Die Band im Kofferraum: Stuttgarter liefern die App für den adaptiven Soundtrack im Auto


Im Grunde genommen besteht die Aufgabe eines DJs ja darin, Musik an den Kontext ihres Auftretens anzupassen. Dabei sind für einen DJ-Eigenschaften, ein weitreichender musikalischer Horizont, menschliches Einfühlungsvermögen, theoretisches Know-How und technische Expertise durchaus von Vorteil. Auch wenn unsere Welt zunehmend von Algorithmen erobert und kontrolliert wird, ist der DJ als Mensch doch unabdingbar. Oder? Die Stuttgarter Musikbastler Constanze, Chris, Frederik und Robin von hollyhook haben einen mobilen DJ erschaffen. Doch dieser ist kein Mensch – sondern eine App. DJ ex machina sozusagen. Mit Band In The Trunk soll die Musik speziell an den Kontext des Autofahrens angepasst werden. Der Fahrstil bestimmt also den Soundtrack. Unser Redakteur Vitus Bachhausen hat bei den Tüftlern genauer nachgehakt. Achtung: Derzeit steckt ihr Projekt noch in der Finanzierungsphase und kann Unterstützung gut gebrauchen. Aber überzeugt Euch selbst.

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trndmsk: Stellt Euch doch mal jeweils persönlich vor. Was ist Eure Geschichte?

Band In The Trunk: Constanze entwickelt seit gefühlten 20 Jahren
Software für Autos: von Navigationssysteme bis hin zu Steuergeräte für Assistenzfunktionen. Ich bin weniger PS-begeistert, obwohl mir ein schnelles Auto auch mal Spaß macht. Ich bin aber immer auf der Suche nach dem richtigen Soundtrack, um die Zeit im Auto zu genießen.

Chris ist Produzent, DJ und sowas wie Musik-Programmierer. Er setzt sich viel mit der Wirkungsweise von elektronischer Musik auseinander. Was macht Musik intensiver, was verstärkt sich, wann braucht es einen Break. Zum Beispiel Wiederholungen von manchen Elementen (Bässen!) können so richtig ins Hirn hämmern und abgehen, können aber auch die Luft rausnehmen, oder nerven. Viele Ideen von Band In The Trunk sind ursprünglich aus Chris‘ Live-DJ-Set entstanden.

Welche Kooperationen mit Musikern sind Euch schon sicher? Welche könnten noch anstehen?

Wir haben ganz neu eine Zusage von Brauer, der Teil des Trios Brandt Brauer Frick ist. Er würde Musik für einen adaptiven Track beisteuern. Ich bin mir sicher, dass das im Auto viel Spaß machen wird.

Roadmovie lovers around?We will contribute some sound bits to this interesting new app for adaptive driving music. It’s…

Posted by Brandt Brauer Frick on Montag, 20. April 2015

Auf eurer Kickstarter-Seite sprecht ihr von technischer Zauberei. Wie funktioniert der Algorithmus? Versucht doch mal, diesen grundsätzlich zu erklären.

Es gibt zum einen die Erkennung, was das Auto tut. Wenn das Handy fix mit dem Auto verbunden ist, kann ich die Sensoren vom Handy nehmen, um die Bewegungen vom Auto zu messen: Gas geben, Bremsen, Kurven. Dazu kommt noch die Information vom GPS. Aus beiden leite ich ab, wie intensiv die Fahrt gerade ist. Steht das Auto an einer Ampel, ist die Fahrt auf unserer Intensitätsskala auf dem niedrigsten Wert. Sobald man beschleunigt, ist der Fahrer aktiv und die Intensität steigt.

Die andere Hälfte der Zauberei ist die Musik. Wir zerlegen die Tracks in einzelne Teile unterschiedlicher Intensität und spielen die Teile ab, die gerade zur Autofahrt passen. Wichtig ist uns, dass das als ein Gesamterlebnis wahrgenommen wird. Wir wollen coole Musik und die Eindrücke der Autofahrt sozusagen verschmelzen. Das Auto beeinflusst die Musik, die Musik den Fahrer, der wiederum das Auto. Damit wollen wir einfach Spaß haben.

Kann der Nutzer Eurer App denn selbst wählen, aus welchem Pool an Musik ausgewählt wird?

Ja, die App ist wie ein Player. Der Nutzer wählt aus, was er gerade hören möchte und die Tracks werden adaptiv gespielt. Download von adaptiven Musikstücken von Webseiten etwa der Musiker soll genau so möglich sein, wie man das von MP3s kennt.

Ihr wisst sicherlich, dass heutzutage Streaming-Dienste wie Spotify immer populärer werden. Ist es möglich, oder könnte es irgendwann möglich sein, aus dem Streaming-Angebot Titel zu beziehen?

Unbedingt! Ob die adaptive Variante eines Musikstücks gestreamt wird oder die klassisch abgemixte Variante macht technisch eigentlich keinen großen Unterschied. Die Musikdaten könnten dafür genauso gut von einem Streaming-Dienst kommen. Man kann sagen, der Trend der Individualisierung wird fortgesetzt. Früher hatten wir wenige Radiosender, die von sehr vielen Leuten gehört wurden, heute sucht sich jeder seine Streams nach Musikgeschmack aus und in der Zukunft ist eine Anpassung an das persönliche Erleben denkbar. Band In The Trunk zeigt nur den ersten Schritt in diese Richtung.

Ich lehne mich jetzt mal aus dem Fenster und behaupte, die fertig abgemischten Musikstücke mit einer Dauer von rund 2:42 Min. haben wir die längste Zeit gesehen. Dass unsere Musik heute so ist, kommt aus der Zeit der Erfindung des Grammophons so um 1910, als die ersten Schallplatten mit 78 Drehungen pro Minute diese Dauer aufnehmen konnten. Heute ist die Möglichkeit wieder gegeben, dass die Musik auf seine Hörer (und Macher!) reagiert – auf seine Aktionen, sein Empfinden, seine Umgebung. Die Smartphones haben dafür genug Rechenleistung, wie unsere App zeigt, und es gibt so viele Gelegenheiten, wo sich das anbietet – nicht nur beim Autofahren. Zum Beispiel alles, was mit Bewegung zu tun hat: zum Joggen, Yoga, Tanzen (falls kein DJ zur Stelle), Segelfliegen, von mir aus Aufzug-Fahren oder der Gang durch ein Museum.

Übrigens bietet unsere App ein API, mit dem andere Algorithmen angekoppelt werden können – falls jetzt jemand Lust bekommen hat, einen Algorithmus für zum Beispiel Intensitätserkennung beim Hantelstemmen zu entwickeln.

Werden auch andere mobile Plattformen wie iOS unterstützt oder scheitert das noch an Lizensierungshürden?

Derzeit leider nicht. Wir verwenden eine Sound-Engine, bei der wir in der Tat einen Konflikt mit den Lizenzbestimmungen vom Apple Store haben. Aber wer weiß, wir sind auch immer dadurch getrieben, wo die Nachfrage ist.

Was ist notwendig, damit Musiker Musik eigens für Band In The Trunk produzieren können?

Musikstücke müssen für Band In The Trunk aufbereitet werden. Wir wollen mit dem Geld der Crowdfunding-Kampagne Tools entwickeln, mit denen jeder Musiker selber seine Tracks in die Form bringen kann, so dass sie adaptiv abgespielt werden können. Konkret handelt es sich um ein Ableton-Template und um eine daran angekoppelte Fahrsimulation, mit der man die Aufzeichnung einer Fahrt abspielen kann, ein Video davon sieht und sich live die Musik dazu anhören kann. Diese Tools werden wir umsonst anbieten.

Das könnte ja gerade für aufstrebende Produzenten interessant sein. Oder für Musiker, die einfach Spaß am Experimentieren haben.

Dieses Interview führte Vitus Bachhausen.