Most wanted: Booker – die Kolumne von Marc DePulse | trndmusik

Most wanted: Booker – die Kolumne von Marc DePulse


Woche für Woche machen es die Großen der Szene vor. Sie spielen unzählige Gigs auf der ganzen Welt, obwohl die letzten Singles vielleicht nur mäßig waren. Und schnell kommt der Gedanke auf: „Das kann ich auch, das will ich auch.“

Most wanted - Booker - COVER

Grafik: Daniel Gläser (ZOVV)

Also ran an die teuren Maschinen (oder die gecrackte Software). Kick, Hihat, Snares, eine nette Bassline, drei bis vier lustige Synth-Sounds und fertig ist der Track. Ja, so einfach kann man heute elektronische Musik machen – dank moderner Mittel auch klanglich in einer Qualität, von der man vor 15 oder 20 Jahren nur träumen konnte.

Der Markt füllt sich immer mehr mit (Pseudo-)Produzenten und (Möchtegern-)DJs, gefolgt von unzähligen „Platten“-Labels. Schließlich sind die Eintrittsbarrieren längst nicht mehr so hoch, wie noch zu den Zeiten, als man vierstellige Summen für eine Vinyl-Herstellung hinblättern musste. Ein billiges Masterstudio findet sich bestimmt auch, dazu hat doch Nachbars Junge letztens erzählt, dass er hobby-mäßig so ein paar Grafiken basteln kann. Also los. Zwei Nächte Taurin-Brause schlürfen und fertig ist das Produkt, was man auch direkt veröffentlicht, da man in der schönen digitalen Welt ja zum Glück keine drei oder vier Monate mehr auf das Presswerk warten muss.

Talent, Fleiß, Geduld, Beständigkeit

„Mutti, ich habe jetzt eine Single draußen, sogar noch auf meinem eigenen Label. Richie Hawtin hat sie sich auch schon heruntergeladen. Jetzt brauche ich dringend eine Agentur, die mich groß raus bringt.“. Meine Ironie im Satzbau lässt unschwer erkennen: ganz so leicht hoppelt der Hase dann doch nicht übers Feld. Erfolgreich sein ist wie eine Schwangerschaft: jeder gratuliert dir, aber keiner hat eine Ahnung, wie lange du dafür geübt hast.

Jeder, der schon einmal selbst Musik produziert hat, kennt diese Form der Selbstüberschätzung vermutlich ganz gut. Man sitzt die halbe Nacht an einem neuen Track und fühlt sich wie der König der Welt. Meist kommt die Kehrseite prompt: man legt sich schlafen und setzt sich am nächsten Tag mit neutralem Gehör wieder dran und fragt sich meist kopfschüttelnd: „Was in aller Welt habe ich da für einen Mist gemacht?“. Dieser Prozess nennt sich Kreativität und kennt viele Höhen und Tiefen. Man könnte die Kurven wie folgt beschreiben:

1.) „Oh ja, das ist cool!“
2.) „Das wird ein Hit, ich bin ein Held!“
3.) „Nein, das ist totaler Mist.“
4.) „Ich bin ein Versager. Meine Musik ist schlecht. Ich bin schlecht.“
5.) „Na gut, das ist doch ganz okay.“
6.) „Das ist der absolute Wahnsinn! Ich bin der Größte!!!“

Seine eigenen Produktionen auf Augenhöhe mit den Großen zu sehen, ist eine völlig subjektive Wahrnehmung und jeder hat dies in seinem eigenen Entwicklungsprozess schon einmal durchgemacht. Man merkt es meist ein paar Jahre später, wenn man sich seine Sachen von früher nochmal anhört und die Hände über dem Kopf zusammen schlägt.

Gleiches gilt für DJs. Kaum hat man ein paar Mal im Club um die Ecke gespielt und tolles Feedback bekommen oder man ist einmal mit der Plattentasche zum Gig geflogen, schon schnuppert man Höhenluft. Man glaubt dann schnell, dies ab jetzt wöchentlich machen zu können und auf noch größeren Bühnen zu stehen. Aber natürlich ist das nur ein Teil des Prozesses, der sich im Grunde durch vier Faktoren ernährt: Talent, Fleiß, Geduld, Beständigkeit.

Akquise ist der erste Schritt in sein eigenes Netzwerk

Hier schließt sich der Kreis zur Frage: „Brauche ich einen Booker?“. Viele junge Künstler glauben, dass ihnen eine Agentur mit hundert Mal mehr Kontakten schnell den Kalender füllen wird. Die geweckten Hoffnungen enden in den meisten Fällen jedoch in großer Ernüchterung, denn natürlich wird das Interesse an einem Künstler nicht plötzlich größer, nur weil man in einer Agentur ist. Was zählt, ist die Qualität der eigenen Musik, die Labels, auf denen man veröffentlicht, die eigene Außendarstellung und selbstverständlich der daraus resultierende Bekanntheitsgrad. Gewisse Voraussetzungen sollte man also schaffen, bevor man sich eine Agentur sucht.

Wer den Markt eifrig beobachtet, weiß, dass selbst ein paar Wochen in den Beatport-Top-10 nicht ausreichen, um schnell durchzustarten. Es ist sicherlich auch eine große Ehre, wenn eure Musik von sogenannten „Key-DJs“ gespielt wird. Allerdings erlangt man allein dadurch keine Bekanntheit, sondern über größere Kanäle. Radio, Magazine, soziale Netzwerke und später über angesagte Clubs und Festivals. Ist man nicht in aller Munde, ist man ein no-name, den kaum jemand bucht. Und um mit den Vorurteilen einmal aufzuräumen: da hilft kein Booker und auch keine große Agentur.

Was also tun? Nimm dein Glück sprichwörtlich selbst in die Hand und mache ein besseres Produkt aus dir. Akquise ist der erste Schritt in sein eigenes Netzwerk. Man sollte die wichtigen und richtigen Leute kennenlernen und sich anbieten (nicht anbiedern): Veranstalter, Werbetreibende, Radiosender, Labelmanager und freilich viele gleichgesinnte Kollegen. Vor allem aber sollte man bessere Musik produzieren, bessere Podcasts mixen und diese auf möglichst viele verschiedene Märkte verstreuen. Das gilt für Newcomer genauso wie für etablierte Künstler. Jammern, dass der Kalender nicht voll ist, bringt einen kreativen Menschen nicht weiter. Im Gegenteil: es blockiert und bremst aus. Vielmehr sollte man alles in seiner Macht Stehende tun, um dies zu ändern. Also, Inspiration holen und ab ins Studio!

Eine Agentur will im Endeffekt auch nur Geld mit dem Act verdienen, also muss der wirtschaftliche Faktor auf beiden Seiten stimmen. Sprich: Hat der Künstler das Potential, damit es für die Agentur Sinn macht? Und aus Sicht des Künstlers: Wächst einem die Booking-Arbeit über den Kopf und man braucht dringend fremde Hilfe? Fakt ist: ein Künstler, den man über die Jahre hinweg aufbauen muss, bringt kurz- und mittelfristig keinen Ertrag und verspricht noch lange nicht, dass sich investiertes Geld, Zeit und Nerven irgendwann überhaupt einmal bezahlt machen. Ausnahmen machen hier nur Homies, für die man das aus Freundschaft gern macht oder junge Künstler, die man parallel zum Label aufbaut und im Rahmen von Showcases immer mit unterbringen kann.

So werden Agenturen gegeneinander ausgespielt

Ist man den Weg einmal gegangen und lässt sich möglichst exklusiv von einer Agentur vertreten, läuft es so ab: die Agentur bietet den Künstler auf ihrer Plattform an, betreibt Akquise und nutzt bestehende Kontakte. Aber auch dieser Prozess ist anfangs mit viel Geduld verbunden. Hier sollte man sich aber auch einmal in die andere Seite hineinversetzen können und hinterfragen: Bringe ich dem Veranstalter einen Mehrgewinn? Natürlich beantwortet diese Frage jeder gern mit ja. Man muss jedoch lernen, realistisch einschätzen zu können, welche Stufe des Treppchens man belegt. Realistisch heißt: volltrunkene Liebesbekundungen im Club oder das Schulterklopfen der besten Freunde entziehen sich dieser Beurteilung.

Exklusivität: Natürlich klingt es für einen Künstler verlockend, wenn man nicht-exklusiv mehrere Booker bzw. Agenturen anheuert. Man denkt: „Oh, schön, fünf Leute arbeiten parallel für mich – das kann nur gut werden!“. Wer das aber einmal probiert hat, stellt fest, dass Veranstalter dich nur dort buchen, wo sie dich am Günstigsten bekommen können. So werden Agenturen gegeneinander ausgespielt, was in erster Linie auf dich als Künstler zurückfällt. Dadurch verdient man niemals die Gage, die man gern hätte und es verpasst dem eigenen Image einen höchst unprofessionellen Anstrich.

Ich habe in letzter Zeit einige Acts erlebt, die auf Teufel-komm-raus Erfolg haben wollen. „Anlauf statt Gleitgel“ ist kein Rezept. Es heißt schließlich „Klasse statt Masse“ und nicht anders herum. Meine Erfahrung aus über 15 Jahren im Musikgeschäft hat mich gelehrt: in der Ruhe liegt die Kraft, denn gut Ding braucht mitunter richtig viel Weile. Manchmal muss man einen Schritt zurück gehen, um dann zwei nach vorn zu machen. Auch ich bin den holprigen Weg gegangen, bin oft hingefallen und falle auch immer noch hin. Es kommt dann darauf an, sich immer wieder aufzurichten und aus seinen Fehlern zu lernen. Nur wer das Tag für Tag realisiert, wird auch in zehn Jahren noch lachen.

Die Kolumne von Marc DePulse.