Niklas Thal: Deep House nach Maß


Dr-Jekyll-and-Mr-Hyde_0.2

Das DJ-Duo Dr. Jekyll und Mr. Hyde ist wohl mindestens ebenso fiktiv wie ihre gleichnamigen literarischen Vorbilder. Während eine musikalische Verbindung der beiden wohl fatale Folgen für ihre Zuhörer hätte, schrieb der schottische Schriftsteller Robert Louis Balfour Stevenson mit seinen fiktiven Figuren Ende des 19. Jahrhunderts Literaturgeschichte. Im Horrorroman Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde ist ersterer sowohl ein erfolgreicher Gutmensch als auch Arzt und letzterer sein mörderischer Freund. Stevenson erschuf mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde nicht nur zwei fiktive Persönlichkeiten, die, wie sich herausstellen sollte, eigentlich eine waren, sondern auch die Vorlage für das berühmte Doppelgängermotiv. An Hand seines schizophrenen Protagonisten – einerseits tugendhaft, andererseits triebhaft – kritisierte er das selbstverleugnende Spießertum des viktorianischen Englands. Die übermäßige Vernachlässigung der eigenen, scheinbar primitiven, Bedürfnisse hat so in der Geschichte dramatische Folgen. Aber was hat das nun hiermit zu tun? Lange Rede, kurzer Sinn: Für uns soll die schauderhafte Romanfigur nun zur Denkfigur werden und für den Diskurs nutzbar gemacht werden. In Zeiten kommerzieller Massenproduktion und polarisierender Popularität elektronischer Musik blicken wir nun sozusagen aus der Perspektive von Dr. Jekyll und Mr. Hyde auf diese Entwicklung. Auf diese Weise lassen wir in der neuen Rubrik Dr. Jekyll B2B Mr. Hyde beliebige Werke aus House, Deep House, Tech House, Techno, Dubstep, Post Dubstep, Melodic Post-House-Step, etc. auflegen und diese kritisch bewerten. Was ab und zu sicherlich wie ein paradoxer Schlagabtauschs eines schizophrenen Autors mit sich selbst wirkt, soll aber eigentlich der Versuch sein, für die Balance zwischen Kunst und Popkultur zu plädieren. Jede Form von Musik hat ihre Daseinsberechtigung. Wer das nicht akzeptiert, wird hier, wie im seltsamen Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde, gnadenlos zerrissen.

niklasthal

Intro

Atmosphäre. Sanft rollen akustische Impressionen eines angenehmen Tags am Meer in mein Ohr, wellengleich. Meeresrauschen. Möwengesang. Erst dumpf, dann immer deutlicher drängt sich eine entspannte Melodie in den Vordergrund. Ich lehne mich zurück und entspanne selbst. Nach der obligatorischen offen geschlagenen Hi-Hat hämmern die kirmesquen Kicks, selbstverständlich mit ordentlich Kompression getunt, auf meine ohnehin schon angeschlagenen, durch schlechte Musik gepeinigten, Ohren. Immer durchdringender baut sich das emotionale Spiel des Pianos auf. Die Weite des Meeres ist immer noch zu hören und in meinem Kopf. Fast kommt es mir vor, als spiele der talentierte Niklas Thal mir, ganz persönlich, vor der Kulisse der Küste, ein Lied. Romantik pur. Das ist ganz großes Kino. Wenn das nur das Intro sein soll, dann bin ich schon jetzt auf den Rest seines Debüt-Albums gespannt.

Soulfire

Schon im Frühjahr 2013 veröffentlichte der damals erst 19 Jahre junge Niklas Thal den Track mit dem klangvollem Namen „Soulfire“. Als eine seiner ersten Veröffentlichungen machte er damit bei uns bereits Eindruck. Sogar ein Porträt über den jungen Mann erschien Ende 2013 bei uns. Von einer bedrohlichen Welle war da die Rede, die “in regelmäßigen Abständen aus den Tiefen des Undergrounds kommend mit tosendem Trompeten- und Synthie-Brausen den Mainstream überflutet”. Eine Kontamination der elektronischen Tanzmusik durch eine “lieblose und uninspirierte” Massenproduktion wurde befürchtet. Niklas Thal, so der Autor, gelte in dieser kargen Landschaft als Hoffnungsträger. „Soulfire“ sei der Beweis dafür. Mit den Kopfhörern auf schließe ich meine Augen. “Music on, world off”, wie es so schön heißt. Wieder bahnen sich, langsam aber sicher, “aus den Tiefen des Undergrounds kommend” zwei bis drei Töne, die dank Delay jedoch nach mehr klingen als sie eigentlich sind, brausend ihren Weg in meinen Gehörgang. Nach der obligatorisch offen geschlagenen Hi-Hat schlagen auch die kraftvollen Kicks zu. Wo auch immer das sein soll – Im neologisierten Seelenfeuer scheint es ordentlich vorwärts zu gehen! Zwischendurch kommt der Track kurz zur Ruhe, nur um sich wieder aufs Neue brausend aufzubäumen. Niklas Thal entführt seine Hörer hier in eine mysteriöse Welt, die seltsam unheimlich und anziehend zugleich ist. Diese Welt lädt zum Tanzen ein. Lebhaft stelle ich mir gedankenverlorene Tänzer vor, die sich physisch zwar auf der Tanzfläche befinden, mit der Seele aber mitten im Thal’schen Feuer. Jemand, der so überwältigend eine akustische Klangwelt kreieren kann, ist definitiv ein Hoffnungsträger. “Erst dumpf, dann immer deutlicher drängt sich eine entspannte Melodie in den Vordergrund” – Ich wache auf aus der Traumwelt. Die Kopfhörer hatte ich noch auf. Mein Handy muss sich wohl ausgeschaltet haben während ich auf Repeat im „Soulfire“ war. Ich nehme an, dass der Akku leer ist. Kick. Clap. Kick. Clap. Kick. Clap. Kick. Clap.

niklasthal2015

Traumwelt

Traumwelt? Beim Lesen des Titels lässt Niklas Thal für den folgenden Track eine ähnlich epische Reise in atmosphärische Klangwelten erwarten. Das scheint wohl sein Ding zu sein. Doch dafür, dass es sich hier um einen Traum handeln sollte, entwickelt sich der Track ziemlich selbstbewusst und zielstrebig in einen treibenden Beat. Das 08/15-Utz-Utz-Utz-Geballer wirkt erst uninspiriert und, untersetzt durch das zur leeren akustischen Hülle verfallene, pseudo-emotionale Klavierspiel, auch noch kitschig. Aufwachen, hier wird nicht geschlafen! Niklas Thal füttert seine Hörer im Laufe des Tracks unaufhörlich mit kleinen, aber feinen Drops, die kein Tanzbein unbewegt lassen und einfach süchtig machen. Mit dabei ist stets eine Prise Melancholie. Aber die muss einen ja bekanntlich nicht vom Tanzen abhalten. Wie so etwas als Traum bezeichnet werden kann, ist mir mindestens ebenso schleierhaft wie der Traum selbst am Morgen danach. Es scheint leider so, als sei auch der Titel des Tracks lediglich eine inhaltslose Worthülse, die einfach nur da ist, um schön auszusehen. Ars gratia artis, wie der Lateiner sagt. Das heißt übersetzt so viel wie: Form follows function. Ist doch so. Oder? Naja, egal. Dieser Track macht jedenfalls einfach nur Spaß und findet auf der Tanzfläche sicherlich seine treffende energetische Wirkung.

Niklas Thal macht mit seinem Album-Debüt da weiter, womit er seit eh und je beschäftigt und beliebt ist. Zwischen Melancholie und Energie findet der Schweizer auch hier stets die richtige und immer wohltuende Mischung. Als ausgebildeter Elektroniker und praktizierender DJ muss der Jungspund schon aus beruflicher Erfahrung wissen, wie elektronische Musik geht. Kick, Clap, Kick, Clap, utz, utz, utz, etc. Dieses Album hört sich in seinen schwachen Momenten so an, als hätte Niklas Thal das Deep House-Erfolgsrezept auswendig gelernt und verinnerlicht wie ein unaufgeklärter Grundschüler. Jeder Track auf dem Album ist dem anderen bis auf einige wenige tonale Variationen strukturell so ähnlich, dass es schnell langweilig wird. Dieser Kerl sollte endlich aufwachen und, statt vorgetretene, eigene Wege erkunden. Immerhin beweist Niklas Thal mit seinem Soundcloud-Alter-Ego namens ExperimenThal (ACHTUNG: EXPERIMENTELLE MUSIK HIER), dass er zumindest den Antrieb hat, über den verkrusteten Tellerrand elektronischer Tanzmusik hinauszuschauen. Und da können die pseudo-intellektuellen Kulturkritiker aus dem Untergrund ruhig ihre blas(s)ierten Nasen rümpfen. Til Schweiger, immerhin einer der erfolgreichsten Vertreter deutscher Popkultur, würde diesen gegenüber an der Stelle sicherlich auch gerne äußern, dass sie ihm auf seinen Sack gingen. Niklas Thal macht und „Niklas Thal“ ist Deep House, wie wir ihn alle lieben. Auch das ist nämlich Kunst – manchmal etwas kitschig, aber immer zugänglich.
So deep.

Das Album rezensierte Vitus Bachhausen.