Eine Hand bucht die andere – die Kolumne von Marc DePulse


Eine Hand bucht die Andere

Gute Arbeit macht sich auf lange Sicht bezahlt, denn Qualität setzt sich bekanntlich immer durch. Das Resultat daraus ist Anerkennung und eine stetig wachsende Fan-Base. Doch nichts ist für einen DJ so wertvoll wie eingehende Booking-Anfragen. Es ist der Nährboden der Existenz, die ultimative Wertschätzung für das eigene Schaffen. Natürlich pusht es das Ego. Die Augen leuchten, als würde Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen und der graue, ach so verregnete Herbst-Tag erscheint plötzlich wie ein Strandurlaub im Hochsommer: Juhu, was für eine Ehre! Meine Kunst ist gefragt! Der Tag ist gerettet, das Dauergrinsen ersetzt 500 Solarzellen und der Nieselregen draußen ist in Wahrheit Glitzer und Feenstaub.

Doch der Moment des inneren Frohlocken hält nur solange an, bis man den Deal dahinter erfährt: „Wir würden dich gerne einmal buchen – wenn du uns auch buchst!“ Ein Satz, der vielen DJs direkt die Zornesröte ins Gesicht treibt. Im Ohr ertönt der imaginäre „Zonk“-Sound. Der absolute Stimmungskiller. Von der wertschätzenden Anfrage runter gebrochen auf die eigennützigen Konditionen eines Austausch-Bookings. Überspitzt: Wir finden dich cool. Aber nur, wenn du uns auch cool findest.

Ich wasche deine Hand nur, wenn du meine auch wäschst

Das klassische Austauschverfahren hat die DJ-Branche natürlich nicht exklusiv. Doch Erfahrungen wie diese kennt jeder, der seine Karriere als Plattendreher einst startete. Jeder heute auch noch so große Act war früher mal ein kleines Licht, hat für Taxigeld die ganze Nacht vor 20 Leuten aufgelegt, nur damit man mal spielen und sich beweisen kann. Dafür hat man den Veranstalter dann auch mal auf seine Party eingeladen und so durfte jeder mal im Wohnzimmer des Anderen fetzen.

Natürlich kann man sich dieses hin und her schön reden, ist es doch gewissermaßen die egoistische Flucht nach vorn, gemäß des Prinzips: Ich wasche deine Hand nur, wenn du meine auch wäschst. Aber auch wenn man dieses gegenseitige Befruchten als inzestuös abtut, dient es ganz nüchtern betrachtet dem gegenseitigen Support zweier vielleicht noch unbekannter Acts, was natürlich auch viele Vorteile mit sich bringt. Vieles geht miteinander einfach leichter, als wenn man ganz alleine mit dem Kopf durch die Wand will. Ein eigenes Netzwerk entsteht genau so, auch wenn die eigene Passion hier als Mittel zum Zweck mutiert. Klar, bevor man gar nicht spielt, lässt man sich lieber auf ein paar Experimente ein. Mitunter ist das sogar die einzige Möglichkeit, einmal das DJ-Leben der Großen selbst zu erleben, indem man tourt, andere Städte und Clubs kennenlernt bzw. auch mal andere Bassboxen als die eigenen zerschießt.

Überregionaler Austausch ist dank www ein Kinderspiel geworden und so kommt es, dass sich der Tour-Kalender mancher no-names voller und internationaler liest, als der von gestandenen Künstlern. Was aber unter dem Strich auch das Ergebnis von langjähriger Arbeit ist, denn auch den Status eines erfolgreichen Promoters muss man sich erst einmal erarbeiten, um für Austausche im großen Stil überhaupt in Frage zu kommen.

Dennoch hat der schönste Hype nur Bestand, wenn man ihn permanent füttert. Erfolg ist nicht nur eine nette Grafik mit zehn Dates im Monat. Erfolg ist die jahrelange Beständigkeit dessen. Verbunden mit der Fähigkeit, in diesem Austausch-Strudel nicht zu versinken, sondern rechtzeitig den Absprung zu schaffen, den nächsten Schritt zu gehen. Es gilt eigene Begehrlichkeiten zu wecken, denn durch gegenseitige Gefälligkeiten ist noch kein (DJ-)Stern vom Himmel gefallen. Das Sprungbrett ist das nun eigens erbaute Netzwerk. Wenn die ganze Austausch-Geschichte also einen Nutzen hat, dann diesen. Unterm Strich zählt die Marke, die man aus sich und seinem Talent gemacht hat. Ist man ein angesagter DJ? Dann wird man sich auf Dauer durchsetzen, wenn der Output ebenso stark ist und man nicht so schnell die Flinte ins Korn wirft.

Die Kolumne von Marc DePulse.