Marco Sönke: „Es wird interessant, wie lange SoundCloud es sich leisten kann, seine Pro-User zu blocken“


Von einer großen SoundCloud-Säuberung sprach Thump vor einigen Tagen. Die Musikplattform mit Sitz in Berlin soll aktuell eine aggressive und weltweite Offensive bezüglich Urheberrechts-Ansprüchen angegangen sein, so das FACT Magazin. Durch den Druck der drei Major-Labels, Warner, Universal und Sony, endlich Geld mit dem Streamen von Musik zu verdienen, spricht SoundCloud Strikes aus – die auf drei begrenzt sind. Nach dem dritten kündigt die Plattform an, den Account des Betroffenen zu löschen. Wir sprachen mit dem Frankfurter DJ Marco Sönke, der letzte Woche seine dritte Verwarnung erhielt und nun um seinen Account bangen muss.

trndmsk: Marco, bist Du in diesen Tagen sauer, wenn Du auf SoundCloud angesprochen wirst?

Marco Sönke: Meine Steuernachzahlung ärgert mich mehr. Aber im Ernst: Es ist ärgerlich, aber die Sache ist nun mal die, das ich den mit SoundCloud geschlossenen Vertrag gebrochen habe. Da darf ich mich nicht beschweren. Zudem ist noch nicht ganz klar, auf wen ich sauer zu sein habe: auf SoundCloud, die nicht in der Lage sind, sich mit Labels wie Sony oder Universal zu einigen (wie sie es anscheinend mit Warner getan haben) oder auf die Labels, die vielleicht keine Einigung wollen und strikt gegen den Missbrauch vorgehen? Die genauen Hintergründe sind mir auch noch nicht genau bekannt, wer mehr weiß, kann mich gerne aufklären.

marcosoenke

Dein Account erhielt am Anfang der Woche deinen sogenannten dritten „Strike“. Was bedeutet das?

Einen Strike bekommt man meist für Urheberrechtsverletzung. Dazu zählt im Prinzip jedes Mixset, jeder Edit und Bootleg, den man hochlädt, ohne die ausdrückliche Einwilligung aller betroffenen Künstler zu haben. Das ist kein Geheimnis. Nur nenne mir einen DJ, auf den das nicht zutrifft? Der erste Strike ist nur eine Verwarnung, beim zweiten wird die Download-Funktion geblockt und beim dritten wird der Account gesperrt. Man hat die Möglichkeit, Einspruch einzulegen – dann muss man aber belegen, dass die Nutzung der Werke genehmigt ist. Wer kann das schon? Es wurden auch schon an die zehn Werke von mir geblockt, das mit den Strikes hat sich erst in letzter Zeit verschärft.

Wieso und für welche Mixe hast Du die drei Strikes bekommen? Und weißt Du auch, wer Dich bei SoundCloud gemeldet hat?

Unterschiedlich: Bei Edits weiß man es natürlich, bei Mixsets steht selten was dabei, ab und zu wird der betreffende Track aufgeführt. Aber in der Regel dreht es sich um Werke von Universal, Sony Music und Defected. Bei mir betrifft das meist meine Jahresmixe oder die Sets für Planet Radio, die auch mal Major-Label Themen beinhalten (Disclosure ist ja beispielsweise bei Universal, da bin ich willkommenes Opfer). Und wer Jay-Z und seine Alte verarbeitet, hat nicht lange Spaß am Upload. Nach dem zweiten Strike habe ich alles gelöscht, was kritisch sein könnte. War wohl nicht ganz sorgfältig.

Dein Account wird nun bald gelöscht. Bekommst Du Dein Geld erstattet? Wird Dein abgeschlossener Kaufvertrag mit SoundCloud für nichtig erklärt?

Ich habe Vertragsbruch begangen – basta. Meine Schuld, das Geld ist futsch. Die letzte Aktualisierung meines Pro-Accounts erfolgte im Mai, also schon dumm gelaufen. Es gab schon Meldungen von Kollegen, die drei Strikes haben, deren Account aber noch offen ist, da glüht der Funken Hoffnung. Interessant wird es, zu sehen, wie lange SoundCloud es sich leisten kann, seine Pro-User zu blocken. Von wegen der Hand, die dich füttert, beißen und so.

Was wirst Du nun tun: SoundCloud für immer meiden? Gibt es für Dich gleichwertigen Ersatz?

Gleichwertiges gibt es derzeit noch nicht. Meine knapp 1500 mühsam gesammelten Follower sind wohl futsch und die werde ich nicht so schnell wieder bekommen. Vor zehn Jahren hätte mich das wahnsinnig gemacht, heute bin ich entspannter, dieser ganze Folgt-Mir-Likt-Mich-Wahn hat seinen Reiz verloren.

Als Ersatz gibt es zwei Optionen: Das bekanntere Mixcloud, womit ich aber nie so richtig warm geworden bin. Dort fehlt die Download-Funktion, und dann noch für einen Pro-Account 99,- € haben wollen, ist dann doch des guten zu viel. Wie die meisten setze ich auf Shooting-Star hearthis.at (H. d. R.: Von Idealismus und brotloser Kunst: Interview mit dem Gründer von hearthis.at). Da findet man sich schnell rein, schon im Free-Account sehr umfangreich, sehr guter Service und Pro-Account für 29,- € mit vielen Möglichkeiten mehr als fair. Aber klar ist auch: Je erfolgreicher sie werden, desto schneller geraten sie ins Visier der Konzerne.

Bei SoundCloud bleibe ich trotzdem, habe da noch einen alternativen Account für mein Mash-Up Alias, das ich jetzt mal in aller Hektik in MSXFFM umgewandelt habe und hautsächlich zum Folgen anderer Acts benutze, vielleicht lade ich da auch mal Mixe hoch, die sicher sind. Da habe ich nämlich nur einen Strike (lacht). Die Möglichkeit des Folgens anderer Acts zu verlieren, wäre fast noch schlimmer, da ich mich so viel über neue Sachen informiere und eben auch gerne kostenfreie Tracks, Edits oder Remixe nutze, die ich anderweitig nicht bekomme.

marcosoenke2

Ist der Weg, den SoundCloud zurzeit einschlägt bzw. hat, aus Deiner Sicht nachvollziehbar? Handeln sie korrekt?

Auch hier wieder die Frage: Von wem geht das Problem hauptsächlich aus? Von SoundCloud oder von den Labels? SoundCloud kann das nicht gut tun, die bekommen gerade einen schönen Shitstorm und verlieren massig zahlende Kunden. Den großen Labels ist es wahrscheinlich wie immer egal. Die Hauptsache ist, die haben ihren Willen.

Von rechtlicher Seite handeln sie richtig. Zugegeben: So sehr ich auf der einen Seite das Recht des Künstlers schätze, breche ich es ja im Prinzip auch. Wie sinnvoll das ist, muss man diskutieren.

Ich unterscheide da zwischen zwei Themen: Mixsets und Remixe, Edits, Bootlegs. Mixsets sind meiner Meinung nach ein Promo-Tool, wenn sie im Radio laufen hat keiner was dagegen, sobald es aber bei SoundCloud online ist (auch ohne Download!) gibt es Stress. Da muss man mir mal die Verhältnismäßigkeit erklären. Viele Sachen werden über Mixsets verbreitet und der Masse erst zugänglich gemacht. Bei Remixen und Edits muss man abwägen: Eine Jahrzehnte alte Nummer haben eh die meisten in irgendeiner Form am Start, wenn dann ein Edit daher kommt, der den verstaubten Sound updated und somit wieder spielbar macht, kann das doch nicht schaden. Dies setzt aber eine liberale Haltung der Major-Labels voraus, die nicht zu erwarten ist. Ich bin so auf viele neue und alte Tracks und Acts gestoßen, die ich nicht auf dem Schirm hatte und anschließend gekauft habe.

Das wirkliche Problem liegt bei den unerlaubten Remixes neuer Tracks, die oftmals zeitgleich oder manchmal schon vor dem offiziellen Release auftauchen. Gerade EDM-Kids ziehen sich gerne minderwertige RIPs aus dem Netz und bauen daraus Edits. Oder nehmen aktuelle Nummern, bauen sie minimal um und stellen sie dann für umme ins Netz. Da hört es dann auf, völlig verständlich. Das US-Portal Legitimix hat übrigens eine Lösung parat: Dort kann man Edits und Mash-Ups hochladen und verkaufen. Dazu muss der User alle im Track verarbeiteten Originale bei iTunes kaufen oder besitzen. Mache ich also einen geilen Edit von bsp. „Atemlos“, wird man erst zu iTunes geleitet, kauft dort das Original und legt noch einen Dollar für mich drauf. Ist zwar dann nicht mehr umsonst, aber die Diskussion ist vom Tisch. Wer früher Unsummen für Platten ausgegeben hat, für den sind heute zwei oder drei Euro ein Witz.

Das Interview führte Benjamin Reibert.

  • FrankSchø

    „[…] dieser ganze Folgt-Mir-Likt-Mich-Wahn hat seinen Reiz verloren“ Amen, Bruder!

  • Benedikt

    Danke für das tolle Feedback zu hearthis.at! Wir freuen uns, dich bei uns begrüßen zu dürfen!

    Hier findet ihr sein Profil: https://hearthis.at/marcosoenke/