Social Media my ass – die Kolumne von Marc DePulse


Es gibt seit ein paar Jahren Berufe, die selbst meine Eltern nach mehrmaligem Erklären nicht verstehen. Social-Media-Manager zum Beispiel. Also Leute, die Seminare und Kurse besucht oder gar Diplomarbeiten darüber geschrieben haben, wie man Facebook und Co richtig handhabt. Verrückte digitale Welt.

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Grafik: Daniel Gläser (ZOVV)

Und sie trifft auch jeden Musiker. Denn wer kennt es nicht? Man denkt, man postet die Weltneuheit auf Facebook und keinen Menschen interessiert es. Die Stimmung ist bereits im Keller, wenn man nach 10 Minuten immer noch keine Reichweite, geschweige denn Gefällt-mir-Angabe auf seinen Beitrag bekommen hat. Organische Reichweite funktioniert im Grunde wie ein Schneeballsystem: liken, teilen oder kommentieren es viele Personen, vervielfacht sich die Reichweite.

So gibt es z. B. die „90-9-1-Regel“ von Jakob Nielsen. Schon einmal gehört? Nein? Ich bis vor kurzem auch nicht. Aber sie erklärt sich von selbst und jeder, der eine Seite auf Facebook betreibt, kennt den Spaß. Postet man ein Bild, was viel Aufmerksamkeit erzeugt (Miau), bekommt man viele Likes. Postet man einfach seine neue Single mit einem Beatport- oder SoundCloud-Link darunter, interessiert das – richtig – kaum eine Mieze. 90 Leute lesen deinen Beitrag, 9 liken ihn, einer kommentiert. 90-9-1.

In der heutigen Scroll-Gesellschaft gewinnt der Beitrag, der die höchste Aufmerksamkeit erzeugt

Als Musiker ist man in den Augen des Gesichtsbuch-Konzerns keine reale Person sondern Unternehmer. Die Fans sind die Kunden und Käufer. Und um diese möglichst zahlreich zu erreichen, muss man für Werbung hin und wieder in die Geldbörse greifen. Nur wer hat darauf schon Lust? Der Kerngedanke unserer Musikszene zeigt der Kommerzialisierung die kalte Schulter und für Musiker ist Social Media sowieso ein Klotz am Bein. Sollen sich doch andere darum kümmern. Man selbst möchte sich lieber den lieben langen Tag im Studio einschließen.

Aber es ist wichtig geworden. Man kommt also nicht umhin, sich mit der Thematik zu beschäftigen und dabei ein paar Dinge zu beachten. Generell gilt: Schuster bleib bei deinen Leisten. Als Musiker sollte man auf seiner Seite also nicht sein Privatleben auswerten oder über den letzten Bundesliga-Spieltag debattieren. 


Qualitativ hochwertiger Inhalt schlägt die breite Masse. Heißt: lieber ein starkes Posting statt drei langweilige. Schreibt nicht zu viel, denn die User sind grundsätzlich lese-faul. Postet keine simplen Verkaufslinks, sondern nehmt eure Fans dafür an die Hand, damit sie zum Anhören bzw. Kaufen angeregt werden. Dazu ist wichtig zu wissen: Fotos sind stärker als Links und Facebook-eigene Videos erzielen mehr Reichweite als Verweise zu Dritt-Seiten. Findet einen Umgangston und behaltet diesen bei. Beleidigt niemanden, lasst euch in keine unnützen Diskussionen verwickeln und bleibt vor allem authentisch. Der Ruf nach mehr Likes und Kommentaren lässt euch auf jeden Fall nicht cool dastehen. Hashtags sind lustig, können aber auch nerven. Das sollte man eher gezielt einsetzen. „#tbt“ zum Beispiel, um auf vergangene Tage zurückzublicken. 

Der Zeitpunkt ist wichtig: Sonntag morgens 10 Uhr stellt man nicht gerade seine neue Single vor, denn da liegt der Großteil der Szene im Bett oder ist noch auf der Afterhour. Nach meiner Erfahrung sind Dienstag, Mittwoch und Donnerstag gute Tage, um neue Releases zu bewerben. In jedem Fall sollte man immer von sich selbst ausgehen: „Wann höre ich neue Musik?“ oder „Wann schone ich meine Ohren und lese lieber nur ein wenig?“. 

In der heutigen Scroll-Gesellschaft gewinnt der Beitrag, der die höchste Aufmerksamkeit erzeugt. Ein unmotiviertes Foto von der Crowd, was du auf dem Weg vom Pult zum Klo geschossen hast, gehört nicht dazu. Ebenso wenig sich ständig wiederholende Bilder von dir im Studio, oder deiner Plattensammlung, wenn du kurz vor dem Wochenende nochmal deine Setlist checkst.

Man muss sich für all dies nicht neu erfinden, sondern sich lediglich selbst hinterfragen, bei welchem Post man sich unterhalten fühlt und bei welchem gelangweilt. Wenn man daraus eine gesunde Mitte findet, ist der ganze Social-Media-Kram ein lustiger Zeitvertreib für nebenbei. Auch wenn er nervt.

Die Kolumne von Marc DePulse.