Wie schicke ich meine Demo an ein Label? – die Kolumne von Marc DePulse


Wer den Musikmarkt in den vergangenen Monaten und Jahren etwas intensiver beäugt hat, dem ist eine Entwicklung nicht verborgen geblieben. Früher wollte jeder Kiddie Rockstar oder Sänger werden, heute DJ. Junge Acts drängen mit aller Macht in den Markt hinein, doch die Alten treten nicht ab.

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Grafik: Daniel Gläser (ZOVV)

In der Generation 35+ zähle ich mich ja mittlerweile selber schon fast zu den alten Eisen. Doch drehen wir das Beispiel Fußball einmal um: nicht in den jungen entwicklungsfähigen Spieler wird investiert, sondern in die reife Flasche Wein. Kaum ein großer Act in unserer Szene ist jünger als 30 Jahre und jeder „große Fisch“ hat einmal klein angefangen, aber dafür im Umkehrschluss auch schon 10, 20 oder gar 30 Jahre harte Arbeit investiert. Warum also den Platz einfach her schenken, wenn nach oben hin mehr geht als je zuvor? Träume und Ziele hat man schließlich nicht nur in jungen Jahren.

Dennoch führt diese Entwicklung zu einer Übersättigung auf dem Markt. Clubs und Feierpublikum werden im Verhältnis zu den vielen neuen DJs schließlich nicht mehr. Wenn ein Club früher um die Gunst eines DJs warb, so wirbt der DJ heute um den Club. Das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage hat sich verschoben und daher muss man sich selbst die Frage stellen, welche Lehren man daraus zieht. Jeder selbständige Musiker weiß: jammern ist keine Option, es bringt dich nicht weiter. Im Gegenteil: es blockiert deine Kreativität und Muse. Also schaltet das Internet und Smartphone einmal aus und macht das, was ihr am Besten könnt: Musik. Oder im weiteren Sinne: Kunst.

Dank moderner Technik braucht man keine Notenlehre mehr

Wir alle haben längst erkannt, dass Auflegen und Produzieren mittlerweile fast ein Kinderspiel geworden ist. Und jedem ist bewusst, dass Auflegen alleine schon lange nicht mehr ausreicht, um seine wöchentlichen Gigs über den eigenen Wohnzimmerclub hinaus zu erweitern. DJs, die ohne eigene Produktionen trotzdem Woche für Woche gebucht werden und die rappelvollen Clubs immer wieder zur Ekstase bringen, verdienen meine höchste Anerkennung. Denen mag man laut zurufen: „Ihr habt´s geschafft!“

Wer diesen Status nicht besitzt, wird nicht umhinkommen, seine eigene Musik zu produzieren und zu veröffentlichen um sich letztlich mit der eigenen Release neue Türen zu eröffnen. Dank moderner Technik braucht man keine Notenlehre mehr, um eine schöne Melodie zu schreiben. Vieles ist selbsterklärend und ohne jegliche Vorkenntnisse schwimmt man urplötzlich über Nacht ganz vorne mit. Beispiele aus den vergangenen Jahren gibt es dafür zuhauf und es werden immer mehr.

Als ich 1999 angefangen habe, meine eigene Musik zu produzieren, habe ich mit keiner Silbe an eine Veröffentlichung auf einem Label gedacht. Das kam erst 50 Produktionen und 4 Jahre später. Heute installiert man sich Ableton, lädt sich ein paar Samplepacks, legt eine Kick drauf und fertig. Klatsch, Bäääm, Top 10. So kommt es vor, dass sich Acts, die es erst seit einem Jahr gibt, manchmal aufführen wie Platzhirsche. Hoschis, die denken „Berghain“ sei ein Dorf im Allgäu und das „Watergate“ eine Sehenswürdigkeit in England. Anders formuliert Leute, die von ihrem Umfeld keinen blassen Schimmer haben, dafür aber mit etwas Geschick und den richtigen Samples zur richtigen Zeit im Handumdrehen die Charts erklimmen, angeben auf Major-Labels zu releasen, noch keinen Handschlag für die Szene getan haben aber schon die Hände aufhalten und nach mehr Geld fragen. De facto sprießen sogenannte „Major Labels“ (die keine sind) ja ganz einfach aus dem Boden, indem man mal schnell ein paar Top 20 Tracks bei Beatport hatte. Dieses verschobenes Bild wird ergänzt durch vielleicht 2.000 Facebook Fans und einem überheblichen „Frag mein Management!“ auf die Frage ob er/sie denn Bock auf mein Label hätten. Ja, nee, is klar. Trotzdem erklärt es sich wiederum von selbst: die Nachfrage bestimmt das Angebot. Warum sollte der talentierte Newcomer die Masse an Anfragen ablehnen, wenn er sie nicht durch Geld selektieren kann? So in etwa funktioniert das Business anno 2016. Herz, Liebe und Leidenschaft sucht man immer häufiger, Konsumwahn und Profitgier findet man immer öfter.

Sich permanent den Kopf über die Entwicklung der Musikbranche zu zerbrechen, ist kontraproduktiv

Immer mehr Labels releasen mittlerweile im 2-Wochen-Takt. Ob man das gut oder schlecht finden soll, ändert nichts am Fakt. Es zeigt, dass das sowieso schon bestehende Überangebot an Musik mit noch mehr Masse bekämpft wird. Um so höher das Standing eines Musikers in der Szene ist, um so sensibler sollte man letztlich auch die Frequenz der eigenen Releases steuern. Ist die Marke bzw. der Künstlername noch nicht etabliert genug, dann sollte man so viel wie möglich raus hauen: Singles, EPs, Remixe, Co-Produktionen, Features. Feuer auf allen Kanälen! Wichtig ist in jedem Fall, dass man sich breit aufstellt. Wenn es damals wichtig war, auf 1-2 Homie-Labels zu veröffentlichen, sollte man sich heute so vielen Märkten wie möglich öffnen. Nicht zuletzt als Funktionen wie Reposts oder Retweets in den sozialen Netzwerken eingeführt wurden, ist es ein Trend geworden, die Follower anderer Labels und Portale „abzugrasen“, über den eigenen (deutschen) Tellerrand hinausschauen. Denn erst durch diese sozialen Netzwerke hat sich die Musikszene weltweit so stark miteinander verbunden.

Egal wie viele Jahre man schon professionell Musik macht: irgendwo gibt es immer wieder Leute, die deinen Sound für sich neu entdecken und feiern. Die findet man aber eher selten, wenn man ausschließlich auf seinem Kleinstadtlabel releast, denn da bedient man immer nur das gleiche Stück vom Kuchen.

Ich habe die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen, bin auch nach 15 Jahren im Geschäft immer noch im ständigen Lernprozess. Ich bin selber oft hingefallen, habe aber immer wieder gelernt aufzustehen und aus Fehlern zu lernen. Sich permanent den Kopf über die Entwicklung der Musikbranche zu zerbrechen, ist kontraproduktiv. Also: werft die Geräte an und zaubert ein paar tolle Klänge. Dabei ist Innovation ein sehr großer Faktor, den man allerdings nicht begünstigt, wenn man sich zu sehr von Anderen leiten lässt. Macht euer Ding und lasst euch nicht beirren. Sind die Tracks dann fertig, schickt sie zu ein paar Freunden und lasst euch ehrliches Feedback geben. Sind Klang, Struktur und Idee im Einklang – auf zur Labelsuche.

Und dabei sind viele Dinge zu beachten

Demo Policy

Jedes Label äußert explizit seine Wünsche, wie sie gern bemustert werden möchten: E-Mail mit Links, SoundCloud, Online-Upload-Formular oder vielleicht noch ganz klassisch: per Post. So abwägig ist das gar nicht. Ein Link ist mal schnell gemailt, aber wer sich die Mühe macht und eine CD samt Anschreiben verschickt, meint es auch wirklich ernst. Also, auch wenn es unsinnig erscheint: die Demo-Policy muss unbedingt gelesen und befolgt werden!

Anrede

So persönlich wie möglich. Verteilermails werden meist ungelesen gelöscht. Baut euch euer eigenes Netzwerk auf, lernt Leute kennen, vor allem die Wichtigen. Nichts geht über die beliebteste aller Drogen: Vitamin B. Das verspricht zwar noch lange keine Release, aber zumindest einen kürzeren Dienstweg.

Style

Stellt sicher, dass eure Musik zum Label passt. Kein Techno-Label releast Trance. Und kein House-Label will EDM-Sound. Vorher recherchieren, bevor dem A&R die Locken trommeln!

Single oder EP?

Ein Fehler, der gerne gemacht wird. Ein Paket bestehend aus mehreren Tracks ist nicht automatisch eine EP (=Extended Play). Sobald auch nur ein Remix dabei ist, handelt es sich um eine Single. EP ist die kleine Form der LP (=Longplayer=Album) und beinhaltet nur Original-Tracks.

Inhalt

Einfach nur einen Link zu schicken ohne sich vorzustellen, ist unpersönlich und unfreundlich. Jede Begegnung im Real-Life beginnt schließlich auch mit einer Begrüßung oder einem Handschlag und nicht mit „hör hier sofort rein und signe mich!!!“. Bedenkt, dass hinter all diesen Demo-Accounts tatsächlich echte Menschen sitzen, die bei so einer Mail vermutlich keine Lust verspüren, auf überhaupt irgendetwas zu klicken. Schreibt also etwas über euch, woher ihr kommt, wo ihr schon releast habt, ob ihr eine Plattform betreibt oder eine coole Eventreihe am Start habt.

Musik

Die Tracks können ungemastert sein, sollten aber nicht zu dünn klingen. Wenn ihr für ein Mastering vorher Geld aus eigener Tasche bezahlt habt, kann das meist umsonst gewesen sein, denn viele Labels haben noch den ein oder anderen Änderungswunsch und freilich ihren hauseigenen Master-Service. Schickt keine Schnipsel. Und auch keine schlecht encodierten MP3s. Sein Baby aus der Hand zu geben, braucht ein wenig Vertrauen. Aber keine Sorge: die Urheberrechte kann euch keiner so schnell streitig machen.

One-Track-Demos

Viele Labels wollen gern das fertige Produkt und nicht nur eine einzelne Nummer. Wenn ihr also die Labelbetreiber nicht persönlich kennt, schickt ein Paket aus Minimum 2, Optimum 4 Tracks. Denn habt ihr wirklich eine starke Nummer produziert, will das Label nicht noch warten bis weitere Tracks fertig werden. Der Umkehrschluss kann sein: habt ihr schon häufig auf dem Label releast, kann man in Absprache mit den Labelbossen die Musik zielgerichtet lenken. Dann macht es natürlich Sinn, einzelne Tracks oder gar erst einmal Strukturen zu senden á la „habt ihr euch das so vorgestellt?“ um vielleicht Tracks für eine EP zu sammeln. Das geht aber auch nur dann.

Remixe

Schön, dass euer Buddy einen Remix zum Track gemacht hat. Meist bringt das aber gar keine Punkte. Überlasst solche Entscheidungen dem Label, außer der Remixer ist eine große Nummer oder das Ergebnis schlägt das Original um Längen. Generell gilt für Remixe: eine Single mit 3 oder mehr Remixen hinterlässt immer irgendwie den Eindruck, als sei man vom Original nicht überzeugt genug und braucht deswegen mehrere Interpretationen.

Ansprechpartner

Die beste Demo nützt nix, wenn das Label nicht weiß, wie es euch erreichen kann. Also hinterlasst eure Kontaktdaten. Wenn die Demo gut ist, möchte man sich parallel gern etwas über den Künstler informieren. Homepage und soziale Netzwerke unbedingt angeben!

Absolute No-Gos

– Empfängerzeile „undisclosed-recipients“ alias „Juhu, die Mail bekommen gerade noch 100 andere“. Geht gar nicht!
– Falsche Namen in der Anrede oder falsche Labelnamen im Text: peinlich. Wenn man schon mit copy+paste arbeitet, sollte man sich keine Fehler erlauben.
– SoundCloud: hat der private Link bereits 50 Plays, denke ich mir als Label sofort „Aha, 50 Leute vor mir fanden den Track schon nicht gut genug.“ Wenn ihr eure Demos verbreitet, stellt sicher, dass jedes Label die Demo auch wirklich exklusiv hat. Das heißt: keine mehrfachen Plays auf der Nummer und möglichst ein persönlicher Text dazu.
– Mp3 als Mail-Anhang: bitte tut das keiner Mailbox an!
– dubiose Links: auf Viren hat keiner Lust. Der Link sollte also nicht seltsam verschlüsselt sein oder nur indirekt zu laden sein, z. B. indem man sich vorher eine Software installieren muss.

Bedenkt immer: auch wenn ihr denkt ihr habt den Über-Mega-Monster-Hit produziert, bewahrt kühlen Kopf! Schickt den Track nach und nach an Labels und nicht an alle zur gleichen Zeit. Natürlich wäre es Wahnsinn, wenn plötzlich alle Labels zusagen, die ihr bemustert habt. Dann hättet ihr quasi ein Luxusproblem. Aber bedenkt: nur ein Label kann die Tracks am Ende veröffentlichen und das entscheidet ihr. Gleichzeitig kann das aber auch viele Türen verschließen, nämlich wenn man sich bei den Anderen verpokert hat.

Qualität schlägt immer die Quantität

Habt ihr eure Demo verschickt? Cool, dann viel Glück! Natürlich sind wir alle von Natur aus ungeduldig und wollen ein schnelles Feedback, aber bedenkt, dass das Label eurer Träume täglich Demos im 2- oder gar 3-stelligen Bereich erhält und natürlich nicht unbedingt auf eure Demo gewartet hat. Jeder A&R (=“Artists and Repertoire“) braucht seine Zeit, entscheidet in der Regel auch nicht alleine sondern im Team. Gebt eurer Demo also Zeit. Und damit meine ich nicht Minuten oder Stunden. Kurz später ein ungeduldiges „?????“ hinterher zu senden ist der größte Garant für gar keine Antwort. Viele Labels haben aufgrund der Vielzahl der Demos schlichtweg auch gar keine Zeit, um jedem zu antworten. Absagen zu verschicken impliziert meist sogar noch das Risiko mit dem Künstler in eine Diskussion verwickelt zu werden, die noch mehr Zeit und Nerven in Anspruch nimmt. Um sicher zu gehen, dass das Label eure Demo gehört hat, prüft die Zugriffsstatistik eures Hosts bzw. sofern ihr es über SoundCloud verschickt habt, könnt ihr unter den Statistiken nachvollziehen, wer wann den Track angehört hat. Bekommt ihr dann keine Rückmeldung, habt ihr auch eure Antwort. Dann passt der Track schlichtweg nicht zum Label.

Beständigkeit festigt das Talent und Qualität schlägt immer die Quantität, auch wenn gut Ding Weile braucht. Nur wer konzentriert und kontinuierlich an seiner eigenen Karriere arbeitet, wird davon auf lange Sicht die Früchte tragen. Diejenigen, die in einer schwierigen Phase trotzdem den Kopf oben behalten und fleißig sind, werden davon profitieren wenn die Kurve wieder nach oben zeigt.

Und, liebe DJs: Die Booking-Agentur wechseln wenn es mal nicht läuft? Das ist doch totaler Quatsch, denn: tauschst du deine Freundin nach jedem Streit etwa auch aus? Natürlich nicht. Fehler sucht man immer zuerst bei sich selbst, wenn man selbstkritisch genug ist und hinterfragt: „Mache ich genug für die Szene?“, „Wo bringe ich mich wie ein?“, „Sind meine Musik und die Labels auf denen ich veröffentliche gut genug?“, „Gefallen den Leuten meine Sets?“ Jeder, der schon ein paar Jahre dabei ist, kann realistisch einschätzen, ob er der Kuchen oder nur ein Krümel davon ist.

Enttäuschungen wie eine Absage von einem Label können weh tun, gerade wenn man viel Zeit und Herz in das Projekt gesteckt hat. Aber solche Rückschläge machen einen stärker, nämlich wenn man stetig daran arbeitet, besser zu werden. Hits kann man sowieso nicht programmieren. Es passiert. Oder es passiert nicht. Meistens passiert es nicht. Also bleibt nichts anderes übrig, als fleißig zu sein und niemals das Ziel aus den Augen zu verlieren. Seit über 15 Jahren ist das mein täglicher Vorsatz, wenn ich ins Studio gehe: „Mach bessere Musik als gestern!“.

Und damit setze ich mich jetzt auch wieder an die Geräte. Ich drücke euch die Daumen!

Die Kolumne von Marc DePulse.