Die Prototypen moderner elektronischer Musiker: Beatkind im Interview


Ein künstlerisches Leben zu führen, das von Musik nur so durchzogen ist, klingt verlockend: Gelebte Leidenschaft und hedonistische Hemmungslosigkeit lassen das Berufsbild des modernen Musikers besonders attraktiv erscheinen. Doch natürlich ist der Schein auch hier Sinnbild und Trugbild zugleich. Wer in den utopischen Genuss dieser Vorzüge kommen möchte, muss jedoch auch die ungeschriebenen Auflagen kreativer Freiheit achten. Das DJ-/Produzenten-Duo Beatkind beweist im Interview mit uns eindrucksvoll, wie das funktioniert. So wie es aussieht, scheinen Disziplin, Toleranz und Spaß nicht die wirkungslosesten Tugenden zu sein. Achtung: Ihre neue EP Funky B ist am 23. Januar 2015 auf Great Stuff Records erschienen!

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trndmsk: In letzter Zeit läuft es bei Euch ja ziemlich gut. Als DJs seid Ihr voll ausgebucht und als Produzenten releast Ihr sogar auf Great Stuff Records. Worin ist der Erfolg von Beatkind begründet? Was zeichnet Euch aus? Eigenlob ist erwünscht! 

Mo: Also zunächst einmal Danke für das Interview! Wir hatten von Anfang an eine Vision, was Beatkind anbelangt. Wir machen das nicht nur zum Spaß, sondern sehen auch eine gewisse Ernsthaftigkeit in dem, was wir tun. Auf der anderen Seite sind wir auch Arbeitstiere, was unsere Musik anbelangt… Wenn wir nicht auflegen oder anderweitig beschäftigt sind, verbringen wir den Rest der Zeit im Studio und arbeiten an unserer Musik.

Sam: Wir beide haben schon sehr früh in unserem Leben erkannt, dass es die Musik ist, die uns glücklich macht und ich bin fest davon überzeugt, dass jeder, der an seinem Traum festhält und täglich dafür blutet, früher oder später Erfolg haben wird. „Erfolg“ muss aber auch jeder für sich selber definieren, wir freuen uns über jeden kleinen Schritt nach vorne, aber für Beatkind ist es sicherlich erst der Anfang einer langen Reise …

Glaubt Ihr, Ihr trefft mit dem, was Ihr macht, einen Zeitgeist? Was bewegt die Leute von heute Eurer Meinung nach – sowohl auf der Tanzfläche als auch im Herzen? 

Mo & Sam: Das müssen die DJs und Zuhörer draußen selbst entscheiden. Wir würden sagen ja, wir treffen den Zeitgeist, und bleiben uns auch trotzdem treu in dem, was wir fühlen und lieben. Vielleicht bewegt die Leute unsere Energie, die wir bei unseren Gigs und in unserer Musik vermitteln möchten.

Bekanntlich kommt Ihr beide ja aus dem Hip Hop. Was fasziniert Euch an diesem Genre und welche Künstler sind Eure Favoriten? Warum seid Ihr dann doch in der elektronischen Musik gelandet?

Mo: Schon als kleines Kind bin ich durch Freunde und Familie mit Hip Hop und seinen Elementen in Berührung gekommen. Damals bin ich auf Jams gefahren und hab den kompletten Lifestyle von B-Boying und Graffiti bis zum DJing gefeiert. Es hat mich einfach von innen heraus angesprochen. Meine Lieblingskünstler von gestern bis heute im Ami-Bereich sind Biggie, 2Pac, Nas, Jay-Z, Kanye, Drake, J-Dilla, French Montana, Lil Wayne, Travis Scott … Es gibt noch sehr viel mehr, was ich hier aufzählen könnte. An Deutsch-Rap mag ich die üblichen Verdächtigen wie Savas, Samy, Azad, Beginner und natürlich auch Haftbefehl, für den wir einen offiziellen Remix machen durften! Das DJing habe ich jedoch zuerst mit elektronischer Musik angefangen, da ich dort die Innovation und die ständige Weiterentwicklung der Musik gecatcht habe.

Sam: Da sieht es bei mir ähnlich aus, Ich war als 11-Jähriger schon ein leidenschaftlicher Plattensammler, aber musikalisch habe ich mir nie Genres als Limit gesetzt. Ich bin z.B. ein großer Fan von Film-Musik. Dass wir elektronische Musik machen und dort den Fokus gesetzt haben, ist für mich eine lange Entwicklung gewesen und kam nicht von heute auf morgen. Die Menschen auf so ’nem Rave feiern einfach nur die Musik, fernab von jeglichem Kommerz, man kann eine Geschichte erzählen und die komplette Tanzfläche mit auf eine Reise nehmen, das ist ein unbeschreibliches Gefühl, das ich mein Leben lang nicht mehr missen möchte.

Können wir demnächst vielleicht Hip-Hop-Beats der Marke Beatkind erwarten?

Mo: Von meiner Seite aus auf jeden Fall … Ich weiß nicht, wie Sam zu meinen Ideen steht … (lacht).

Sam: (lacht) Vielleicht irgendwann mal, aber derzeit brennen wir für elektronische Club-Musik, es ist immer schön mal ’nen Ambient- oder ’nen Downtempo-Track zu machen, nur reizt es mich viel mehr, unsere Tracks auch im Club spielen zu können.

Euer modischer Stil ist ja vergleichsweise auffällig. Wie wichtig ist Euch Mode als persönliches bzw. künstlerisches Ausdrucksmittel? Wenn es den überhaupt geben kann: Habt Ihr einen eigenen Stil?

Mo: Für mich war dieses Thema von jeher wichtig gewesen. Ich interessiere mich sehr für Kunst bzw. Mode und informiere mich diesbezüglich auch abseits der Musik. Natürlich will man als Künstler ein bestimmtes Image präsentieren und dies kann man am besten mit der eigenen Musik, dem äußeren Erscheinungsbild, dem Handeln und der Kommunikation nach außen. Wir haben schon einen eigenen Stil, der sich aber auch wie bei allen anderen Menschen von äußeren Einflüssen und Stilen beeinflussen lässt. Manche lassen sich mehr, die anderen weniger von äußeren Faktoren inspirieren. Ein Trendsetter zu sein, ist aber auch nicht schlecht (lacht).

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Sam: Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

… und was macht Euren musikalischen Stil aus? Wodurch stechen Eure Tracks aus der Massenproduktion heraus?

Mo: Schwierige Frage. Unser Sound ist eigentlich sehr breit gefächert … In letzter Zeit versuchen wir aber, diesen zu bündeln und auf den Punkt zu bringen. Sowas ist oft ein schwieriger Prozess, denn man muss oft seine Vorstellungen und Ideen begrenzen und das wesentliche als Laser-Strahl konzentrieren. Wir finden, das sollte der Zuhörer für sich selbst entscheiden.

Sam: In den Produktionen experimentieren wir viel rum, und natürlich hat auch jeder von uns einen anderen Background, der auch oft unterbewusst mit einfließt. Bei unseren DJ-Sets und Shows jedoch, sind wir immer straight und es ist für uns ein Muss, den Club zum Kochen zu bringen. Dies kann, glaube ich, jeder bezeugen, der uns mal live erlebt hat.

Auf dem Cover Eurer neuen EP „Funky B“ prangt der Kölner Dom. Als leidenschaftliche Kölner: Was bedeutet Euch die Stadt? Was kann Köln, was andere Städte nicht können?

Mo: Ich versuche, die zwei Fragen nur mit Stichworten zu beantworten, das sollte, denke ich, ausreichen (lacht): Köllefornia, Köllywood, Cool Cologne, Liebe, Heimat, Kunst, Musik, Nachtleben, Freunde, Freiheit, Rhein, Eigelstein.

Sam: Ich bin schon viel in meinem Leben gereist und Köln ist für mich mein Zuhause, in dem ich mich am wohlsten fühle, obwohl ich kein Freund von kaltem Wetter bin, es sind einfach die Menschen hier, ihre Offenheit, der Mix aus allen Kulturen, was mein Herz höher schlagen lässt. E‘ levve lang ’ne kölsche Jung‘! 

Eure neue EP zielt ja wieder eher auf die Tanzfläche und beweist gleichzeitig, dass Ihr euch dort einfach wohl fühlt. Habt Ihr auch eine ruhige musikalische Seite? Würdet Ihr auch Musik produzieren, die abseits der Tanzfläche funktioniert?

Mo: Definitiv. Wir lieben es auch, mit anderen Musikern und Künstlern zu arbeiten, auch außerhalb des Techno-House-Kontextes.

Sam: Sicherlich, aber man kann sowieso nur das machen, was man fühlt und derzeit ist es halt zweihundertprozentig Techno.

Wer Euch schon live gesehen hat, merkt sofort, dass Ihr hinter dem DJ-Pult optimal harmoniert. Aber wie funktioniert die Arbeit bei Euch im Studio? Wer von Euch bringt welche Impulse?

Sam: Das liegt wohl daran, dass unsere Leidenschaft in erster Linie dem DJing gewidmet ist und jeder von uns da über 15 Jahre Erfahrung an den Turntables mitbringt. Im Studio ist es da schon etwas komplizierter, Mo spielt meistens den Operator, weil er in der Produktion sehr fit ist und es so auch schneller geht – die Impulse kommen jedoch von uns beiden.

Mo: Der Vorteil von der Zusammenarbeit im Studio ist die zweite subjektive Sichtweise, die eine Idee bereichert. Manchmal sitze ich im Studio und mache fünf Beat-Skizzen in der Nacht. Am nächsten Tag wird dann gemeinsam ausgewertet, was Potenzial hat und was nicht. Unser Ziel ist es, irgendwann im Studio wie die Masters at Work oder die Neptunes gemeinsam an Musik arbeiten zu können.

Mit welchen (analogen bzw. digitalen) Instrumenten arbeitet Ihr und was schätzt Ihr an ihnen?

Mo: Also, wir arbeiten hauptsächlich mit Ableton und digitalen Instrumenten. Daran schätze ich ich die Flexibilität, überall auf der Welt arbeiten zu können und sich nicht nur auf EIN Studio limitieren zu müssen. Wir samplen viel. Hin und wieder leihen wir uns auch von unseren Studio-Nachbarn Ben Bazzazian (Hip-Hop Produzent des Jahres 2014) ein paar analoge Synths!

Was steht in Zukunft an? Expandiert Ihr weiter?

Mo & Sam: Wenn du als Künstler nicht expandieren möchtest, läuft da was falsch, man lernt nie aus und sollte stets seine Komfortzone verlassen, um auch die eigene Entwicklung voran zu treiben. 2015 stehen ein paar sehr interessante Veröffentlichungen, Remixe und Gigs an. Wir wollen an dieser Stelle allerdings nicht zu viel verraten. Da müsst Ihr uns wohl weiterhin im Auge behalten.

Dieses Interview führte Vitus Bachhausen.