Monte ist gekommen, um Kaugummi zu kauen und Euch in den Arsch zu treten – ein Interview


Elektronische Musik ist gerade durch ihre Produktionsweise hervorragend dafür geeignet, dass auch musikalische Amateure Stattliches abliefern können. Dass aber eine musikalische Ausbildung, gekoppelt mit dem technischen Know-How und einer Leidenschaft für Popkultur auch nicht schaden können, demonstriert Monte auf seiner neuen CANVAS EP. Unser Redakteur Vitus Bachhausen unterhielt sich mit dem Hamburger Multitalent über Holismus, extrem coole Sprüche, Filmmusik und noch viel mehr.

trndmusik: Monte, wer bist Du überhaupt?

Monte: Ich bin Monte, Musiker, Engineer und DJ aus Hamburg City. Ich bin seit 2012 bei Jeudi Records und reise seitdem um die Welt.

trndmusik: Engineer? Das heißt, Du hast einen sehr technischen und professionellen Zugang zur Musik?

monte

Monte: Genau, ich bin eigentlich studierter Musiker, habe zwölf Jahre Musik studiert mit Diplom und allem, was dazu gehört, in großen Studios als Arranger gearbeitet und hier und da Projekte abgemischt. Hab dann im Hip-Hop-Bereich gearbeitet, TV-Werbemusik gebaut, für 80-Mann-Orchester geschrieben und orchestriert – es war ’ne Menge. Da gewöhnt man sich halt über die Jahre das „ganzheitliche“ Hören der Musik etwas ab und sieht im Grunde genommen direkt vor dem geistigen Auge das DAW-Projekt mit Spur-Automation (lacht) – Fluch oder Segen, man weiß es nicht.

trndmusik… Fluch oder Segen, das ist die Frage. Aber eröffnet Dir diese reduktionistische Herangehensweise an Musik nicht auch ganz neue Welten? Sodass Du in Musik einfach viel mehr Schönes entdecken kannst als der ganzheitliche Hörer?

Monte: Segen heißt in dem Fall, schnell dahinter zu kommen, wie jemand was angestellt hat. Bei aufwendigeren Produktionen hört man da schon die Flöhe husten und pickt diese ganzen Feinheiten raus. Wenn aber ständig der Analyse-Kopf an erster Stelle steht, muss man sich schon dahingehend trainieren und sagen: GENUG, hör einfach mal den Titel! Somit liegen Fluch und Segen direkt nebeneinander und geben sich die Hände.

trndmusik: Ist nachvollziehbar. Und wie nutzt Du Dein Wissen für Deine eigenen Produktionen? Was kannst Du, was andere nicht können?

Monte: Auf den letzten Teil der Frage kann ich nicht eingehen, da jeder ein anderes Skillset hat. Für mich selbst kann ich nur sagen, dass es mehrere Bereiche sind, die mir zu Gute kommen. Als Beispiel fühl‘ ich mich im Mixing sehr wohl. Einer meiner letzten Mixes ging sogar in Beatport auf #1 (Robosonic). Das freut mich natürlich, dass ich durch meine Arbeit Teil eines so großen Erfolgs bin und dazu beitragen durfte. Als zweites Beispiel gibt’s noch Sounddesign: Mir fällt es relativ leicht, jedweden Sound fast eins zu eins nachzubauen. Bei vielen Platten geht das sogar soweit, dass ich die Presets direkt raushören kann. Das kam mir z. B. in meinem 80s Research Project zu Gute. Der Ansatz war, ein Projekt zu haben, welches sich komplett auf den 80er-Jahre-Filmsound beschränkt und in dem Stil Titel zu komponieren. Ich hab‘ viele dieser originalen Maschinen mittlerweile erworben und bekomme die Sounds eins zu eins aus den Kisten. Meine Kollegen rufen des Öfteren an und fragen, welcher Synth auf einer Aufnahme vertreten ist oder woher bzw. wie ich Sound X bekomme. Da konnte ich bisher die meisten Fragen beantworten oder sendete ihnen einen Sound zu, den ich fast eins zu eins nachbauen konnte. Da ich auch schon für ein 80-Mann-Orchester geschrieben und orchestriert hab‘, erweitert sich die Palette der Möglichkeiten enorm und genau deswegen finden sich auch Filmmusik-Tracks auf meiner aktuellen CANVAS EP.

trndmusik: Wow! Und genau das hört man auch in der EP raus. Woher kommt eigentlich Deine Faszination für die 80er Jahre oder für Filmmusik?

Monte: Ich bin ein Kind der 80s. Mein Vater war Gitarrist einer sehr erfolgreichen Band aus den 60s bzw. 70s. Der hatte nebenbei auch als DJ gearbeitet und brachte die angesagtesten Platten mit, und meine Mutter war professionelle Sängerin, sang auch viele Stücke aus den 80s. Das prägt natürlich ungemein. Ich komme ursprünglich aus dem Osten, da war Musik aus Amerika bzw. aus dem Westen was total Überirdisches. Mein erster großer Kinofilm war Die unendliche Geschichte. Klaus Doldinger hatte da auch viel mit Synthesizern gearbeitet. Da ging eine Welt auf der Leinwand auf, wie ich sie noch nie vorher gesehen hab‘. Später kam dann Beverly Hills Cop dazu. Das Axel F. Theme von Harold Faltermeyer lief damals in den Clubs, mega Track bis heute. Der kam natürlich Jahre später erst in die Kinos, war aber für mich ein Aha-Erlebnis. Später kam dann Jan Hammer mit Miami Vice dazu, dann Hans Zimmer mit Rain Man, Hard Rain, Days of Thunder. John Carpenter mit seinem minimalistischen Ansatz, die Liste geht weiter. Dieser Sound blieb in meinem Kopf bis heute. Ich würde diesen Komponisten wohl Löcher in den Bauch fragen, da sie diese Aufbruchszeit der Musiktechnologie mitgemacht und mitgeprägt haben. Man geht in diese Zeit zurück und durchlebt diese noch einmal, nur dass ich es bin, der diesmal den Soundtrack dazu schreibt.

trndmusik: Du sagst es: „Man geht in diese Zeit zurück und durchlebt diese noch einmal.“ Was ist so reizvoll daran, aus der Gegenwart zu flüchten? Der Retro-Trend hält sich ja nun schon einige Jahre in verschiedensten kulturellen Kreisen. Erkennbar beispielsweise an der Popularität von Vintage-Kleidung und nicht zuletzt auch an der musikalischen Entwicklung. Denn nicht nur in der Popkultur recycelt ein Pitbull immer mal wieder Elemente des Swing, auch in den musikalischen Subkulturen sind Retro-Referemzen aller Art zu finden. Versuch doch mal, diese Tendenz aus Deiner Sicht zu erklären. Schließlich ist ja auch Deine neue CANVAS EP komplett im Gewand der 80er gekleidet. Für meine Ohren scheint das Retro-Rezept hier schon mal hervorragend aufzugehen!

Monte: Auf der Suche nach etwas Neuem geht man zwangsweise immer in die Vergangenheit und greift dort Konzepte auf. Man darf auch nicht vergessen, dass die neue Generation diese ‚alte‘ Musik nicht kennt, es ist also etwas völlig Neues für sie. Wenn man Versatzstücke aus der Vergangenheit nimmt und diese mit Sachen aus dem Jetzt kombiniert, kommt man zwangsweise auf etwas Neues. Es gibts eine tolle Doku, welche Everything is a Remix heißt, was auch stimmt.

Selbst klassische Komponisten beriefen sich auf vergangene Werke, um Neues zu schaffen. Da die 80s großen Einfluss auf mich hatten, wird diese Klangästhetik immer großen Einfluss auf meine Stücke haben, mehr oder weniger.

trndmusik: So hört es sich auch an! Um den einprägsamen Spruch „I have come to chew bubblegum and kick ass“ aus dem Film They Live von 1988 hast Du auf Deiner neuen EP den Track Bubblegum gebastelt. Genauso verwendest Du in Push das Zitat „Somebody pushes me, I push back“ aus dem ersten TRON von 1982. Einfach nur aus Coolness-Gründen, Nostalgie oder steckt hinter der Auswahl was Tieferes hinter?

Monte: Hey, ich bin beeindruckt, super recherchiert! Ich finde, dass Film-Zitate eine sehr starke Wirkung und Aussage haben – allein dadurch, dass man immer das Visuelle mit dem Ton verbindet. Bei Bubblegum brauchte ich ein klares Statement. Roddy Piper sagt genau das, was ich vor meinem Publikum sagen würde, wenn ich den Song spiele. Der Typ steht im Film mit ’ner Knarre in einer Bank und macht diese mega Bubblegum-Ansage! Spätestens wenn er noch hinzufügt: „And I’m all out of bubblegum“ ist einfach mal klar, was Sache ist. Ein besseres Zitat konnte ich hier kaum finden!

Bei Push brauchte ich ebenfalls so ein Statement. Das MCP (Master Control Program) bei TRON hat etwas Übermächtiges, welches sich auch in der Stimme widerspiegelt. Das MCP leitet hier sozusagen songstrukturtechnisch die nächsten Zündphasen ein. Jedes Mal nachdem die Vocal Phrase zu Ende ist, kommt im Club immer eine Reaktion. Ich mag diese spezielle Art der Kommunikation. Da ich mit meiner CANVAS EP wesentlich darker und treibender bin als bei meinen vorherigen Releases, passten diese Zitate wie die Faust auf’s Auge. Mein Sound beim Auflegen hat sich auch dahingehend geändert, dass ich wesentlich aggressiver und technoider unterwegs bin als vor zwei Jahren. Daher war es auch an der Zeit, meinen Sound in den Produktionen zu erweitern und im CANVAS größer zu werden. Da halfen auch die Filmmusik-Versionen, um dieses größere Bild zu schaffen. Ich finde es auch stark dass JEUDI hier Flagge zeigte und diese speziellen Film-Versionen mit auf meine EP nahm, TOP! Shoutout to Takeiteasy, Doctor Dru und Davidé.

trndmusik: Das fand‘ ich auch überraschend, aber gleichzeitig sehr erfrischend. Eine wirklich empfehlenswerte EP! Glückwunsch dazu! Letzte Frage: Was steht in Zukunft noch so an? Als musikalisches Multitalent könnte es für dich ja überall hingehen. 

Monte: Ich werde erst einmal mein jetziges Konzept beibehalten und dieses neue Feld für mich erkunden. Film-Cues sind da ein fester Bestandteil. Zusätzlich versuch‘ ich den noch fehlenden Interlude Part II fertig zu schreiben, sodass alle drei Teile bald erhältlich sind. Mein 80s Research Project wird auf jeden Fall weitergeführt, da ich dafür noch einige Ideen habe, vielleicht sogar mit großartigen Features. Ich brauche relativ lange für meine Produktionen, damit diese top klingen, somit kann ich mir erstmal keinen Urlaub leisten! Da ich erst seit Kurzem mein Studio komplettiert hab, schreibe ich gerade an meiner eigenen Software zur Kontrolle einiger meiner Synthesizer und bin dabei, eventuelle Live-Gigs in Erwägung zu ziehen. Das wird einige Zeit in Anspruch nehmen, ich bin aber zuversichtlich, dass ich alles rechtzeitig fertig bekomme. CANVAS stellt für mich außerdem eine Weiche dar, die neue Möglichkeiten auch fürs DJing aufzeigt. Ich bin ein Fan davon, wenn ’ne Dampf-Lokomotive durch den Club fährt und alle mitnimmt! (lacht) – 2015, here I come! Nicht zu vergessen: Meine Music Production Tutorial Series auf YouTube! Kam super an und hat Vielen geholfen. Die muss auch weiter geführt werden. Wie immer ist zu viel zu tun.

Dieses Interview führte Vitus Bachhausen.