Eine Reise ins Wunderland: Daniel Avery und sein Album „Drone Logic“


Von Vitus Bachhausen

Das Wochenende liegt hinter uns: Ein sanfter Schwall aus Zigaretten-Qualm und Nebelmaschinen-Rauch steigt aus den Klamotten hoch in unsere Nase. Tanzende Lichter wirken stroboskopisch vor unserem geistigen Auge nach. Und der flüsternde Tinnitus in unseren Ohren erzählt von der Wucht des Erlebten. Am Montag sind die Symptome dann offensichtlich: Lethargie, Müdigkeit, Antriebslosigkeit.

Daniel Avery

All den krankhaften Alltagseskapisten unter euch verschreiben wir hiermit das Allheilmittel: „Drone Logic“ von Daniel Avery. Mit einer Dosis von zwölf hochtranszendentalen Tracks katapultiert euch Avery mental zurück in den Rausch durchgetanzter Clubnächte. In ca. 70 wohltuenden Minuten wird sich eure Seele regenerieren und ihr seid wieder gestärkt für die Realität des Alltags.

Dass der 27-jährige Brite aus dem beschaulichen Bournemouth im Süden Englands eine solche Wirkung verursachen könnte, hätte er am Anfang seiner Karriere sicherlich nicht geglaubt. In der Jugendzeit prägten seinen Musikgeschmack nicht Aphex Twin oder LFO, vielmehr idolisierte Avery Rock-Ikonen wie Nirvana oder Black Sabbath, die er in der Plattensammlung seines Vaters für sich entdeckte. Erst durch den Electroclash von Bands wie New Order oder Neu! brachte ihn diese Schiene in Richtung elektronischer Musik. Motiviert durch die Londoner Trash-Partys seines heutigen Mentors Erol Alkan, bewarb sich Avery erstmals für eine Stelle als „Warm-Up-DJ“. Genau richtig für den jungen Rebellen: „Es gibt noch keinen Dancefloor, es geht darum, eine Atmosphäre zu schaffen und die Leute neugierig zu machen.“ Diese Atmosphäre bot ihm genug Spielraum, um seinen eigenen (unkonventionellen) Stil als DJ zu finden. In seinen Ohren wird Beat-Matching beispielsweise überbewertet, stattdessen legt er vielmehr Wert auf eine kreative Fusion der Tracks seines Sets. Dabei kann es auch schon mal passieren, dass es Avery in der Fabric, seinem Resident-Club in London, bis zur totalen Stille und Dunkelheit im Raum kommen lässt, um dann aus dem Nichts den nächsten Track losscheppern zu lassen: „Man muss Vertrauen haben, um das zu tun. Vertrauen in die Crowd, in die Anlage, dass der Club es begreift. Es geht um eine psychedelische Reise. Es wird still. Und dann kommt eine Stimme aus dem Nichts.“

Den Auftakt dieses Trips macht Water Jump und lässt euch, hypnotisiert von eben jener Stimme, in das Avery’sche Wunderland eintauchen. Einen frühen Höhepunkt auf dieser Reise bildet der gleichnamige und vielgefeierte Track Drone Logic. Langsam aber gleichzeitig unfassbar kraftvoll errichtet Avery hier eine monumentale Wallof-Sound, um sie daraufhin mit wuchtigen Kicks niederzureißen. Unüberhörbar ist auch Naive Response. Akkorde über Akkorde werden hier übereinander gestapelt, mit Effekten und Filtern geformt und wieder verformt, und schließlich durch weitere treibende Acid-Synthesizer ergänzt. Mit unaufhaltsamer Macht brettert dann All I Need auf uns zu, unser Geheimfavorit des Albums. Wir geraten in einen nur unscheinbaren, aber schließlich scheinbar unendlichen Strudel von Synths, der plötzlich durch atemberaubend schlagfertige Kicks unterbrochen wird.

Es sind Momente wie diese, die uns vollkommen in eine eigene Parallelwelt eintauchen lassen. Diese psychedelische Wirkung der eigentlich typisch technoiden Titel erzeugt Avery, indem er sie mit martialen Acid-Basslines und -Synths nur so vollpumpt, aber eben nur so viel wie nötig ist. Das Timing macht’s und die Erklärung dafür liegt auf der Hand: „Ich sehe mich selbst zuerst und vor allem als DJ. Ich war DJ, bevor ich überhaupt daran dachte, meine eigene Musik zu machen. Ich wusste seit dem Beginn der Aufnahme, dass ich ein Album machen wollte, nicht nur eine Sammlung von Tracks. Nachdem ich seit zehn Jahren in Clubs gespielt hatte, habe ich ein Gefühl dafür entwickelt wie Dancefloors funktionieren und sich im Laufe der Nacht wandeln. Und es gibt definitiv Tracks, die ich mit bestimmten Dancefloors im Kopf gemacht habe.“ Diese spezifische Räumlichkeit von Averys Produktionen ist dem Album deutlich anzuhören und führt den Zuhörer auf seiner Reise durch die verschiedensten akustischen Orte.

Im Übrigen wäre es vermessen, das Album als reine Tanzmusik abzustempeln. „Ich möchte auf jeden Fall, dass das Album aus mehr als nur Club-Tracks besteht. Ich wurde in besonderer Weise inspiriert von den Chemical Brothers oder Underworld, die Ära, in der du dir ein Album einfach nur anhören konntest oder dazu tanzen konntest.“  Diese Vielseitigkeit beweist Avery insbesondere im letzten Teil des Werks, wenn er uns mit Titeln wie Knowing We’ll Be Here sanft, ja sogar emotional einfühlsam, wieder in die Realität zurück holt.

Drone Logic ist ein Album wie es sein sollte. Daniel Avery entführt uns für die Zeit seiner Spieldauer in ein Wunderland, das er mit seinen charakteristisch-individuellen Mitteln geschaffen hat. Manchmal kann diese Welt furchteinflößend und brutal sein, manchmal aber auch sanft und empathisch. Die Hauptsache ist jedoch, dass er uns für überlange 70 Minuten eine spannungsgeladene, unterhaltsame und lebendige Geschichte erzählt, die uns mit festem Griff in ihre eigene Realität mitreißt, uns an ihr intensiv teilhaben lässt, und uns nach dem Hören wieder in die wahre Wirklichkeit entlässt. Somit schafft Avery ein rundum rundes Klangerlebnis, das sich jeder von euch mal gönnen sollte, wenn der Alltag mal wieder zu beschwerlich wird.