierten Netzwerken unmöglich, dieselbe Fanbase auf einer neuen Plattform aus dem Stand zu erreichen. Hier treten dann andere Entscheidungskriterien in den Vordergrund. Genannter Vergleich setzt natürlich voraus, dass der Funktionsumfang und die technischen Voraussetzungen gegeben sind, um theoretisch dieselbe Hörerschaft zu erreichen. Einige kritisieren hearthis.at dafür, nicht eine ähnliche Reichweite zu haben wie andere Anbieter, vergessen aber, dass jeder Artist in erster Linie selbst für Erfolg oder Misserfolg seiner Publikation verantwortlich ist. Wir geben den Künstlern gern alle Werkzeuge in die Hand, die sie für ein erfolgreiches Marketing benötigen. Wie sie aber eingesetzt werden, wollen wir nicht vorgeben. Um den Bekanntheitsgrad des Portales selbst zu steigern, arbeiten wir seit langer Zeit mit vielen Kooperationspartnern zusammen, um Netzwerke zu etablieren, oder um eine Tiefenintegration unserer Funktionen in andere Software und Seiten voranzutreiben. Damit das aber alles sauber und rund wird, braucht es unter Umständen etwas Zeit. Den David-vs.-Goliath-Vergleich kannst du auch sehr gern auf Vimeo vs. YouTube anwenden.

trndmusik: Da hast du schon recht. Auch kleinere Plattformen können sich neben größeren behaupten, wenn sie ihre Nische richtig besetzen. Auch wenn eurer Projekt noch jung ist, scheint es bei unzähligen Nutzern bereits angekommen zu sein, dass sie bei euch besondere Wertschätzung erfahren. Dazu gehört natürlich auch eure Offenheit für Kritik, wie du schon erwähntest. Laut verschiedenen Meinungen würden manchen Nutzern auf hearthis.at noch einige essentielle Funktionen fehlen oder aber die Bedienoberfläche sei an manchen Stellen noch fehlerhaft, unübersichtlich und unschön. Wo seht ihr demnach eure Entwicklungsfelder?

Benedikt Groß: Wir wissen um unsere Fehler und Schwächen. Damit wir schnell auf Probleme reagieren können und um hearthis.at stetig zu verbessern, nutzen wir 50% unserer Projektzeit für Korrekturen und Verbesserungen, 30% für Support und Social Networking und die verbleibenden 20% für die Entwicklung neuer Ideen. Uns hilft es sehr, wenn Nutzer offen Ihre Kritik äußern und Verbesserungsvorschläge unterbreiten. Wir haben gerade unseren letzten Feature-Sprint abgeschlossen und werden jetzt wieder an die Optimierung und Verbesserung unserer Website gehen. Durch das stetige kritische Hinterfragen unserer eigenen Arbeit in Verbindung mit verschiedenen Tätigkeiten am Portal haben wir immer wieder neue Blickwinkel. Aber fertig wird man nie. Zum Glück.

trndmusik: Schließlich möchte ich Dich als Beteiligten mal nach Deiner Meinung über die Zukunft des Musik-Streamings fragen: Welche Rolle spielen Plattformen wie SoundCloud oder hearthis in den kommenden Jahren hinsichtlich der Entwicklung von Künstlern? Immerhin sind mittlerweile ja einige Künstler, wie Klangkarussell oder Robin Schulz, aus den Untiefen des Internets, in den Mainstream aufgetaucht.

Benedikt Groß: Das ist, glaube ich, die schwierigste Frage von allen und wenn man sie beantworten will, sollte man die Medaille von zwei Seiten betrachten. Streaming, egal ob Ton oder Bild, ist in der heutigen Zeit nicht mehr wegzudenken. Die Volumenpreise für mobilen Datentransfer nehmen stetig ab, die Anzahl der Produktionen immer weiter zu. Musik ist kurzlebig, überall, nicht (mehr) exklusiv und weniger prägend. Dadurch und wegen weiteren Faktoren sehe ich das Wertempfinden gegenüber Musik geschädigt. Wie viel würdest du für diesen Titel Zahlen? Diese einfache Frage, die sich in Vergangenheit durch den Vinyl- oder CD-Preis definierte, stellt sich heute nicht mehr. Die Frage muss umformuliert werden: Was ist dir dieser Titel wert? Meiner Erfahrung nach genügt einem Großteil der Nutzer das kostenlose Streaming. Ein kleinerer Teil nutzt kostenpflichtige Streaming-Dienste. Und ein noch verschwindend kleinerer Teil aller Musikkonsumenten im Internet kauft Musik. Und selbst dort sind die Abschläge teilweise so groß, dass am Ende nicht mehr viel für den Künstler bleibt. Wir sehen in der heutigen Zeit den einzelnen Künstler als Verlierer dieser Entwicklung und suchen aktiv mit Labels, Produzenten sowie Musikern nach Lösungen. Einen sinnvollen Ansatz sehen wir in der Strategie von Bandcamp, die den Direktvertrieb von Musik direkt durch den Urheber anbieten. Uns hat die Idee der direkten Bezahlung auf das PayPal-Konto des Künstlers so gut gefallen, dass wir ein ähnliches, weiterentwickeltes Konzept auf hearthis.at integriert haben und Streaming mit einer Kaufoption für einzelne Tracks oder gesamte Sets anbieten. Nichts desto trotz bleiben auch für mich Streaming-Portale die unersetzbaren Quellen für Talente und Hidden Secrets, die entdeckt werden wollen. Geben wir allen die möglichst gleiche Chance dazu.

trndmusik: Es scheint, als müsse sich das Internet momentan neu ausrichten. Bin ich als Nutzer bereit, für ein hochwertiges Produkt bezahlen, wenn ich es auch umsonst bekommen könnte? Und schon sind wir wieder beim sagenumwobenen Idealismus. Glaubst du, dass die Konsumenten im Internet irgendwann ein Gewissen dafür entwickeln, wie das Internet und seine Früchte verantwortungsvoll zu nutzen sind?

Benedikt Groß: Diese Frage stellen sich wahrscheinlich alle Journalisten genauso wie die gesamte Medienbranche. Wenn man es schafft, den potenziellen Käufern für ihr Geld mehr zu bieten als nur eine Audiodatei im Download-Fenster des Browsers, dann wird man auch wieder Musik im Internet verkaufen. Sei es ein Platz auf der Press-Release-Liste, Rabatt für ein Event Ihrer Wahl auf dem der Künstler spielt, Teilnahme an einer Album-Verlosung bei Erwerb einer EP, oder anderen exklusiven Angeboten, die nur die Künstler oder das Label bieten können. Es geht meiner Meinung nach nicht darum, den Konsumenten ein ‚Gewissen‘ beizubringen. Es geht vielmehr um Produkte, die die Fans auch wirklich kaufen und nutzen wollen. Und ich glaube, dass wir hier noch sehr viel Spielraum für neue, frische Ideen haben, die unbedingt ausprobiert werden sollten.

trndmusik: Ich merke schon, dass hinter hearthis.at unglaublich viel Motivation und Leidenschaft steckt. Da gibt’s wohl noch einiges zu erwarten.

Benedikt Groß: Ich habe den Kopf voller Ideen und noch viel mehr auf der Liste unserer Nutzer. Wir werden in den kommenden Tagen den Fahrplan für den Rest des Jahres festlegen, um hearthis.at besser zu machen. Dazu gehören sowohl neue, tolle Funktionen als auch die Überarbeitung einiger Bereiche, die uns und andere stören und die unbedingt besser werden müssen. Falls eure Leser Lust haben, können sie uns gern dabei mit Vorschlägen, Anregungen und Ideen helfen und uns schreiben. Die Musiker und Hörer wissen schließlich am besten, wie Dinge zu funktionieren haben und was sie benötigen.

Das Interview führte Vitus Bachhausen.