Powel: „Lampenfieber sieht man mir schnell an. Dann schaue ich lieber den Mixer oder meine Füße an“


Distortion KellerStage 2015 (25 von 37)

Der Sound von dem in Berlin lebenden DJ und Produzenten Powel ist vor allem warm und variationsreich. An vielen Stellen wirkt er aber auch sehr verträumt und deep. Paul fing im zarten Alter von 14 an, sich intensiv mit Musik zu beschäftigen, in diversen Bands zu spielen und die Faszination hat ihn nicht mehr losgelassen. Inzwischen ist er weltweit gut gebucht; liebt aber noch immer die Gigs in kleinen Clubs. Wir trafen den DJ und Musikproduzent zum Interview beim diesjährigen Dockville in Hamburg und sprachen mit ihm nach seinem Auftritt über das Projekt Lake Powel, das Powel mit Lake People startete, aufregende erste USA-Trips und Nervosität vor einem Gig.

trndmsk: Das war heute nicht dein erster Gig beim Dockville. Die letzte Stunde bei deinem Gig war auf dem Floor nicht ganz so viel los. Wie gefällt dir die Atmosphäre?

Powel: Ja, das stimmt, war ja auch noch recht früh. Ich hatte aber Spaß, und die Stimmung war auch ganz gut. Generell bin ich ja eher der kleine Festival-Typ, aber ich finde es ganz geil hier. Es gibt viel zu sehen. Das ist spannend, aber ich verlaufe mich ständig.

Gestern Plötzlich am Meer, heute hier Dockville und morgen weiter die nächste Open Air in Berlin. Ordentliches Wochenende. Da du auch relativ häufig hier in Hamburg spielst, kannst du das ganz gut bewerten. Wie spürbar ist so eine Partycrowd im reservierten Norden im Gegensatz zur Hauptstadt?

Eigentlich ist es für mich eher schwer zu beurteilen. In dunklen Clubs sehen die Städte alle gleich aus, und bei Festivals kommen die Leute eh von überall her. Ich glaube, so einen richtig großen Unterschied gibt’s da gar nicht. Klar, hat jede Stadt schon ihren eigenen Charakter, aber ab nem gewissen Alkoholpegel gibt’s kaum noch Unterschiede. Was ich aber doch sagen kann, ist, dass Berlin für mich als DJ viel anonymer ist. Die Leute gehen wegen den Clubs weg und achten weniger darauf, wer da gerade auflegt, was manchmal auch ganz befreiend sein kann.

Wie du eben schon erwähnt hast, magst du kleine Festivals, aber spielst auch die großen Festivals wie die Fusion oder das Distortion Festival in Kopenhagen. Was macht dir mehr Spass?

Ich fühle mich definitiv sicherer in kleinen Clubs und Festivals. Das ist natürlich viel familiärer und auch direkter. Bei größeren Geschichten mit 1000 und mehr Leuten geht mir der Arsch erst mal auf Grundeis (lacht). Was aber nicht heißt, dass ich da nicht genauso viel Spaß habe!

Dann war das heute ja eher ein „kleinerer“ Gig. Da bist du dann auch heute noch aufgeregt?

Ja, das sieht man mir leider sehr schnell an: Wenn ich nicht nach oben gucke, muss ich erst mal mit der Situation warm werden. Dann schaue ich lieber den Mixer oder meine Füße an. Das Blöde ist, dass man Lampenfieber nicht abtrainiert bekommt. Ich mache schon echt sehr lange Dinge auf Bühnen, aber der Mist geht einfach nicht weg.

Du machst lange schon Musik und beschäftigst dich mindestens genauso lange auch mit elektronsicher Musik. Der richtige Durchbruch kam ja doch eigentlich so vor circa zwei Jahren mit der ersten EP. Warum dann erst?

Ach, ich weiß nicht. Obwohl ich zu dem Zeitpunkt schon länger aufgelegt habe – so richtig ernsthaft angefangen mit dem Produzieren von Musik mit 4/4 Bassdrum, habe ich auch erst relativ kurz vorher. Zu der Zeit waren die Bands, in denen ich gespielt habe einfach wichtiger für mich. Das Projekt Powel hat sich quasi nebenbei verselbstständigt, ich habe nie etwas weggeschickt. Dann ging’s los mit der ersten EP auf Wunderbar Recordings. James, der Betreiber des Labels, hatte mich aufgrund der Tracks, die ich online hatte, angeschrieben und gefragt, ob ich nicht Lust auf ein Release hätte. Ursprünglich wollte ich meinen Sound noch ein bisschen reifen lassen, bevor ich mir über das Thema Veröffentlichungen Gedanken mache, aber das ist dann doch relativ schnell dem Gefühl gewichen: Warum denn eigentlich nicht? Ab da lief das einfach immer so weiter. Das ich jetzt ziemlich viel spiele, habe ich auch der Maria, meiner Bookerin, zu verdanken. Wir arbeiten jetzt seit drei Jahren zusammen und seitdem läuft das.

Du hast dieses Jahr wieder eine USA-Tour hinter dich gebracht. Wieso Amerika? Hast du da spezielle Kontakte hin?

Na, weil es da echt schön ist, und viele Leute in Amerika angefangen haben, elektronische Musik jenseits von diesem EDM-Mumpitz wieder zu entdecken.

Als ich da das erste Mal gespielt habe, war ich völlig unvorbereitet, das war schon recht witzig. Ich bin in New York angekommen und habe festgestellt, dass ich mit meiner Bankkarte kein Geld abheben kann (Ich hatte noch 10 € in der Tasche) und konnte den Veranstalter, der mich abholen wollte, nicht erreichen, da mein Telefon dort auch nicht funktionierte. Ich bin dann mit meinem Laptop über den Flughafen gelaufen, um ihn mit Hilfe seines Facebook-Fotos zu finden – hat dann auch funktioniert. Spezielle Kontakte gab es eigentlich am Anfang nicht. Das ging damit los, dass der Rocky von Bespoke Musik aus New York sehr gerne wollte, dass ich bei einer seiner Partys spiele. Als das dann in die Wege geleitet war, haben er und meine Bookerin es möglich gemacht, dass es dann noch weitere Gigs gab. Das war dann meine erste eigene richtige Tour – war auf jeden Fall sehr aufregend. Mittlerweile war ich schon vier Mal drüben (lacht).

Wie kam das Projekt Lake Powel zustande? Ihr kanntet euch ja vorher schon und seid Kumpels, richtig?

Martin (Lake People, d. R.) habe ich über einen Gitarristen meiner damaligen Band well done, jackson pollock kennengelernt. Generell ist es ja schon oft so, dass wenn zwei Musiker aufeinandertreffen, die sich mögen, dass das Thema aufkommt, mal was zusammen zu machen. Oft jedoch bleibt es dann bei der Idee – bei uns ist das auch eher aus einer Schnapslaune heraus entstanden. Wir haben uns dann gegenseitig Ideen zugeschickt, bei denen wir das Gefühl hatten, festzuhängen, nur um zu sehen, ob der jeweilige andere das irgendwie weiter denken kann. Erstmal auch ohne den Hintergedanken an eine Veröffentlichung. Aber das lief dann alles ziemlich gut und die Platte kam ja auch ganz gut an. Lustig, wenn man bedenkt, dass das Ideen waren, die auf der Festplatte vor sich her vegetierten und wahrscheinlich irgendwann im Papierkorb gelandet wären.

Wie stark differenziert sich die Solo-Arbeit als Produzent oder Dj im Gegensatz zu einem Projekt, bei dem mindestens zwei Personen beteiligt sind?

Bei der Lake Powel-Sache z. B. haben wir nie zusammen in einem Raum gesessen, während wir die Tracks gemacht haben. Wir haben uns die Sachen immer hin- und hergeschickt. Das ist ein Modus, in dem wir, glaube ich, beide am besten arbeiten können, und somit ist es auch gar nicht so anders, als wenn man allein an Ideen rumschraubt.

Generell ist es aber schon so, dass sobald mehrere Personen beteiligt sind, Zugeständnisse gemacht werden müssen, die auch mal von der eigenen Idealvorstellung abweichen. Gleichzeitig ist man aber auch nicht so alleingelassen, weil man dann auch gleich eine Art Kontrollinstanz hat.

Wenn ich alleine einen Track sehr lange bearbeite, komme ich oft an einen toten Punkt an dem jede Veränderung, die ich vornehme in meiner Wahrnehmung den Track weder verbessert noch verschlechtert. Das ist schon ziemlich doof und oft auch frustrierend. Doch bei Projekten mit mehreren Leuten kann dann so ein frisches paar Ohren ziemlich gut Abhilfe schaffen.

Was hörst du privat für dich daheim?

Momentan ist es viel Ambient und anderes Langsames, auch wieder viel Folk in letzter Zeit. Man kann ja in Berlin nirgends mehr hingehen, ohne dass einem ein House-Beat entgegen kommt. Egal, ob Supermarkt, Dönerbude oder sonst wo (lacht). Das ist dann doch etwas viel manchmal, und ich brauche dann irgendeinen Gegenpol.

Kannst du etwas zur aktuellen Arbeit auf dem Label Für die Liebe erzählen?

Matthew Dekay hatte mich damals angeschrieben, um mich kennenzulernen und hat mir von dem Projekt erzählt. Letztendlich ist es dann so gekommen, dass das ganze Vorhaben bei All Day I Dream integriert worden ist. Für mich hat das keinen Unterschied gemacht, Lee Burridge, der Labelchef und Matthew Dekay sind ja auch gute Freunde. Wichtig war mir nur, dass wir eine gemeinsame Vorstellung von Musik und wie man damit umgeht haben und das ist da deifinitiv der Fall.

Mittlerweile habe ich auch viele von den anderen ADID-Künstlern kennengelernt und muss sagen, dass ich mich da mega gut aufgehoben fühle. Das sind alles unglaublich nette und interessante Charaktere. Für mich ist alles sehr gut, wie es gerade ist.

Gibt es dir mehr Sicherheit, wenn du auf der Bühne stehst und vor dir deine Freunde siehst, oder macht dich das noch nervöser?

An sich ist es immer super wenn Freunde von mir dabei sind, oft aber auch mit mehr Alkoholkonsum verbunden. Ich habe aber auch das Gefühl, dass es mittlerweile schon schwer ist meinen Freunde noch irgendwas Neues zu bieten, da die das Ganze ja schon das ein oder andere Mal gehört haben. Nervös machen sie mich aber nicht, ich mag die ja.

Was passiert im Moment bei dir? Gibt es etwas, was du schon preisgeben kannst oder möchtest?

Ich habe gerade mit Freunden ein neues Studio in Berlin bezogen. Endlich ein neuer kreativer Raum, in dem hoffentlich viel Spannendes entstehen wird. Da ich bis jetzt nur zu Hause gearbeitet habe, ist das schon ziemlich cool für mich. Die All Day I Dream-Sachen gehen weiter ,und vermutlich schon Anfang nächsten Jahres wird es eine neue EP auf Das sind wir geben. Das ist ein neues Label aus San Francisco. Die Tracks sind fast fertig. Also es gibt auf jeden Fall genug, um das nächste Jahr locker vollzukriegen.

An der Stelle möchte ich auch mal ein Dankeschön an euch, an trndmsk, richten. Plattformen wie eure haben mir auch mega geholfen an dem Punkt zu kommen, an dem ich jetzt bin.

Das Interview führte Sarah Schlifter.