Till Von Sein (SUOL): „Die geilen Gigs hatte ich in irgendwelchen Clubs mit 250 Leuten, wo sich alle haben gehen lassen“


Ich treffe den sympathischen Wahlberliner Till Von Sein beim diesjährigen Melt! Festival vor seinem zweistündigen Set zum Interview am Sleepless Floor. Es ist ein sonniger Morgen und Till überzeugt mit seiner offenen und direkten Art. Der stark HipHop-beeinflusste DJ, Produzent und Besitzer einer Booking-Agentur spricht mit mir über das Älterwerden, Einheitsbrei, Fachidiotismus, das Tanzen und seine neue Mix-CD, die bald erscheinen wird.

trndmusik: Till, super, dass Du Dir die Zeit noch vor deinem Set hier auf dem Melt! 2013 für mich nimmst. So viele DJs und Produzenten, mit denen ich spreche, kommen ursprünglich aus dem HipHop. Was denkst du, woran das liegt? Hat dir irgendwann HipHop keinen Spaß mehr gemacht?

Till: Nee, ich höre immer noch tierisch viel HipHop, und das wird sich auch nicht so schnell ändern. Ich würde sogar sagen, dass ich mehr HipHop als elektronische Musik höre. Gerade viel beim Reisen oder daheim. Vielleicht ist das Ganze eine Altersfrage. Ich bin Ende der Siebziger geboren und ich glaube, dass alle die zwischen 1975 und 1984 zur Welt kamen, mit der Anfang der 90-HipHop-Welle infiziert wurden. Für die war das ein ganz normaler Werdegang, diese Musik zu leben. HipHip war in der Zeit total samplebasiert, sprich alte Funk/Soulsongs wurden verwurschtelt, um daraus wieder neue Beats zu machen. Dann kam diese House-Welle Ende der 90er. Ich für meinen Teil bin total auf Housemusik abgefahren, weil ich gemerkt habe: „Ey, das sind auch so Soulsamples, der Beat ist ein anderer, aber der ganze Vibe, die Ästhetik ist genau das Gleiche. Ist ein bisschen monotoner und schneller. Obwohl HipHop de facto auch monoton ist.“ Es gibt krasse Parallelen, und es ist easy den Schritt in Richtung elektronischer Musik zu machen. Als ich angefangen habe, aufzulegen, habe ich eigentlich alles aufgelegt. Vielleicht eher so Freestyle, Rap, Soul, Funk, House, sogar Drum’n Bass oder ein- zwei Rocknummern.

trndmusik: Glaubst Du, dass es für einen DJ/Produzenten wichtig ist, dem Publikum eher breit musikalisch etwas anzubieten, oder eine Nische zu bedienen?

Till: Ich finde solche Leute langweilig! Ich finde, nichts ist schlimmer als DJs, bei denen du merkst, dass die ihr ganzes Leben nur Techno oder HipHop gehört haben. Das ganze Leben von denen ist einfach nur darauf basiert, der totale Fachidiot zu sein und so völlig eindimensional denkt. Das ist so die Versicherungsvertreter-Mentalität und das ist gar nicht meins. Wenn ich auf einer Party bin, und ich höre zwei Stunden lang denselben Groove, dann denke ich mir: „Komm jetzt mal aus dem Arsch, Alter!“

trndmusik: Ich hab gesehen, dass Du Dich auch gern hier unter die Leute mischst und nicht nur im Backstage-Bereich bist. Wie wichtig ist Dir der Kontakt mit den Gästen/Fans?

Till: Du, versteh mich nicht falsch – das sind ja auch Freunde, die da oben stehen, aber warum soll ich jetzt die ganze Zeit mit denen da abgammeln, oder da mit meinem Handy stehen und gucken, wer jetzt gerade mein Foto bei Instagram geliked hat? Wenn ich jetzt so vier Stunden Zeit habe wie jetzt, dann gehe ich auch einfach mal tanzen! Ich tanze gerne, wenn ich die Zeit dazu habe.

trndmusik: Du hast bisher auf vielen Labels wie Supplements Facts, Moodmusic, Pets Recordings und Dirt Crew Recordings deine Tracks veröffentlicht. Mit SUOL aus Berlin hast Du aber jetzt deine Familie gefunden.

Till: Bei mir ist es so, um es dezent auszudrücken: Ich habe ein relativ gutes Netzwerk an Leuten um mich herum, bei denen ich mich wohl fühle. Ich habe Leute, mit denen ich Musik mache. Ich finde es wichtig, dass ich nicht auf zu vielen Baustellen auf einmal rumtänzel. Für meinen Solokram mache ich das jetzt mit SOUL, weil ich da die Möglichkeit habe, genau das zu machen, auf was ich Bock habe. Die sind da relativ frei und geben mir das Vertrauen. Sprich, wenn ich sage: „Sorry, ich will ne R’n B- oder Deutschrap-Nummer machen!“ – Dann meinen die: „Geil!“ Dadurch, dass da Künstler sind, die relativ erfolgreich sind, ist das auch einfach so ein bisschen entspannter.

Ganz ehrlich: Gerade heute, wo Musik so omnipräsent ist und aber auch gleichzeitig so frustrierend sein kann, da ist es definitiv am ehrlichsten, wenn du das machst, worauf du Bock hast. Und wir sind jetzt alle keine Typen, die mit riesen Talent gesegnet vom Himmel gefallen sind. Wir sind auch irgendwie normale Vögel, die ihren Scheiß machen.

trndmusik: Du bist gerade jetzt im Sommer auch recht viel unterwegs. Gab es für 2013 schon ein Highlight für Dich, war heraus stach?

Till: Ich spiele gerade jetzt im Sommer recht wenig, weil ich ja nebenbei auch noch eine Booking-Agentur betreibe und mich um Künstler kümmere, die jetzt gerade 20 bis 25 Shows spielen. Da ist jetzt gerade tierisch viel Arbeit. Und ich hab vor zwei Jahren im August bewusst angefangen, weniger zu machen, weil ich ja auch schon mittlerweile Mitte 30 bin. Ich will auch mal ins Freibad gehen oder mit meiner Freundin am Morgen nach Warnemünde fahren und ’nen Larry machen. Letztes Jahr habe ich angefangen sechs Wochen am Stück weniger zu spielen und dieses Jahr im Juli nur die Samstage spiele und mir die kompletten Freitage frei halte. Das ist voll geil und chillig. Versteh mich nicht falsch, das hört sich echt arrogant an, aber schau dir mal die Festival-Programme an und du siehst de facto 75 % die gleichen Namen wie bei allen anderen Festivals auch. Die Leute spielen immer das Gleiche, und die Leute wollen auch immer das Gleiche hören und das ist auch nicht so richtig meins. Die geilen Gigs dieses Jahr hatte ich in irgendwelchen Clubs mit 250 Leuten, wo sich alle haben gehen lassen. Und das Sónar in Barcelona war richtig geil!

trndmusik: Am 13. September 2013 steht bei dir eine neue Mix-CD an. Erzähl uns noch kurz dazu etwas.

Till: Das ist im Grunde genau das Gleiche, über was wir eben schon geredet haben. Lieber jetzt eine Mix-CD machen, die ich zu Hause hören kann, anstatt irgendwas mit den die coolsten Clubtracks. Ich will nicht die 18-Jährigen ansprechen, die zum Feiern rausgehen. Ich bin 36, ich muss nicht zu Hause eine CD mit den neusten zehn Superhits hören, die eh jeder DJ vor mir und nach mir im Club rauf und runter spielt. Ich höre auch andere Musik, und das ist die Idee hinter diesem Release. Tracks auszuwählen, die nicht unbedingt bekannt sind, die ich selber feier, teilweise von Leuten, die erst eine Platte gemacht haben, ich aber höre und geil finde! Ich will den Leuten, die die CD kaufen, unbekanntere Künstler nahe bringen, und wenn sie schon von 500 Personen gekauft wird und deren Horizont dadurch erweitert wird, dann reicht mir das! Ich mach‘ das mit der Musik, weil ich Bock drauf habe und weil ich es liebe und das ist das Wichtigste!

Das Interview führte Sarah Schlifter.