Alex Flitsch: „Musik sollte die selbe Wertigkeit besitzen – egal auf welchem Format“


Rund 72 Stunden ist Apple Music inzwischen am Start, und bis auf einen kleinen nächtlichen Ausfall läuft der Streaming-Dienst rund. Aber nicht alle sind von der neuen Errungenschaft von Apple angetan. Andrian Kreye von der Süddeutschen Zeitung meint, dass Apple sich als Freund der Popkultur inszeniere. Tatsächlich seien die Künstler dem Konzern egal. Was zähle, sei der Profit. Wir sprachen aus diesem Grund mit Alex Flitsch, seines Zeichens Gründer vom Offenbacher Label Connaisseur Recordings, über Start des neuen Angebots.

trndmsk: Alex, nutzt Du privat den Streaming-Dienst Spotify?

Alex Flitsch: Aktuell weniger als noch vor einem Jahr, muss ich gestehen. Der Grund ist aber hauptsächlich, weil sich die Spotify-Software nie so richtig in meinen Workflow eingefügt hat. Ich bin da oldschool. Ich organisiere mich immer noch viel über Ordner und suche, gerade bei Einzeltracks, dort auch aus, was ich hören möchte anstelle einer Organisation bzw. Suche in der Applikation (iTunes) selbst – außer es handelt sich um Alben oder Compilations.

alexflitsch

Spotifys Konkurrent, Apple Music, geht am 1. Juli 2015 an den Start. Mit welchen Gefühlen erwartest Du den Beginn des Streaming-Diensts?

Das Thema muss ich von zwei Seiten betrachten: Als Musikkonsument und Apple- bzw. iTunes-Nutzer sehe ich es in erster Linie als positiv, da das Streaming mit Apple Music – wie ich es auch jetzt schon testen konnte – „Apple-typisch“ viel einfacher zugänglich gemacht wurde. Ich nutze täglich iTunes und nun ist dort auf einmal alles drin. Es ist jetzt sogar so gut integriert geworden, dass ich mir vorstellen könnte, meine Musikorganisationsvorlieben anzupassen. Nur bei der Grundeinstellung der Favoriten hatte ich mir etwas schwer getan, da musste ich feststellen, dass meine Musikvorlieben doch noch ein ganzes Stück vom Mainstream entfernt sind – zum Glück sage ich mal.

Aus Label-Sicht hingegen bin ich skeptisch, aber nicht vollends abgeneigt. Würden wir mehr Alben oder Compilations mit ausschließlich exklusiven Titeln veröffentlichen, würde es mich wahrscheinlich mehr tangieren. iTunes war schon immer mehr die Plattform für große Themen anstelle von Einzeltiteln, Singles oder EPs. Ich denke, dass das auch beim Streaming so bleiben wird.

Apple wollte in den ersten drei Monaten keine Gewinne an Musiker und Labels ausschütten. „Der erfolgreichste Konzern der Welt hat sich dem Protest einer 25-jährigen Musikerin gebeugt“, titelte Die ZEIT in ihrer aktuellen Wochenausgabe. Hat Taylor Swift auch für Dich und Dein Label interveniert?

Erstmal sind wir uns hier ziemlich sicher, dass Taylor Swift nur das Sprachrohr für ein Management, eine Anwaltskanzlei oder einem ganzen Interessenverband war. Das passierte mit Kalkül und war durchdacht. Ich weiss es nicht, aber vielleicht war es sogar abgesprochen. Das war doch ein schöner PR-Gag für beide Seiten, oder? Was ich aber weiss ist, dass sowohl die Majors und vor allem auch die Indies mit intensiven Vorgesprächen ordentlich Druck aufgebaut hatten, es hatte nur noch der PR-wirksame Kniff gefehlt.

Vor Swift hatten bereits Indie-Labels angekündigt, ihre Veröffentlichungen Apple nicht zur Verfügung zu stellen. Das hat den Konzern nicht beeindruckt, erst auf Swifts Treiben hat Apple eingelenkt. Sind manche Musiker also gleicher als andere?

Hier geht es ja nicht um das Talent des Künstlers, sondern um dessen Medienwirksamkeit. Taylor Swift war somit eine gute Wahl, da sie exzellente Umsätze auf iTunes hat und auch die dementsprechende Popularität mit sich brachte.

Letztens sagte ein Freund zu mir: „Streame ich Musik wird mir schlecht – und zwar physisch.“ Hat er damit Recht? Geht es Dir genauso?

Nein, so lustig der Ausspruch ist, so drastisch sehe ich das nicht. Wie ich schon Mal in einem anderen Interview zum Thema Streaming erwähnt habe, gibt es für den modernen Konsumenten eigentlich nur Vorteile. Gerade für einen Musik-Heavyuser wie mich, der jeden Tag eh schon regelrecht mit neuer Musik überschwemmt wird, macht Steaming schon großen Sinn. Zu klären sei natürlich, ob er jetzt Streaming im Verhältnis zum physischer Tonträger verteufelt oder Streaming auch schon mit digital. Streaming mit Vinyl zu vergleichen, ist wie Autofahren mit einem Klassiker oder einem Elektroauto. Es geht hier nicht Vor- und Nachteile, sondern einfach um eine Einstellungssache, um persönliche Präferenzen oder auch um Liebhaberei. Aus rationalen Gesichtspunkten hat Streaming oder auch ein Elektroauto mehr Vorteile – aus emotionalen Vinyl bzw. der Klassiker. Und ob man jetzt Digitalfiles auf dem Rechner hat und anhört oder streamt, macht jetzt für mich nicht so einen großen Unterschied, wie es jetzt auch Apple Music verdeutlicht, weil nun der eigene Musikcontent sich schon auf gewisse Weise mit dem Streaming-Content vermischt.

Er sagte ausserdem, dass er sich beim Stream so fühle, als hätte er keinen eigenen Kleiderschrank. Stimmst Du dem zu?

Ich hab den Vergleich schon mal in einem Artikel eines Schweizer Musikjournalisten gelesen. Das kann man so sehen, ich finde es aber nostalgisches Denken. Man kann diesen konsumevolutionären Prozess nicht umkehren, das muss einem modern denkenden Menschen bewusst sein. Wenn er so denkt, müsste er auch immer noch Filme oder Computerspiele ausschließlich über DVD anschauen bzw spielen. Bei solchen Medien wird nicht so ein Bohei gemacht, warum ist das so? Warum hat Musik an Wertigkeit verloren, nur weil es nun über ein anderes Format angeboten wird und Filme oder Computerspiele hingegen nicht? Wenn man einen Film über Netflix, Amazon Prime etc. anschaut, denkt doch sicher keiner: „Also über eine DVD wäre das noch ein ganz anderes Erlebnis.“ Alle drei Medienformen mussten den selben Leidensweg gehen nach der Einführung des Internets, haben unter Piraterie gelitten oder tun es immer noch. Komischerweise hat die Musik aber den größten Schaden davon getragen. Vielleicht liegt es am Vinyl. Sowohl Filme als auch Programme hatte nie ein Format, was sich so wunderbar emotional aufladen lässt. Disketten, VHS-Kassetten, DVDs waren im Prinzip immer nur Behelfslösungen. Es ging um den Inhalt, den Film, das Programm, das Spiel. Bei Musik hingegeben war es eine Mischform, obwohl das einem früher nie bewusst war. Über wenige Generationen hat man sich anerzogen, dass ohne die dementsprechende Verpackung Musik weniger Wert hat und das ist einfach schade. Musik sollte die gleiche Wertigkeit besitzen – egal auf welchem Format.

Wie hat sich das Einkunftsmodell Deines Labels in den letzten zehn Jahren verändert? Wie viel Prozent macht Vinyl, digitale Verkäufe und Streaming aus?

Es hat sich natürlich drastisch verändert. Wir werden im Herbst zehn Jahre alt und haben somit die komplette Digitalisierung und anschließende Virtualisierung der Musik miterlebt. Historisch gesehen waren die letzten Jahren für die Musikwirtschaft wohl mit die Ereignisreichsten seit der Einführung des Grammophon oder des Radio.

Ein Label unserer Größenordnung „lebt“ ja nicht nur von den Sales, über die letzten Jahre hat man immer mehr versucht, sich ein 360° Modell aufzubauen. Man musste sich immer mehr zur eierlegenden Wollmilchsau entwickeln, um überleben zu können. Sicherlich sind in unserem Fall nicht alle Disziplinen so wie sie optimal wären. Booking, Management, Event – da besteht bei uns noch Aufbaubedarf, was aber letztendlich ein Manpower-Problem ist. Unsere Stärken liegen mittlerweile auch im Verlaggeschäft. Es hat sich doch eine gewissen Regelmässigkeit an Synchronisationsanfragen eingeschlichen, welche zusammen mit unseren Digitalumsätzen den Löwenanteil unserer Einkünfte ausmachen. Man nimmt uns auch außerhalb der Clubwelt wahr, da unser Sound oft Crossover-Potential hat, sowas weckt das Interesse bei Werbetreibenden oder der Filmindustrie.

Vinyl ist leider ein Minusgeschäft geworden. Selbst die Zeit, wo es darum ging, den Break-Even zu erreichen, sind bei uns vorbei. Ich kann es nachvollziehen: Der Großteil der Vinylkäufer will Musik, die auch nur auf dem Format Vinyl erhältlich ist und keinen Sound, den es ebenfalls bei Beatport, Spotify oder nun auch Apple Music gibt. Auf der anderen Seiten können wir jetzt auch nicht sagen, wir machen nur noch Vinyl, weil unsere Credibility für dieses Format nicht mehr gegeben ist. Schwierig.

Streaming ist schwer abhängig vom Sound. Bei unseren Alben oder auch Compilations macht Streaming sicherlich zwischen 15 und 20 % des Umsatzes aus, bei EPs oder Singles geht aber bis auf wenige Ausnahmen relativ wenig. Nichtsdestotrotz glauben wir bei Connaisseur immer noch, dass Streaming in den Kinderschuhen steckt, und sich die Einkünfte bessern werden. Wir lassen uns überraschen.

Das Interview führte Benjamin Reibert.