David August (Diynamic Music): „Wenn ich an bestimmten Orten bin, stelle ich mir immer die passende Filmmusik dazu vor“


Der gebürtige Hamburger David August ist zur Zeit wieder international in den Clubs unterwegs. Nach Tracks wie „Moving Day“ und „Hamburg Is For Lovers“ kommt nun am 8. April 2013 sein Dabütalbum „Times“ auf dem Label Diynamic Music raus. Mit dem langsamen und melancholischen Stil zeigt sich der 22-jährige Produzent gewollt und gekonnt von einer neuen Seite. Im Interview mit trndmusik verrät er, wieso das Album so geworden ist, wie es ist.

trndmusik: David, die Veröffentlichung deines Albums war ursprünglich für 2012 geplant. Warum gab es eine Verzögerung?

David August: Wir hatten die Veröffentlichung für Ende 2012 geplant. Allerdings war es noch nicht fertig und ich war noch nicht richtig zufrieden. Ich habe den Fehler gemacht, dem Label erst ziemlich spät etwas zu schicken. Ich war die ganze Zeit in meiner eigenen Blase und wollte das Label mit dem fertigen Album überraschen. Frei nach dem Motto: „Zack, fertig!“. Nach neun Tracks dachte ich dann, dass ich nicht mehr den nötigen Abstand zu den Aufnahmen habe und dringend ein Feedback brauche. Dieses kam dann im September und war so konstruktiv, dass mir klar wurde, dass da noch viel mehr rauszuholen ist, als ich dachte. Dann habe ich mich nochmal rangesetzt, wodurch die Veröffentlichung immer wieder verschoben wurde.

Anfang Dezember haben wir uns dann getroffen. 14 Tracks waren zu dem Zeitpunkt eigentlich auch schon fertig. Dann meinten Mladen (Anmerkung der Redaktion: Solomun) und Adriano, mein Booker, dass das Album schon gut sei, jedoch noch ein bis zwei Tracks dabei sein könnten, die bezüglich des Niveaus im oberen Drittel angesiedelt sind. Sie fragten, was ich davon hielte, mir noch mal ein bis zwei Wochen Zeit zu nehmen und ohne Druck zu versuchen, noch was zu produzieren. Hätte das nicht geklappt, wäre das ihrer Meinung nach auch ok gewesen, weil die Aufnahmen schon gut genug waren. Das habe ich anschließend gemacht und es sind tatsächlich noch zwei Tracks entstanden, die dann zwei andere ersetzt haben. Rückblickend war das auf jeden Fall eine gute Entscheidung. Es gab dann noch eine Verzögerung, weil die Grafiken für das Album noch nicht fertig waren. Um dann genug Vorlauf für das Album zu haben, wurde der 8. April 2013 als Veröffentlichungsdatum angesetzt.

trndmusik: Hast Du während des Schreibens und der Produktion kreative Pausen eingelegt?

David August: Ich habe das Album zu Hause mit Logic aufgenommen und dementsprechend viel Zeit in meinem Zimmer verbracht. Eine Freundin riet mir dann dazu, mein viel zu warmes, verqualmtes und unaufgeräumtes Zimmer zu verlassen und einfach mal raus zu gehen. Gesagt, getan. Ich bin einfach nur rausgegangen und habe außer Laufen nichts gemacht. Dadurch habe ich dann wieder einen klaren Kopf bekommen.

trndmusik: Dein Album klingt als würde dahinter ein Konzept stehen, als hättest Du es in einem Zug produziert. Die Nachproduktion zweier Tracks merkt man dem Album nicht an.

David August: Als ich die Idee hatte ein Album zu machen, hatte ich zwar schon eine gewisse Vision, in welche Richtung es gehen sollte, aber ich habe mich nicht rangesetzt und gewusst: Dieser Track wird an vierter Stelle stehen und der wiederum an Nummer sechs. Ich habe versucht, alle Inspirationen in den Tracks unterzubringen und mir dann eine Anordnung überlegt, die flüssig ist. Gut, bei Track Nummer eins wusste ich, dass er das Intro sein sollte. Das gilt auch für den letzten Track. Im Projekt hieß er „Last Track“. Und ich habe die beiden Zwischenspiele, Consolation I und II, als eben solche konzipiert. Ich wollte zwei Pausen haben, wo es kurze Brüche gibt.

trndmusik: Das Album ist verglichen mit deinen vorherigen Releases, sehr langsam. Der schnellste Track liegt bei 116 BPM.

David August: Ich mag es zwar auch langsamer, aber ich habe vor allem das Gefühl, dass man im Gegensatz zu schnelleren Tempi, durch das Drosseln des Tempos mehr Platz und Zeit hat, um Musikalität zu zeigen. Das hat für meine Musik in dem Moment eben sehr gut gepasst.

trndmusik: Außerdem fällt die durchgehend melancholische Stimmung auf.

David August: Melancholie ist auf jeden Fall ein zentraler Bestandteil des Albums. Ich habe mit dem Album verschiedene Sachen verarbeitet. Das Album ist ziemlich persönlich. Es gibt aber trotzdem gute, nicht-melancholische Momente auf dem Album. Vor allem gibt es einen Schlüsselmoment im letzten Track, mit dem ich zum Ausdruck bringe, dass alles wieder cool ist. Das ist vielleicht ein Sache, die man beim ersten Hören nicht sofort bemerkt, aber es ist das zweite und letzte Mal auf dem Album, wo Dur als Moll vorkommt.

Das ist auf dem letzten Akkord des letzten Tracks. Ich bringe die Leute durch diese ganze melancholische Stimmung, – das ist irgendwie so meine Nerd-Interpretation – aber sage dann am Ende: „Es ist doch alles in Ordnung.“ Ob das jetzt jeder hört, weiß ich nicht. Es ist auch total dezent gemacht. Ich wollte jedenfalls nicht von einer Brücke springen oder so.

trndmusik: Erwartest Du in den Kritiken Vergleiche zu Nicolas Jaar? Würden Dich diese Vergleiche stören?

David August: Wenn ich zehn Jahre älter wäre, würde es diese Vergleiche wohl nicht geben, glaube ich. Er ist, soweit ich weiß, ein Jahr älter als ich. Wir haben bestimmt Gemeinsamkeiten. Ich kann die Vergleiche daher zwar schon nachvollziehen, aber wenn man sich sein und mein Album anhört, finden sich schon deutliche Unterschiede. Vergleichbar ist die gewisse Melancholie, die er auch hat. Gleiches gilt für das Tempo.

trndmusik: Konkret zum Produktionsprozess: Was hast Du selbst eingespielt, wo hast Du Samples benutzt und wo hattest Du Unterstützung?

David August: Ich habe mit Samples gearbeitet. Viele Drums und Percussions habe ich selbst aufgenommen.  Ebenso das Klavier, die Gitarren und die Bässe. Die Klarinette in Hommage ist von einem Kommilitonen von mir eingespielt worden. Der Track war zwar prinzipiell fertig, jedoch war noch Platz für ein weiteres Instrument. Ich habe ihm ein grobe Richtung gegeben, wo es melodisch hingehen könnte. Er hat dann einfach improvisiert. Die männlichen Stimmen habe ich selber eingesungen. Bei zwei Tracks, „Phenomena“ und „Voices From The Dust“, hat ein anderer Kommilitone von mir ein paar Drums mit reingebracht.

Einige Instrumente, die echt klingen, sind keine echten, sondern Instrument-Simulationen vom Computer. Ich habe versucht, sie so zu verarbeiten, dass sie echt klingen. Ein Beispiel dafür sind zum Beispiel die chinesischen Zither Gitarren. Generell ging es mir um die Mischung, beziehungsweise die Vereinigung, von elektronischen und akustischen Elementen. Denn wir leben mittlerweile in einem Zeitalter, in dem wir die komplette Palette der Musik zur Verfügung haben. Wir sind überladen von elektronischer Musik, die im Radio läuft, weil mittlerweile jeder die Mittel dazu hat. Zugleich haben wir aber auch die komplette Musikgeschichte aus dem Barock, aus der Klassik und aus der Romantik. In diesen Epochen wurden andere Musikinstrumente verwendet und elektronische Musik kam noch gar nicht zu Stande. Beides miteinander zu verbinden, sich also an der ganzen Palette zu bedienen, finde ich interessant.

trndmusik: Hat Dir Dein Studium bei der Produktion geholfen?

David August: Ja, es hilft. Aber auch andersrum. Das Produzieren im jungen Alter hat mir geholfen, im tontechnischen Bereich ein gutes Maß an Vorwissen zu erlangen. Wie zum Beispiel Geschichten wie das Abmischen von einem Song oder mit Plug-Ins zu arbeiten. Der erste Kontakt damit kam durch elektronische Musik. Eine Hand wäscht in diesem Fall die andere.

trndmusik: Was beeinflusst und inspiriert Dich, wenn Du Musik schreibst und produzierst?

David August: Alles. Wetter, Orte und Menschen, die ich treffe. Musik natürlich auch. Wenn ich an bestimmten Orten bin, stelle ich mir immer die passende Filmmusik dazu vor. Das variiert natürlich. Je nachdem wo ich bin.

trndmusik: Interessant, dass Du das erwähnst. Dein Album klingt wie ein Soundtrack zu einem Film. Ähnlich wie Kavinskys „Nightcall“ in „Drive“.

David August: Geiler Track.

trndmusik: Du hast das Album bisher ausschließlich live präsentiert. Wie kann man sich das vorstellen?

David August: Ich spiele live nicht das komplette Album, sondern nur Auszüge. Von den zehn Tracks, die ich in etwas mehr als einer Stunde spiele, sind ungefähr vier von dem Album. Zudem spiele noch ein paar Edits und Tracks von mir, die nicht veröffentlicht wurden. Es ist schön eine Party zum Album-Release zu machen, aber im Endeffekt steht das Album für sich. Ich könnte auf Zwang zwar jeden Track aus dem Album auch live präsentieren aber einige Lieder sind einfach nicht für den Club gedacht. Es geht dabei auch um den Flow. Die Tracks sind sehr „Song-basiert“ und man muss live in einem Club versuchen, einen gewissen Fluss herzustellen. Bei solchen Tracks, in denen es dann auf und ab geht, ist das sehr schwierig. Deshalb kann ich nicht so viele Songs aus dem Album spielen. Man kommt dann nicht so gut rein. Ich habe beim ersten Live-Auftritt viel mehr Lieder gespielt als momentan und habe gemerkt, dass ich das einfach drosseln muss. Deswegen besteht das Live-Set teilweise aus ein paar Tools von mir. Zudem aus zwei alten Tracks, um den Leuten auch etwas zu geben wofür sie mich kennen. Ich spiele live mit Ableton, zwei Controllern und einem Keyboard.

trndmusik: Warst Du vor deinem ersten Liveset sehr nervös?

David August: Ja, das war unglaublich. Ich wusste, dass meine erste Party im Ego sein wird. Meine Home-Base sozusagen. Ich habe mir damals gewünscht, dass Mladen auch dabei ist, was er dann auch war. Zudem waren noch Martin Stimming und Adriano dabei. Es waren viele Freunde da. Ich hatte dieses Szenario schon Monate vorher im Kopf und habe fast jeden Tag an diesen verdammten Tag gedacht [lacht]. Für das erste Mal war ich zufrieden mit meinem Auftritt. Es war keine Bombe, aber es war ok. Man ist Monate lang in seiner Blase und überlegt sich Wochen vorher das Live-Set. Ohne Resonanz zu haben. Diese brauchte ich jedoch dringend, um zu wissen, ob es so funktioniert, wie ich mir das vorstelle. Die Resonanz war teilweise gut, teilweise wiederum dachte ich mir, dass es besser hätte laufen können. Da es für mich neues Terrain ist, lerne ich im Sinne von „Work in Progress“ jedes Mal neu dazu. Live-Sets sind eine ganz andere Geschichte als DJ-Sets. Abgesehen davon, dass man bei Live-Auftritten viel mehr zu tun hat. Du kannst nicht so einfach improvisieren wie als DJ und einfach einen Hit auspacken, wenn irgendwas nicht funktioniert. Man ist nur noch auf sein eigenes Material angewiesen. Das ist eine ganz andere Herausforderung, weshalb ich dem Ganzen auch Zeit gebe, um mich zu entwickeln.

trndmusik: Passt das Album noch in den Diynamic-Sound?

David August: Natürlich passt es zu Diynamic. Zwar gehen die letzten Release auf Diynamic in eine andere Richtung als mein Album, aber es war schon immer breit gefächert. Das zweite Album von Stimming „Liquorice “ zum Beispiel ist etwas komplett anderes. Ich wüsste gar nicht auf welches Label das passen würde, weil es Kopfkino pur ist und fast nur aus Grooves und Percussions besteht. Da passieren abgefahrene Sachen. Das Album von DJ Phono ist auch eins, von dem man erst mal denkt, dass es unüblich für Diynamic ist. Es gibt also schon ein paar Releases, die aus der Reihe springen. Aber gerade das ist doch spannend.

trndmusik: Glaubst Du, dass einige Fans von dem Album enttäuscht sein werden, weil es nicht in dem Stil deiner vorherigen Veröffentlichungen ist?

David August: Ich hab die Leute ja darauf vorbereitet, dass es langsamer und anders sein wird. Wenn ich mitbekomme, dass ein Künstler, den ich mag, ein Album herausbringt und erwarte, dass da dann auch mindestens fünf Songs wie in der Vergangenheit drauf sind, dann bin ich erstens nicht tolerant gegenüber dem Künstler. Zweitens ist es langweilig B-Versionen von alten Tracks zu haben. Man sollte irgendwie offener sein. Ich erwarte nicht, dass jeder mein Album gut findet. Aber ich erwarte Verständnis dafür, dass ich in andere Richtungen gehen und mich weiterentwickeln möchte.

Mein Bedürfnis war es, mit dem Album meine musikalische Welt vorzustellen, die sich nicht darauf beschränkt, was es schon gibt, sondern einen weiteren Horizont hat. Wenn das Leute cool finden, freue ich mich. Wenn nicht, habe ich kein Problem damit. Aber ich habe keine Lust ein Album rauszubringen und mich zu verbiegen, um den Leuten zu präsentieren, was sie mögen. Ich versuche ehrliche Musik zu machen.

trndmusik: Gibt es schon Pläne für die Zukunft?

David August: Ich versuche mein Studium und meine Karriere gleichzeitig voranzubringen. Mal gucken, wohin es geht.

trndmusik: Du hast kürzlich in London im Fabric aufgelegt und ihn als einen Deiner Top 5 Clubs bezeichnet.

David August: Die Soundanlage war beeindruckend, besonders auf dem ersten Floor. Das ist ein Raum, in den 800 bis 900 Leute reinpassen und trotz der Räumlichkeit der Sound nicht hallig, sondern furztrocken ist. Eine Martin Audio-Soundanlage, die auf das Fabric personalisiert ist. Das hat mich umgehauen. Vor diesem Club habe ich eine ähnliche Ehrfurcht wie vor dem Berghain. Es hat einen ähnlichen industriellen Touch. Besonders beeindruckt hat mich auch die Organisation. Man ist dort in verdammt guten, professionellen Händen.

trndmusik: Welche vier Clubs befinden sich noch in der Top 5?

David August: Ich kann jetzt kein richtiges Ranking machen. Die Panorama Bar auf jeden Fall. Dann das Warung in Brasilien. Das Ego natürlich [alles lacht]. Das sind die ersten, die mir so einfallen.

Sein am 8. April 2013 erscheinendes Album „Times“ verlosen wir dreimal im Format CD!

Das Interview führten Philipp Kutter und Mareike Köhler.