Rico Puestel lebt, um zu geben – „Cantaloupes“


puestel

Bevor Rico Puestel seine neueste Single, „Van Ferry“, im Oktober 2015 auf SOSO rausbringt, verschenkt der Kieler Produzent eine Nummer bei uns. „Cantaloupes“ ist der Titel des Werks, das Puestel innerhalb von fast drei Stunden ausproduzierte. „Meine Stücke entstehen – wie auch „Cantaloupes“ – vom Nullpunkt an innerhalb von zwei bis drei Stunden und sollten dann auch fertig oder eben konsequent wieder verworfen werden“, so der Musiker, der im November 2015 sein erstes Album – ebenfalls auf dem Imprint von Oliver Schories – releasen wird.

trndmsk: Rico, wo hast Du Dir Inspiration für die Nummer geholt?

Rico Puestel: „Cantaloupes“ basiert auf Dana Carveys parodistischer Kreation der „Cantaloupe Antelope“ (siehe Video, d. R.) und meiner weiterführenden, klangwerdenden Imagination, die „Cantaloupe Antelope“-Reise mit mir innerhalb eines interkosmischen Plasmastroms auf einem fünffach geschichteten Möbius-Band und postuliert die Axiome einer relativitätsinduzierten Simplizität der Dinge, während David Lynch die physische Gestalt der „Cantaloupe Antelope“ mit rudimentären mimischen Anomalien konsekutiv dekonstruiert.

Das klingt abenteuerlich – und für viele sicherlich schwer verständlich (lacht). Wo und wie ist das Werk anschließend entstanden?

Meiner üblichen Arbeitsweise folgend ist „Cantaloupes“ an meinem mittlerweile 14 Jahre alten, lüftungs- und altersinduziert röhrenden Windows Millenium PC unter Fruity Loops 3 in meinem äußerst überschaubaren und neurotisch-durchdringend geordneten „Kämmerchen der Werdung“ entstanden. Insgesamt ein Setup, das mich seit Jahren keine Sekunde im Stich gelassen hat.

Da ich – fernab der Idee extern gesteuerter Hardware – vorzugsweise mit über gut zwei Jahrzehnte zurückblickenden, eigens aufgenommenen und konstruierten Samples und den manigfaltig unikaten Einfluss- und Modifikationsmöglichkeiten solcher arbeite, stammen die zentralen melodie- und harmonieführenden Synthies in „Cantaloupes“ aus zwölf Jahre alten Samplingsessions von analoger Hardware. Eine Hardware, die ich bereits nicht mehr besitze – da ich einem äußerst rudimentären und reduzierten Entstehungsprinzip folge und zugleich gebrauchte Geräte fortlaufend an- und verkaufe – und die ich aufgrund defizitärer Dateinamenbenennung in der damaligen Zeit sowie gewissen defokussierten Gedächtnislücken über die Jahre nicht mehr lückenlos zuordnen kann.

Wie auch bei allen sonstigen Kreativarbeiten aus meiner Feder arbeite ich ausschließlich mit der Computermaus und benutze die Tastatur lediglich für die Eingaben von Spurnamen respektive anderweitigen Benennungen zum Wohle einer gewiss sinnvollen Ordnung und Übersicht im Arrangement. Basierend auf (wie ich sie zu nennen pflege) „gesunden Routineabläufen“, die ich über die Jahre entwickelt habe, entstehen meine Stücke – wie auch „Cantaloupes“ – vom Nullpunkt an innerhalb von zwei bis drei Stunden und sollten dann auch fertig oder eben konsequent wieder verworfen werden. Damit sichere ich mir einen umfassenden emotionalen Fokus, der durch keinerlei Ablenkung oder um Tage oder Wochen verzögerte Arbeitsschritte verloren geht. Dieser Prozess ist der Gegenentwurf zu jeglicher Entspannung und ist in vielerlei Hinsicht zehrend, da sehr viele kreative und technische Vorgänge in komplexen und raschen Gedanken- und Realisierungsabläufen umgesetzt werden, die mich umgebende Peripherie wird dann gänzlich ausgeblendet. Es existieren dabei keine Pausen oder sonstige Ablenkungen für den Preis des eventuellen physischen Versagens meines Daseins in jenen Entstehungsmomenten, die gut bis zu durchgängigen zwölf Stunden auswachsen können.

„Cantaloupes“ inszeniert jeden einzelnen Ton sowie jenes rhythmisches und klangliches Ereignis in feiner, punktueller Einzelarbeit: keine automatisierten Preset-Arpeggios, Filterbewegungen oder sonstiges – jeder kleine Momente ist auf allen Ebenen bewusst gesetzt, und selbst Echoverläufe oder sich abkürzende Längen von Synthiedecayphrasen sind per Hand gesetzt. Nur bei Hallräumen habe ich mir ein äußerst rudimentäres Plugin erlaubt, und sämtliche klangbeeinflussende Faktoren basieren ausschließlich auf direkte Einflussnahme im parametrischen Equalizer mit einer Genauigkeit von 0,1-Hz-Schritten. Die Ober-/Hauptstimmensequqenz, eine Art „idée fixe“ und nebst kleinen Variationen von der Bassstimme immitiert, repräsentiert insgesamt mein Grundkonzept eines klanglichen Strebens gen einer nicht final definerten Unendlichkeit sowie der Reduktion auf einen gestalterischen, in sich selbst zirkulierenden Schmelzpunkt. Die Quintessenz meiner Arbeit ist stets eine möglichst verdichtete Klangwerdung (m)einer emotionalen Disposition und Botschaft im potenzierten Sinne.

Ok. Und wieso bietest Du „Cantaloupes“ als freien Download an?
Um es mit einem kleinen und kompakten Zwinkern zu formulieren: Ich lebe, um zu geben.

Was steht denn sonst in nächster Zeit bei Dir an?

Bevor das retrospektiv äußerst sympathische und wundervolle Jahr 2015 zu Ende geht, kommt es noch zum großen Paukenschlag meinerseits: Am 16. Oktober 2015 erscheint meine (bereits länger erwartete) Single „Van Ferry“ mit einem Remix von Dave Nash auf SOSO. Und als sei das nicht genug, handelt es sich dabei zugleich um die Vorabsingle zu meinem Album, das im November – ebenfalls auf SOSO – folgt. Ganz grundsätzlich aber auch im speziellen Sinne stellt jenes Album einen umfangreichen konzeptionellen und musikalischen Akt dar, den man ganz rudimentär mit purer und unverfälschter Vorfreude erwarten kann!

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