Trendfarbe Schwarz: die Style-Akrobaten der Neuzeit – die Kolumne von Marc DePulse


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Grafik: Daniel Gläser (ZOVV)

Als ich letztens nach Ewigkeiten mal wieder die Charts durch gehört habe, fielen mir beinahe die Dritten in die Kaffeetasse. Es ist erstaunlich, wie viele einst gefeierte Künstler auf den Techno-Zug aufgesprungen sind. Anders gesagt: Es ist amüsant, wie viele Lemminge doch immer wieder der Masse folgen, nur um im Geschäft zu bleiben.

Trends zu folgen ist ein Königreich für Pantoffelhelden. Früher so: Liebe, Wonderland, Schmuse-Musik. Heute: faster, harder, Knall-Bonbon. Einfach mitlaufen, wenn man keinen eigenen Stil hat. Funktioniert halt. Lässt sich auch gut verkaufen, wirkt aber leider null authentisch, so sehr man sich auch bemüht.

„Wenn die Bookings wegbrechen, weil der Sound immer langsamer wurde und die Kids gemerkt haben, dass Keta Nierensteine macht, dann wird jetzt halt wieder marschiert.“ (Danke, Tim / Mauerpfeiffer/Saarbrücken). Ergo: Wenn die Herzschmerz-Sounds den Kalender nicht mehr füllen, spielt man halt das, was alle hören wollen. Hauptsache man wird gebucht, denn hip ist bekanntlich, was Hype ist.

Ändert man auch seinen kompletten Stil zugunsten des Trends?

Jetzt, wo der Edit-Wahn schon einen ganz langen Bart hat schnell noch die Nase nach dem Wind richten, bevor man den Absprung gar nicht mehr schafft. Also heimlich, still und leise das Glitzerkostüm im Garten vergraben, während der Jahrhundert-Vorrat an Konfetti bereits im Kamin knistert. Der 180 Grad Style-Wechsel wird schon kaum auffallen und die Fans von damals werden sich bestimmt schnell an den neuen Sound gewöhnen. Mode ändert sich ja auch mit der Zeit.

Schwarz ist das neue bunt, daher gibt es alle Fotos ab sofort nur noch in s/w und ohne Lächeln, denn Techno ist ja schließlich kein Kindergeburtstag. Also zack, das social media Portfolio der Neuzeit anpassen, denn wer will schon ein ewig Gestriger sein? Der Trend ist ja bekanntlich dein Friend, denn „in“ ist nur, wer drin ist. Ein Ghost-Producer ist schnell gefunden, denn der wöchentliche Reisestress soll ja kompensiert werden. Zeit ist Geld. Also stellen wir die Uhren ganz schnell auf dunkel. Düster wie deine neue Seele, so willst du sein. Mysteriös und trotzdem seriös. Hauptsache Pseudo-erwachsen, bloß kein Klatschpappen-Raver mehr. Natürlich war schwarz schon immer deine Lieblingsfarbe und Acid hattest du schon in der Muttermilch. Deswegen hörst du auch schon dein Leben lang Techno, klar.

Wer heute schon über Dekaden im Geschäft ist, weiß, dass man seinen Output immer mal feinjustieren darf, um am Puls der Zeit zu bleiben. Natürlich ändert sich auch ein Musikgeschmack über die Jahre, genauso wie sich Lebensumstände ändern. Aber ändert man auch seinen kompletten Stil zugunsten des Trends? Natürlich nicht, denn man möchte als Künstler ja schließlich für etwas stehen und sich möglichst wenig von außen beeinflussen lassen. Man bleibt nur authentisch, wenn man sein Ding konsequent durchzieht, seine Handschrift behält und nicht blind der Masse folgt. Der beste Handballer spielt auch nicht plötzlich Fußball, weil er dadurch mehr Aufmerksamkeit und Geld bekommt.

Das Leben ist voller Veränderungen, denn sie halten einen frisch zwischen den Ohren. Und das ist gut so. Freilich ist es keine Kritik an Farbe, Form oder Geschmack, lediglich an der Flexibilität manch sogenannter Künstler. Es trennt die sprichwörtliche Spreu vom Weizen und verpasst den Mitläufern ihren Stempel. Techno wird jedoch immer Techno bleiben und niemals plumper Mainstream-Mist.

Man darf gespannt sein, welcher Trend als nächstes folgt. Vielleicht kommen die 90er bald wieder? Also vorsichtshalber schon mal ab ins Fitti, Bauchfrei ist dann wieder angesagt. Und gleich noch ein paar Klamotten in Neon ordern, bevor es bald wieder jeder macht. Ich sehe Clubs voller Lava-Lampen, Gameboys und Kassetten als Deko. „Boom, Boom, Boom, Boom!“ Juhu, das Vengaboys-Revival steht quasi schon vor der Tür. Dann kann ich endlich wieder in Jogginghose und Vokuhila-Frise auflegen.

Die Kolumne von Marc DePulse.