Dr. Jekyll B2B Mr. Hyde: Felix Kröcher – You Gotta


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Das DJ-Duo Dr. Jekyll und Mr. Hyde ist wohl mindestens ebenso fiktiv wie ihre gleichnamigen literarischen Vorbilder. Während eine musikalische Verbindung der beiden wohl fatale Folgen für ihre Zuhörer hätte, schrieb der schottische Schriftsteller Robert Louis Balfour Stevenson mit seinen fiktiven Figuren Ende des 19. Jahrhunderts Literaturgeschichte. Im Horrorroman „Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ ist ersterer sowohl ein erfolgreicher Gutmensch als auch Arzt und letzterer sein mörderischer Freund. Stevenson erschuf mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde nicht nur zwei fiktive Persönlichkeiten, die, wie sich herausstellen sollte, eigentlich eine waren, sondern auch die Vorlage für das berühmte Doppelgängermotiv. An Hand seines schizophrenen Protagonisten – einerseits tugendhaft, andererseits triebhaft – kritisierte er das selbstverleugnende Spießertum des viktorianischen Englands. Die übermäßige Vernachlässigung der eigenen, scheinbar primitiven, Bedürfnisse hat so in der Geschichte dramatische Folgen. Aber was hat das nun hiermit zu tun? Lange Rede, kurzer Sinn: Für uns soll die schauderhafte Romanfigur nun zur Denkfigur werden und für den Diskurs nutzbar gemacht werden. In Zeiten kommerzieller Massenproduktion und polarisierender Popularität elektronischer Musik blicken wir nun sozusagen aus der Perspektive von Dr. Jekyll und Mr. Hyde auf diese Entwicklung. Auf diese Weise lassen wir in der neuen Rubrik Dr. Jekyll B2B Mr. Hyde beliebige Werke aus House, Deep House, Tech House, Techno, Dubstep, Post Dubstep, Melodic Post-House-Step, etc. auflegen und diese kritisch bewerten. Was ab und zu sicherlich wie ein paradoxer Schlagabtausch eines schizophrenen Autors mit sich selbst wirkt, soll aber eigentlich der Versuch sein, für die Balance zwischen Kunst und Popkultur zu plädieren. Jede Form von Musik hat ihre Daseinsberechtigung. Wer das nicht akzeptiert, wird hier, wie im seltsamen Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde, gnadenlos zerrissen.

Felix Kröcher hat mit „You Gotta“ auf Toolroom Records eine neue Single veröffentlicht. Im vergangenen Jahr war der Frankfurter dagegen vorrangig mit seiner eigenen Radioshow beschäftigt, in der er, wie schon zuvor auf Sunshine Live, jede Woche ein technoides Update lieferte. Doch zwischen Auftritten bei diversen Festivals wie Nature One oder Ruhr in Love hat der 31-Jährige wohl noch genügend Zeit und Muße gefunden, um produktiv zu werden. Das kritisch-dubiose DJ-Duo Dr. Jekyll und Mr. Hyde hat diese Platte für uns aufgelegt:

Gerade erst den Play-Button gedrückt, schon ballert die erste Kick, untersetzt mit einer grimmigen Bassline, fest entschlossen vorwärts. Und – selbstverständlich – auch die erste Hat lässt nur wenige Takte auf sich warten. Beeindruckt von dieser festen Entschlossenheit, die nicht zögert, sondern handelt, werden so manche Köpfe nicken, so manche Beine wippen. Doch dieser Vorwärtsdrang kommt nicht aus dem Nichts. Das weiß auch der Soundcloud-User robin sound, welcher bereits nach 47 Sekunden resignierend feststellen muss: „schranz mal lieber wieder“. Richtig, robin sound, es war der Schranz, dem Kröcher zuerst seine musikalische Liebe schenkte. Der Felix und der Schranz, das war eine wilde Zeit! Doch, wie das Leben (und Kröcher) nun mal so spielt: Es musste vorwärts gehen, weiter! Zurück bleiben, enttäuschte Fans wie robin sound, die einfach nicht akzeptieren können, dass Damals manchmal Damals bleiben muss. Kröcher war und ist ein Avantgardist des Techno. Und als solcher hat er im Namen der Kunst eine größere Aufgabe zu erfüllen. In seinem monumentalen Opus „Zeiten Ändern Dich“ kam schon der bekannte Großstadt-Lyriker Anis Mohamed Youssef Ferchichi (alias Bushido) zur Einsicht:

Mir tut soviel heute unfassbar Leid
Ich musste mich verändern, um was zu sein
Ich wollt’, dass Mama stolz auf mich ist
Heute ist sie stolz – Zeiten ändern Dich.

Ähnlich wie Bushido sieht auch Kröcher selbst seine Entwicklung. Auf seinem Resident-Advisor-Profil erklärt er seine Maxime, die er auch in seinem neuesten Werk verwirklicht hat:

With his very own interpretation of techno he presents the zeitgeist in a way that does not care about trend but prefers to create new ones.

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Auch „You Gotta“ ist eine ganz eigene Kröcher’sche Interpretation von Techno. Schon wenige, minimalistische Töne an den virtuellen Streichinstrumenten reichen, um den Hörer in den Bann zu ziehen. Mit mystisch-repetitiver Eindringlichkeit ertönt dann auch noch der Gesang einer weiblichen Stimme. Schön muss sie sein, diese Frau hinter der Stimme, die mich so umwirbt. Unaufhörlich fordert die Sirene mich auf: „You Gotta!“ Was? Es ist vermutlich eben jene schüchterne Unsicherheit, die mich mit ihr tanzen lässt. Es ist egal, wozu sie mich auffordert, bedeutsam ist allein, dass sie mich auffordert. Die Aufforderung selbst ist Rechtfertigung genug. Und hier bin ich nun, als wäre ich auf einem Abschlussball in diesen kitschigen Filmen, in Trance, tanzend mit dieser hohlen Schönheit, die mich dennoch auf unerklärliche Weise zu betören weiß.

Ein Artikel von Vitus Bachhausen.