Von „White Sheets“, Teppichen und Farben: Jonas Woehl im Interview


Der 20-jährige Dresdner Jonas Woehl kann wohl getrost als einer der vielversprechendsten Hoffnungsträger der deutschen elektronischen Musik-Szene bezeichnet werden. Ende März wird er die Welt mit seinem Debütalbum, „White Sheets“, bereichern. Einen exklusiven Stream der ersten Single „The Place Pt. 2“ (feat. Locoto) könnt ihr jetzt schon bei uns hören. Also, Ohren auf und lauschet:

trndmusik: Im Internet findet man wenig biografische Informationen zu dir. Erzähl doch mal, wie du zu dem geworden bist, der du bist. 

Jonas Woehl: Erstmal ganz musikunabhängig: Ich bin der Jonas Woehl, geboren am 28. April 1993 in Dresden und wohne da auch seither. Ich habe auch die Musikschule besucht seit ich sechs war. Da habe ich angefangen, wie fast alle, mit der Sopran-Blockföte. Von da aus ging’s dann zur Alt-Blockflöte und dann hab’ ich Klarinette gelernt. Zu Hause habe ich mir dann so ein bisschen Gitarre beigebracht. Musik war also schon immer irgendwie präsent in meinem Leben. Ich bin aber auch nicht sicher, ob meine musikalische Vorbildung wirklich Einfluss auf das hatte, was ich heute mache. Es ist jetzt nicht so, dass ich heute überlege, zu dem Ton könnte jetzt der passen… Das funktioniert eher über Trial-and-Error bei mir.

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trndmusik: Nach demselben Prinzip läuft es ja bei dir und der DAW Ableton Live. Du gibst ja sogar Workshops und teilst dein Wissen darüber. Wie hast du dir denn diese Expertise erarbeitet? 

Jonas Woehl: Ich glaube, ich hätte damals gerne so einen Workshop gehabt. Ich habe mir das alles so youtubemäßig angeeignet. Ab einem gewissen Punkt wusste ich dann auch, nach welchen Begriffen ich suchen muss, wenn ich irgendwas Spezielles wissen will. Wenn man dann wirklich gecheckt hat, wie das Programm funktioniert, merkt man, dass es immer nach demselben Schema aufgebaut ist. Und dann kann man auch wirklich anfangen, sich mit der theoretischen Seite der Musik zu beschäftigen. Dann steht einem das Programm nicht mehr im Wege.

trndmusik: … Aber nun zurück zu den Flöten. Wie bist du von da aus zur elektronischen Musik gekommen?

Jonas Woehl: So mit 15 oder 16, also in der Zeit, in der man so auf die ersten Partys geht, hat mich das Ganze gecatcht. Ich habe dann auch angefangen, aufzulegen und so ein bisschen zu produzieren. Ich mache also etwa seit vier Jahren Musik auf diesem Wege und seit zwei Jahren etwa in der Richtung, die man heute von mir kennt. Angefangen hab’ ich aber mit David Guetta und so (lacht).

trndmusik: Gibt’s denn irgendwelche DJs oder Produzenten, die dich von da an auf dem Weg der Besserung beeinflusst haben?

Jonas Woehl: Als nächstes war ich dann ziemlich begeistert von Deadmau5 und bin darüber auf Minimal House gekommen und von da aus zu meinem heutigen Sound. Ich muss aber schon zugeben, Deadmau5 war immer irgendwie präsent und hat mich auf dem Weg begleitet. Mir war allerdings immer wichtig, dass ich von mir behaupten kann, nicht wie der und der zu klingen. Dafür höre ich auch bewusst wenig elektronische Musik in meiner Freizeit. Klar gibt es Interpreten aus dieser Szene, die ich mir privat immer mal wieder gerne anhöre, beispielsweise von Leuten, zu denen ich einen persönlichen Bezug habe, Rampue wäre da zu nennen. Auch die ganze Posse um Avatism finde ich interessant. Außerhalb der elektronischen Musik höre ich gerne Post-Rock, wie er von Daughter oder Now Now gemacht wird. Auch so Mainstream-Radio höre ich ab und zu, wenn ich auf dem Weg zu Gigs bin, einfach um mich zu erden und nicht auf dem Elektronik-Trip hängen zu bleiben. Es gibt aber keinen Produzenten in der elektronischen Musik, von dem ich alles 100 % geil finde, was der macht. Eher lasse ich mich von bestimmten, einzelnen Elementen von dem und dem inspirieren.

trndmusik: Würdest du dich denn als einen Produzenten bezeichnen, der sich auch von seiner Stimmung inspirieren lässt, oder kannst du dich gut davon abkapseln?

Jonas Woehl: Also, was das angeht, bin ich, glaub’ ich, ein ganz unromantischer Musiker (lacht). Für die Musik, die ich machen will, habe ich eigentlich immer eine gewisse Stimmung im Kopf, ich assoziiere das übrigens mit Farben. Bei mir ist es oft die Farbe Blau, so blöd wie das klingt. Ich will halt blaue Musik machen. Düster, schon ein bisschen hell teilweise, also hellblau… Klingt jetzt echt ein bisschen bescheuert (lacht).

trndmusik: Ach, Quatsch.

Jonas Woehl: Ich glaube jedenfalls, man würde nie raushören, ob ich einen guten oder schlechten Tag hatte, wenn ich Musik mache. Der einzige Einfluss eines schlechten Tages wäre wahrscheinlich, dass ich einfach nichts fertig kriege. In meinem Kopf hat meine Musik einfach sowieso schon eine bestimmte Stimmung, die ich zum Ausdruck bringen will. Dabei denke ich dann auch an nichts anderes mehr.

trndmusik: Jetzt aber mal zu deiner Arbeitsweise als DJ. Du spielst in den meisten Fällen Live-Sets, die ausschließlich aus deinen Tracks bestehen. Worauf legst du dabei Wert?

Jonas Woehl: Ich nutze hauptsächlich Tracks, die schon fertig produziert sind. Es ist aber nie so, dass ich einfach blind irgendwas ausprobiere – das muss schon alles Hand und Fuß haben, wenn ich spiele. Aus dem fertigen Track suche ich mir dann Loops aus und die bau‘ ich in mein Liveset ein, sodass ich beispielsweise Drums von Track A mit Melodie von Track B kombinieren kann.

trndmusik: Bist du denn auch jemand, der live ganz neue Sounds einspielt und in seinen Track einbaut?

Jonas Woehl: Da muss ich ganz ehrlich sagen, dass es mich schon reizen würde. Obwohl sich das bei meiner Musik wahrscheinlich auf Drums beschränken würde. Ich bin zugegebenermaßen nicht so risikofreudig, was das angeht, und gehe lieber auf Nummer Sicher, indem ich meine Tracks dann spiele wie sie sind. Eher lege ich Wert darauf, dass das Set auch zusammenhängend Sinn ergibt. Ich weiß, dass es da verschiedene Philosophien gibt, aber ich bin wirklich der Meinung, dass es die Arbeit im Studio ist, die letztendlich das ist, was einen Künstler auszeichnet.

trndmusik: Du sprichst von Sinn. Versuchst du mit deinen Live-Sets eine Art sinnhafte Geschichte zu erzählen?

Jonas Woehl: Da kommen wieder die Farben in’s Spiel. Wenn ich live spiele, kenne ich natürlich alle meine Tracks und hab’ im Kopf, was die für einen Spannungsverlauf haben und welche Stimmung die transportieren. Das wandle ich in meinem Kopf dann in diese Farben um und weiß, der blaue Track könnte  zu diesem grauen passen. Dementsprechend ist es mir schon sehr wichtig, dass meine Sets in sich stimmig sind.

trndmusik: Wie kontrollierst du das alles? Welches Equipment nutzt du im Studio und im Club?

Jonas Woehl: Auf meinen Gigs spiele ich zurzeit mit einem Launchpad von Novation und dem Evolution UC33e von M-Audio und als Soundkarte nutze ich eine Native Instruments Audio 4. Beim Produzieren, muss ich ehrlich sagen, bin ich nicht wirklich der Typ, der viel zum Anfassen braucht. Ich hab’ auch kein Keyboard oder ein Drumpad. Seitdem ich mit Ableton arbeite, spiele ich die Sounds meistens mit der Tastatur und über die Quantisierung kommt’s letztendlich ja eh nicht mehr darauf an, ob man genau den Takt trifft. Meisten klicke ich mir meine Töne auch in den MIDI-Clips per Maus zusammen. Mir ist an diesem Punkt besonders meine Soundkarte zum Aufnehmen wichtig, meine Saffire Pro 24, ich nehme nämlich ziemlich viele Sounds auf. Aber Synthesizer oder so hatte ich hier nie rumstehen. Ich glaube, ich würde sowas hier rumstehen haben, wenn ich das Geld dafür hätte, aber da investiere ich das wenige Geld lieber in Software-Plug-Ins. Die sind deutlich preiswerter und ich wüsste auch, wie ich die bearbeiten müsste, damit sie mehr nach Hardware klingen, auch wenn man natürlich nie vollends an diesen Sound ran kommt. Plug-Ins nutze ich aber eigentlich nur für Bässe oder Leads, ansonsten arbeite ich ziemlich viel mit Samples, will aber nicht unbedingt verraten, woher. Da würde man sich bestimmt an den Kopf greifen, wenn man wüsste woher die kommen (lacht).

trndmusik: Jetzt mal eine ganz dumme Frage, einfach nur der Ordnung halber: Könnte man deine Musik in ein bestimmtes Genre einordnen?

Jonas Woehl: Vor ein paar Monaten hätte ich noch gesagt, dass ich dieses Deep House mache, von dem alle reden. Wobei ich mittlerweile sagen muss, dass der Begriff so breit getreten wurde, sodass jeder sagt, er macht unheimlich deepe Komponien. Ich glaube, bei mir ist es einfach eine Mischung aus verschiedenen Genres. Im letzten Monat ist bei mir immer mehr Techno dazu gekommen, ansonsten bin ich von Electronica und House beeinflusst. Unter Tech House, wie die meisten das vielleicht nennen würden, verstehe ich eigentlich was anderes. Ich mache ja nicht so eine „Hands-Up-4-to-the-Floor-Mucke“. Meine Drums kommen irgendwie so ein bisschen technoid daher, meine Melodien aber eher dubbig. Ich weiß nicht, ich kann das wirklich nicht runter brechen.

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trndmusik: Solltest du auch nicht. Die Beschreibung ist besser als der Begriff selbst. Was hat es eigentlich mit dem geheimnisvollen akustisch-atmosphärischen Rauschen in deinem neuen Album auf sich? Es ist einfach überall.

Jonas Woehl: Das mache ich schon ganz lange. Eigentlich schon seitdem ich diese House-Schiene fahre. Das hat einfach den Grund, dass ich Parts innerhalb eines Tracks vermeiden will, in denen reine digitale Stille zu hören ist. Stattdessen setze ich immer einen akustischen Klangteppich ein, sei es ein Knistern, ein Rauschen, damit die Track-Volume, digital ausgedrückt, nie auf Null steht. Es ist aber nicht so, dass ich immer ein Vinyl-Knistern drin haben will, nur damit ich total oldschool bin.

trndmusik: Durch diese Technik gibst du deinen Tracks auf jeden Fall einen extrem räumlichen Eindruck.

Jonas Woehl: Genau. Es versetzt einen einfach in eine gewissen Umgebung, eine Atmosphäre, in der der Track spielt. Das regt die Fantasie beim Hören an.

trndmusik: Es gibt ja Produzenten, die ihr Album einfach nur Track für Track herstellen, es gibt aber auch solche, die mit dem Album eine Geschichte erzählen wollen. Hast du beim Produzieren eine bestimmte Szenerie vor Augen, die sich abspielt.

Jonas Woehl: Das Einzige, was feststand, als ich mit dem Album angefangen habe, war, dass ich schon was Düsteres machen möchte. Etwas Dreckiges. Dreckig bedeutet bei mir aber, dass ich zum Beispiel bei Drums die oberen Frequenzen radikal abschneide, damit sie nicht so zirpend-digital klingen. Genauso setze ich auf Hi-Hats oft Verzerrungen, damit sie nicht so synthetisch und clean daher kommen. Dreckiger halt. Das waren eigentlich meine einzigen Zielvorgaben zum Album. Die Tracks sind auf dem Album übrigens auch in derselben Reihenfolge angeordnet, wie ich sie produziert habe. Natürlich gab’s zwischendurch immer so ein paar Skizzen, die es nicht auf’s Album geschafft haben. Mir war nur wichtig, dass man es auch zusammenhängend als Live-Set spielen könnte, das insgesamt Sinn ergibt.

trndmusik: Jetzt nachdem du die Produktion eines Albums hinter dir hast: Würdest du sagen, dass du an diesem Punkt in deiner Karriere überhaupt noch genügend Freizeit hast?

Jonas Woehl: Ja, klar. Ich lebe von der Musik und kann mir meine Zeit frei einteilen. Ich mache zwar extrem viel Musik, am Tag etwa fünf bis sechs Stunden, aber wenn einfach nichts mehr geht, höre ich auch auf. Dann höre ich andere Musik oder gehe mal spazieren, um wieder auf den normalen Weg des Lebens zurück zu kommen und mich nicht auf meinem zu verrennen.

trndmusik: Mit 20 Jahren bist du noch extrem jung, aber hast als DJ und Producer schon einen beachtlichen Weg hinter dir. Wie gehst du mit deinem wachsenden Erfolg um?

Jonas Woehl: Das alles hätte ich niemals vorhersehen können. Ich hätte nie erwartet, dass es überhaupt so weit kommt und dann auch noch in so kurzer Zeit. Im letzten Jahr ist so unheimlich viel passiert, zum Beispiel der Release meines Kalkbrenner-Remix. Das war damals der Gipfel für mich, aber mittlerweile werde ich schon für Festivals in Mexiko gebucht. Alles wird immer surrealer. Es sind dann Kumpels, die nicht aus der Szene kommen und das Ganze als Außenstehende betrachten, die einem bewusst machen, wie verrückt das eigentlich alles ist. Ich selber nehme das gar nicht mehr so wirklich wahr, weil ich ja den ganzen Tag damit konfrontiert bin. Als ich für den Kalkbrenner-Remix bestätigt wurde, fand ich das natürlich erstmal überkrass. Aber mir wurde dann auch schnell klar: „Du musst das Ding jetzt auch machen.“ So bekommt man ein ganz anderes Verhältnis dazu und fängt an, es als Normalität und ohne Abstand zu betrachten.

trndmusik: Hast du für deine weitere Zukunft noch weitere Expansionspläne? Was steht noch an außer deinem Album?

Jonas Woehl: Ich bin natürlich extrem froh, dass das Album jetzt fertig ist und vom Tisch ist. Dass ich nichts mehr daran ändern kann. Parallel zum Album gab’s auch nie andere Projekte, weil ich mich zu 100 % auf’s Album konzentrieren wollte. Es wird sicherlich auch noch irgendwann eine EP geben, aber die ist noch längst nicht so weit. Ich habe etwa ein Jahr an dem Album gearbeitet und es war schon das Größte, was ich gemacht habe. Sowohl vom Arbeitsaufwand her, als auch vom ideellen Wert für mich.

Das Interview führte Vitus Bachhausen.