DJ T. (Get Physical): “Ich genieße meine Freiheit als Künstler”


Unsere Freunde vom Romy S. aus Stuttgart haben uns ein Interview mit Thomas Koch aka DJ T., geboren im Jahr 1969, zu Verfügung gestellt. Darin spricht der aus Düsseldorf stammende DJ, Produzent, Veranstalter, Clubbetreiber, ehemaliger Labelmanager von Get Physical, Verleger und Journalist wie er zur elektronischen Musik gekommen ist, über sein neues Album „The Pleasure Principle“ und warum er bei der Groove sowie Get Physical ausgestiegen ist und weshalb er nun seine Freiheit als Künstler genießt.

PS: Am Samstag, den 6. August 2011, legt DJ T. im Romy S. auf! Wir verlosen noch 2*2 Tickets für diesen Abend. Der Artikel geht am 1. August online. Also Augen offen halten!

Wie und wann bist du zur elektronischen Musik gekommen? Gab es ein bestimmtes Ereignis?

DJ T.: Bevor es die nach heutigem Verständnis sogenannte elektronische Musik überhaupt gab, hatte ich bereits ein paar Jahre als DJ und Vinylsammler hinter mir, hauptsächlich im Black Music- und Gemischtwaren-Dance-Bereich. Meine Initiationserlebnisse zu elektronischer Tanzmusik , also zu Acid House, EBM usw., hatte ich 1988 in den ersten Monaten nach Eröffnung des Omen Clubs bei Sven Väth und bei DJ Dag im Dorian Gray.

Im März erschien dein drittes Album „The Pleasure Principle“ auf Get Physical Music. Was erwartet die Zuhörer auf dem Album?

DJ T.: Ich muss sagen, dass es mir selber schwerfällt die Musik dieses Albums zu kategorisieren. Vor der Produktion wusste ich eigentlich nur eins: Ich wollte zum ersten Mal mit richtigen Sängern arbeiten und eher Songarrangement im klassischen Sinn machen anstatt wie zuvor immer alles der Funktionalität meiner Sets unterzuordnen. Wenn ich also überhaupt konzeptionell an die Produktion herangegangen bin, dann eigentlich nur in dem Sinne, dass ich versucht habe, den DJ-Kopf weitestgehend auszuschalten und aus einer eher emotionalen Warte heraus mit den Vocals zu arbeiten, die uns die Sänger geliefert haben. Als Stimmung zieht sich Disco durch das Album, aber die Struktur ist kein Disco, am ehesten ist es Deep House – mit Sprengeln von Dub, R&B und Pop.

Wenn Du Deine Platten produzierst, welche Hard- und Software benutzt Du dann?

DJ T.: Ich habe ja keine eigene Gear und kein eigenes Studio, sondern arbeite seit jeher mit wechselnden Produzenten zusammen. Die Wahl für das dritte, das aktuelle Album fiel aus mehreren Gründen auf meinen Label-Kollegen Stefan Eichinger aka Lopazz. Zum einen war es für uns lange überfällig, einmal auszutesten wie unsere Chemie im Studio funktionieren würde, zum anderen wollte ich bewusst jemanden, der für eher warmen, analogen Sound steht und hardware-orientiert arbeitet. Außerdem ist Disco auch immer eine wichtige Koordinate in der Musik von Stefan gewesen und mit komplexen Vocalspuren hat er auch nicht zum ersten Mal gearbeitet.

Du bist einer der Mitbegründer des international erfolgreichen Labels „Get Physical Music“ und bist vor kurzem ausgestiegen. Gab es dafür einen Grund?

DJ T.: Dafür gab es eine ganze Reihe von Gründen, die in der Summe diesen lange überfälligen Schritt so dringlich machten, dass ich ihn Ende letzten Jahres endlich ohne jegliche Zweifel oder Skrupel vollziehen konnte. Das war eine wichtige Zäsur in meinem Leben, denn seit meinem 19ten Lebensjahr hatte ich immer Verantwortung für irgendwelche Firmen und großen Projekte getragen. Damit ist jetzt erst Mal Schluss. Ich genieße meine Freiheit als Künstler ungemein. Und ich kann zum ersten Mal in meiner fast 25-jährigen DJ Karriere ausprobieren, zu welchem Grad der Meisterschaft ich dieses Handwerk womöglich noch bringen kann, wenn ich mich ganz darauf konzentriere.

1989 hast du das Musikmagazin Groove gegründet. Das war sicher eine spannende Zeit. Erzähl doch mal etwas davon. War früher alles besser?

DJ T.: Früher war alles ganz anders. Darüber könnte ich Bücher schreiben. Wüsste jetzt nicht, wo ich anfangen sollte. Nur so viel: Ich habe die goldenen Zeiten des Magazinbusiness  und insbesondere der popkulturellen Special Interest Magazine erlebt, zu denen das Groove Magazin ja auch gehört. Ich habe die technische Revolution im Bereich Desktop Publishing und Grafik Design erlebt. Und ich habe gleichzeitig die Entwicklung der letzten großen Sub- und Jugendkultur erlebt und mitgestaltet, die die westliche Welt gesehen hat. Seitdem kam nichts vergleichbares mehr und ich glaube es wird auch nichts mehr kommen. Das empfinde ich als Privileg. Allein dafür, da dabei und mittendrin gewesen zu sein, hat es sich schon gelohnt zu leben.

Auch bei der Groove bist du dann irgendwann ausgestiegen. Es scheint so, als würdest du deinen Babys das Laufen beibringen und wenn sie erwachsen sind, kümmerst du dich um das nächste Kind. Bist du immer auf der Suche nach etwas Neuem oder wird es dir schnell langweilig?

DJ T.: Haha. Das wäre eine oberflächliche Interpretation. Genau das Gegenteil ist der Fall. Das Groove Magazin habe ich fünfzehn Jahre lang gemacht, das Label acht und den Monza Club in Frankfurt fünf Jahre lang. Von „schnell“ kann da also schon Mal keine Rede sein. Und es ging bei meinen Beweggründen auch um alles andere als Langeweile. Eher um ausufernde Leidenschaft und darum, dass ich tendenziell immer auf einer Hochzeit zu viel getanzt habe und mein Privatleben zu sehr darunter gelitten hat. Das ist jetzt Vergangenheit.

Für viele Musiker fängt der Tag erst am Nachmittag an. Wie ist das bei dir? Wie sieht ein Tag von Thomas Koch aus?

DJ T.: Meine Arbeitstage fangen immer zwischen 10:00 und 11:00 Uhr an. Und dauern durchschnittlich acht Stunden, die sich auf die gesamten 14 bis 15 Stunden danach verteilen. Alles läuft deutlich entspannter und weniger gehetzt ab als noch vor kurzem. In den letzten 2 bis 3 Jahren hat sich vor allem das DJ Handwerk fundamental verändert. Mit den ganzen neuen Anforderungen kann man das ohne Problem auch unter der Woche als Fulltime-Job betreiben.

Eine ausgedehnte Festival Saison steht uns bevor oder besser gesagt, wir sind mitten drin. Was magst du mehr, Club oder Festival? Gibt es dafür einen Grund? Auf welchen Festivals wirst du dieses Jahr spielen?

DJ T.: Ganz klar Clubs. Kein Festival der Welt kann mir so viel geben wie eine rundum gelungene Clubnacht. Das gilt genauso für die Nächte, in denen ich selber als Gast unterwegs bin. Heute Morgen war ich bis 8h morgens beim Geburtstag vom Robert Johnson Club und habe stundenlang zum Back2Back-Set von Prinz Thomas und Gerd Janson getanzt. Die Magie, die sich dort über die Dauer der Nacht langsam aufgebaut hat, konnte sich nur im Zusammenspiel der Crowd, dieses Raumes, der Anlage und der Musik entfalten. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass es eine natürliche Grenze hinsichtlich der Größe der Venues und der Crowd gibt, unterhalb derer sich diese Sorte Magie überhaupt nur entfalten kann. Bei allem über 500 bis 600 Leuten wird das schwierig.

Es werden immer mehr Festivals. Teilweise sind an einem Weekend 3 bis 4 Stück. Es wird alles immer größer. Ist das ein guter Trend? Wird es noch größer werden? Schadet dieser Trend nicht der Clublandschaft, weil die Leute nur noch auf die Festivals rennen?

DJ T.: Ehrlich gesagt, habe ich von diesem Trend überhaupt nichts mitbekommen. Das gilt wohl dann eher für alles was ab und südlich von Frankfurt passiert, da bin ich nicht mehr so gut informiert wie früher. Für den Norden gilt das weniger. Und global gesehen, muss man sagen, dass Club- und Eventkultur und damit auch die Größe von Events eher degressiv ist. Selbst in Berlin gibt es keine Festivals im klassischen Sinne, dafür aber jedes Wochenende unzählige, zum Teil illegale Open Airs: Ich bin um jeden Event froh, den es gibt und ich glaube, dass sich Festival- und Clubkultur eher gegenseitig befruchten als schaden können.

Was steht als nächstes bei dir an? Releases, Remixe und Pläne in naher Zukunft?

DJ T.: Als nächstes kommt die dritte Single aus dem Album mit Remixen von Maya Jane Coles, Maceo Lex und einem eigenen Clubmix. Gerade dieser Tage auf Get Physical erschienen ist die erste Kompilation zu Heidi’s Eventserie Jackathon. Dazu habe ich auch einen Track beigesteuert. Auf Compost Records erscheint demnächst seit langem wieder einmal ein Remix von mir, mit Vocals von Mr. White – auf den ich mich sehr freue, weil ich glaube, dass es mein bisher bester ist. Ende des Jahres releasen wir eine komplette zweite Remix Edition des Albums, mit einer Reihe von weiteren Clubmixen, Remixen und den Acappellas einiger der Vocal-Tracks. Die Welttour zum neuen Album läuft bereits Seite Ende März, ab September bin ich dann wieder 3 bis 4 Monate am Stück in Übersee unterwegs.

Du kommst im August wieder nach Stuttgart und spielst in der Romy S. Was verbindest du mit Stuttgart?

DJ T.: Ich war nie so hochfrequent in Stuttgart, dass ich zu der Stadt und ihren Leuten so einen starken Bezug hätte aufbauen können, wie ich ihn schon lange zu Frankfurt, Berlin, München oder mittlerweile auch zu Hamburg habe. Ich hatte in den letzten Jahren das Gefühl, dass in Stuttgart noch die Reste einer ursprünglichen und authentischen Feierkultur zu finden sind, wie es sie in Deutschland, vor allem im Süden, einmal in den 90ern gab, mittlerweile aber an den meisten Orten ausgestorben ist. Das finde ich ziemlich sympathisch.

Hast du eine Message für unsere Leser?

DJ T.: Macht was von Herzen kommt.